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Kommentar : Müll zu trennen reicht nicht

Plastikmüll hat im Meer nichts verloren – trotzdem gibt es immer mehr davon. Bild: dpa

China will unseren Plastikabfall nicht mehr ins Land lassen. Das teure deutsche Entsorgungssystem wird noch teurer werden. Doch Jammern hilft nichts: Um unseren Abfall müssen wir uns schon selbst kümmern.

          Plastikmüll hat im Meer nichts verloren. Wenn in den Abendnachrichten Bilder gezeigt werden, wie in entfernten Weltgegenden Tausende Folien, Flaschen und Tüten auf der Wasseroberfläche treiben, ist die Empörung zu Recht groß. Glücklicherweise sind die deutschen Badeseen sauber. Das bestätigt die Deutschen darin, Klimaschützer und Recyclingmeister zu sein. Fast alle haben drei bis vier Mülltonnen vor dem Haus, um den Abfall zu trennen. Eine braune für den Bioabfall, eine blaue fürs Papier, die schwarze für den Restmüll und die gelbe für Metall und Kunststoff. Darüber hinaus gibt es Wertstoffhöfe und diverse Sammelbehälter für Elektroschrott, Altkleider und Schuhe. Gefühlt ist alles wunderbar in Ordnung.

          Leider will sich eine Meldung der vergangenen Woche nicht ins harmonische Bild einfügen: Demnach droht Deutschland im Müll zu versinken, weil China unseren Plastikabfall nicht mehr haben will. Moment mal, denkt man da. Wieso exportiert Deutschland überhaupt Plastikmüll ins ferne China? Wer genauer nachliest, erfährt ganz Erstaunliches: Von den sechs Millionen Tonnen Plastikmüll, die hierzulande jedes Jahr anfallen, geht etwa ein Viertel ins Ausland. Etwa die Hälfte des exportierten Mülls landet im Reich der Mitte. Die Menge ist gigantisch: Allein im vorvergangenen Jahr kaufte China rund 750.000 Tonnen Plastikmüll aus Deutschland. Das entspricht mehr als 80.000 randvollen Müllwagen.

          Was mit dem deutschen Müll in China passiert ist, will keiner so genau wissen. In die offiziellen Statistiken jedenfalls fließt das nach China verschiffte Plastik als erfolgreich recycelt ein. Dabei arbeitet laut Experten sogar die Müllverbrennung in Deutschland ökologischer als die chinesische Kunststoffverwertung. Aber weg ist weg, aus den Augen aus dem Sinn.

          Müll trennen alleine reicht nicht

          Bedauerlicherweise entpuppt sich die Vorstellung von den mülltrennenden Umweltchampions auch mit Blick auf andere Werte als Lüge. Der typische Bundesbürger hat laut EU-Statistikamt im vorvergangenen Jahr exakt 37,4 Kilo Plastikverpackungen als Abfall hinterlassen. Das ist dreimal mehr als ein Bulgare verursacht, und sogar sechs Kilo mehr als der durchschnittliche EU-Bürger ansammelt. Bei der Wiederverwertung sieht es besser aus, aber längst nicht vorbildlich. Das Recycling von Altpapier, Altglas, Weißblech und Aluminium klappt gut, die Aufbereitung von Kunststoffverpackungen hingegen unzureichend. Noch immer wird in Deutschland die Hälfte der Plastikabfälle verbrannt oder landet im Ausland. Tschechien und Bulgarien hingegen erreichen Aufbereitungsquoten von 62 Prozent. Immerhin ist Besserung in Sicht. Ende dieses Jahres tritt das neue Müllgesetz in Kraft, das steigende Recyclingquoten verlangt.

          Doch auch damit wird längst nicht alles gut. Der bisherige Ablasshandel (Ich trenne meinen Müll, also darf ich sorgenlos einkaufen) greift zu kurz. Hersteller wie Konsumenten müssen umdenken. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Muss es wirklich sein, dass in eine große Gummibärchentüte Dutzende kleine Tütchen kommen? Muss jede einzelne Gurke im Supermarkt in Plastik verpackt werden? Müssen so viele Kaffee „to go“ sein?

          Auch an der Akzeptanz für wiederaufbereitete Materialien hapert es. Die Industrie ist nur in engen Grenzen bereit, bei der Qualität der Ausgangsstoffe Abstriche hinzunehmen. Die deutschen Verbraucher hingegen werden es definitiv akzeptieren müssen, dass die Preise für Plastikwaren etwas steigen. Das chinesische Importverbot für Müll wird dazu führen, dass Handel und Industrie mehr an den Grünen Punkt zahlen müssen. Das teure deutsche Entsorgungssystem wird noch teurer werden – und viele Produzenten werden die höheren Kosten durchreichen. Das ist trotzdem besser, als den alten Plastikmüll nach Fernost zu exportieren, wo er oft genug im Meer landet. Um unseren Abfall müssen wir uns schon selbst kümmern.

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

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