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Motorsport : Die Formel 1 fährt dort, wo der Rubel rollt

  • -Aktualisiert am

Rast immer seltener in Europa: Die Formel 1, hier auf Werbetour in Austin Bild: Getty Images

An diesem Sonntag ist Auftakt im australischen Melbourne. Der Rennzirkus entfernt sich mehr und mehr von seiner europäischen Heimat. Den Chefmanager Bernie Ecclestone kümmert das kaum.

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          „Wir sind ein Weltsport“, hat Bernie Ecclestone dieser Tage wieder gesagt. Gerne zählt der Chefmanager der Formel 1 auf, wo sein Zirkus innerhalb eines Jahres Station macht. Nach dem Auftakt an diesem Sonntag in Melbourne geht es weiter über Malaysia nach China. Insgesamt 20 Grand Prix stehen auf dem Programm. Wieder führt die Tour über vier Kontinente. Nach der Premiere in Indien im vergangenen Jahr ist für den Herbst nach fünf Jahren auch wieder eine Runde in den Vereinigten Staaten (Austin) geplant. 20 Rennen hat Ecclestone durchgesetzt bei den Teams, mehr sind nicht möglich zwischen März und Ende November. Weil bald noch ein zweiter Grand Prix in New Jersey, einer in Mexiko, Argentinien und 2014 unmittelbar nach den Olympischen Spielen in Sotschi der erste Auftritt in Russland folgen sollen, müssen einige Touren gestrichen werden. Die Kriterien sind simpel. Ecclestone lässt fahren, wo der Rubel rollt. Und so entfernt sich die Formel 1 mehr und mehr aus ihrer Heimat: Europa.

          Ecclestone: „Es gibt doch genügend Rennen in Europa“

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Den 81 Jahre alten Geschäftsführer des Formel-1-Vermarkters CVC rühren die Klagen der europäischen Veranstalter wenig. „Es gibt doch genügend Rennen in Europa.“ Die Sause im Stadtstaat Monaco bildet immer noch den Höhepunkt einer Saison, das Wald-und-Wiesen-Festival im englischen Silverstone ist Jahr für Jahr ausverkauft, die Italiener und vor allem Ferrari lassen sich das Spektakel in Monza nicht nehmen. Aber selbst diese Kultstätten des Motorsports stöhnen unter den Kosten - wenn doch schon im Land der Autofahrer ein Formel-1-Rennen seit Jahren nicht mehr ohne Verlust zu finanzieren ist. Fünf Piloten bieten die Deutschen, den zweimaligen Weltmeister Vettel als Titelverteidiger, den Rekordchampion Schumacher, sie haben mit dem Mercedes-Team einen Weltkonzern zu bieten.

          Und trotzdem muss die Hockenheim-Ring-GmbH als privater Organisator jeden Euro zweimal umdrehen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Es ist zehn Jahre her, dass man in Deutschland fette Gewinne mit dem Kreisverkehr der Schumachers machen konnte. Seitdem schlugen und schlagen sich die Deutschen mit hohen Verlusten herum, die am Nürburgring bislang vom Steuerzahler getragen wurden. In Hockenheim wird (ohne einen Cent Landesmittel) nur noch gefahren, weil Ecclestone bereit war, einen gültigen Vertrag aufzulösen und mit dem neuen auf rund zehn Millionen Euro der üblichen Antrittsgage zu verzichten.

          Der britische Formel-1-Chef Bernie Ecclestone
          Der britische Formel-1-Chef Bernie Ecclestone : Bild: dpa

          Für das Fahrerfeld zahlten die Hockenheimer 2010 - geschätzt - rund zwölf Millionen Euro. Allerdings kassiert Ecclestone nun wieder mit, wenn im Juli mehr als 55 000 Zuschauer kommen. Dann fließen rund 100 Euro pro Eintrittkarte in die Kasse des englischen Vermarkters. Formel-1-Rennen sind in Europa im Schnitt ohne Subventionen nur verlustfrei finanzierbar, wenn mehr als 100000 Fans bereit sind, rund 250 Euro zu investieren.

          Denn Ecclestone verlangt von den Ausrichtern unter anderem eine „weiße Rennstrecke“. Er beansprucht alle Werberechte. So bleiben dem Veranstalter nur die Einnahmen aus dem Kartenverkauf übrig. In China oder Malaysia, in Abu Dhabi oder Bahrein geht diese Rechnung auf. Verluste werden von Gesellschaften, die meistens dem Staat oder den Machthabern gehören, aufgefangen. Entsprechend verlockend sind die Angebote an die Formel 1. In Übersee streicht Ecclestone mitunter das Doppelte der in Europa üblichen Gebühren ein. Das ist der entscheidende Grund für den Zampano, nicht allzu sehr auf gesellschaftspolitische Zustände zu achten.

          Abgesehen von den vier großen Teams gelten alle Rennställe als gefährdet.

          Die Absage des Saisonauftaktes 2011 in Bahrein wegen der brutal niedergeschlagenen Demonstrationen vor einem Jahr schmerzte ihn. Diesmal will er unbedingt an der Rückkehr Ende April festhalten. Obwohl sich nichts geändert hat. „Die Organisatoren sagen, dass sie alles unter Kontrolle haben“, sagte der Brite „Formula1.com“. „Im Moment sollten wir ihnen Glauben schenken.“ Bahrein zahlt angeblich 35 Millionen Dollar.

          Bei solchen Summen müssen die Europäer passen. Sie sind auf dem Rückzug. Nachdem die Deutschen eines ihrer zwei Rennen zurückgaben, folgen nun die Spanier. Der Große Preis von Belgien in Spa-Francorchamps steht Jahr für Jahr auf der Kippe, eine Kooperation mit Ausrichtern in Frankreich, wo aus finanziellen Gründen seit Jahren nicht mehr gefahren wird, scheint nicht zustande zu kommen. Europa droht also noch mehr Rennen zu verlieren. Ecclestone kann diesen Trend kaum bremsen. Denn die Rennställe sind auf seine Einnahmen angewiesen. 50 Prozent werden an die Teams ausgeschüttet. Früher haben sich Rennstallbesitzer von den Überschüssen neue Privatflugzeuge gekauft. Heute brauchen die meisten Ecclestones Überweisungen, um im Rennen zu bleiben.

          Abgesehen von den vier großen Teams Ferrari, McLaren, Mercedes und Red Bull gelten alle Rennställe als mehr oder weniger gefährdet. Große Sponsorendeals sind über den Winter nicht bekannt geworden. Auf einen dringend notwendigen, konsequenten Sparkurs aber konnte sich die Teamvereinigung Fota nicht einigen. Ecclestones Beutezug durch aller Herren Länder wird deshalb herzlich begrüßt, die Gefahr heruntergespielt. Dort, wo es viel Geld gibt, ist die Formel 1 in der Regel nur ein Marketinginstrument, ein Prestigeprojekt von Königen wie Regierungen. Eine Identifizierung mit dem Zirkus ist in einigen Ländern selbst Jahre nach dem ersten Formel-1-Besuch nicht zu erkennen. Es gibt keine Anzeichen für die Entwicklung einer Motorsportkultur und schon gar keine entsprechend qualifizierten Fahrer.

          Während in Europa die Wurzeln langsam austrocknen, wachsen in Übersee keine neuen. Ecclestone mag vom Weltsport reden, seine Teams aber kommen nur aus England, Italien, der Schweiz sowie Spanien. 17 der 24 Piloten stammen vom alten Kontinent. Er leitet also eine europäische Reisegruppe auf Welttournee.

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