https://www.faz.net/-gqe-8x5bw

BVB-Anschlag : Gier und Verbrechen

Der Finanzhai Gordon Gekko (Michael Douglas) im Film „Wall Street“ verkörpert die Gier wie kaum ein Zweiter. Bild: defd Deutscher Fernsehdienst

Habgier war offenbar das Motiv für den Anschlag auf das Fußballteam von Borussia Dortmund. Aber so verstörend die Tat ist: Gier ist in unserer Wirtschaftsordnung erwünscht. Und nun?

          Nun war es also Habgier. Kein islamistischer Angriff auf unsere Lebensführung, kein Akt der Einschüchterung ausländischer Terrorbanden, sondern ein Anschlag aus dem Innersten der westlichen Gesellschaftsordnung: dem Kapitalismus. Knapp zwei Wochen nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund ist nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen die bittere Erkenntnis: Ein deutschrussischer Spekulant, 28 Jahre alt, mittelgroß und breitschultrig, wollte Fußballprofis töten, um damit ein Vermögen zu machen. Wäre es ihm gelungen, wäre es nicht nur Totschlag, sondern Mord. Mord aus Habgier.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Es ist bemerkenswert, welches Frösteln diese Erkenntnis auslöst, fast als wäre nach den drei am Tatort gezündeten eine vierte Bombe hochgegangenen. Islamistischer Terror ist grauenhaft genug, und wir haben uns keineswegs an ihn gewöhnt, aber er ist in seinem religiösem Eifer so entartet, dass es leichtfällt, sich davon abzusetzen. Da muss man nur die 72 Jungfrauen zitieren, die angeblich auf den erfolgreichen Attentäter nach seinem Märtyrer-Tod warten, um die ganze anstößige Fremdheit zu beschreiben.

          Habgier dagegen ist Auswuchs einer sehr vertrauten Wirtschaftsordnung, die abstoßend-faszinierende Lebensentwürfe produziert wie jenen des Gordon Gekko, der skrupellosen Hauptfigur in dem Kultfilm „Wall Street“. „Jedes Motiv für eine solche Tat ist abscheulich“, versicherte Bundesjustizminister Heiko Maas am Freitag, nur um dann doch implizit unterschiedliche Eskalationsstufen zu identifizieren. „Sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft.“ Erleichterung machte sich allenfalls breit, weil der Täter endlich gefasst ist und viele Details als „ausermittelt“ gelten. Bald schon kann der Verdächtige vor Gericht gestellt werden. Wenigstens das.

          In der griechischen Mythologie war Habgier eine Narretei

          Um unser Unbehagen gegenüber der Habgier zu erklären, muss man weit in unsere christlich geprägte Vergangenheit zurückgehen. Noch in der griechischen Mythologie war Habgier eher eine menschliche Schwäche, eine Narretei, die sich selbst entlarvte. So beschreibt es der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem „Buch der Laster“, erschienen im C.H. Beck Verlag. König Midas wünscht sich nichts sehnlicher, als dass alles, was er berührt, zu Gold wird. Als ihm dies gelingt, merkt er schnell, wohin das führt – zu Hunger und Durst. Kaum berührt er das Brot, wird es zu Gold, kaum trinkt er aus seinem Becher, wird das Wasser zu flüssigem Gold. Der Herzenswunsch erweist sich als Fluch, von dem er bald befreit wird. Der Gott Dionysos ist bereit, ihn davon zu erlösen; in einem Fluss kann er sich den Zauber abwaschen. „Das Verfehlen des guten Lebens war Strafe genug und bedurfte keiner weiteren Sanktion“, schreibt Sofsky.

          Die religiöse Verdammung der Habgier dagegen war weniger nachsichtig. Habgier ist seitdem nicht nur Laster, sondern „Todsünde“. Kein Besitz sollte von Gott ablenken. Ähnlich schlecht bestellt war es übrigens um die „Neu-Gier“, jenen unstillbaren Wissensdurst, der von der göttlichen Weisheit ablenkt. Als Kampfbegriff gegen die antike Philosophie war die „Neu-Gier“ einst geschaffen worden.

          Die Neugier der Neuzeit hat die Wandlung zur Tugend geschafft; der Habgier begegnen wir dagegen immer noch mit Ablehnung. Das zieht sich bis in unser Rechtssystem. Habgier steht dort in einer Reihe von ausgesuchten, besonders niederträchtigen Mordmerkmalen, neben „Mordlust“ oder der „Befriedigung des Geschlechtstriebs“, und ist damit eine der wenigen Konstellationen des Strafrechts, in denen das Motiv eine tragende Rolle spielt. „Habgier“, so definieren es die Juristen, „ist ein noch über die Gewinnsucht hinaus gesteigertes abstoßendes Gewinnstreben um jeden Preis.“

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Allein, die Abgrenzung fällt schwer. Wie rücksichtslos darf man sein, um sich später in seinem Erfolg noch sonnen zu dürfen? Wenn eine Gesellschaft Erfolg und Reichtum so hoch bewertet, bekommen diejenigen Schwierigkeiten, die diese Ziele zwar teilen, aber mit legalen Mitteln niemals erreichen können.

          „Habgier fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen“, sagt Klaus Günther, Professor für Strafrecht und Rechtstheorie an der Goethe-Universität in Frankfurt. Denn Gewinnstreben ist eigentlich gesellschaftlich gewünscht. „Da muss man sich schon besondere Mühe geben, um es ins Negative zu ziehen.“ Deshalb also nicht nur Gewinnstreben, sondern ein „abstoßendes“ Gewinnstreben und dann auch noch „um jeden Preis“.

          Blickt man nun auf den mutmaßlichen Täter Sergej W., scheint die Sachlage klar, jedenfalls wenn es tatsächlich zu einer Verurteilung wegen versuchten Mordes, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährlicher Körperverletzung kommt. Keine Frage, dass es hier um die abstoßendste Form der Habgier geht. Auf so ein Schurkenstück muss man erst einmal kommen: Sergej W. hat sich in das Mannschaftshotel von Borussia Dortmund einquartiert und dann drei hocheffektive Bomben so plaziert, dass sie den Mannschaftsbus auf dem Weg ins Stadion zum Champions-League-Spiel gegen den AS Monaco treffen. Kurz bevor er die Bomben hochgehen ließ, saß er in seinem Hotelzimmer und kaufte noch 15 000 Verkaufsoptionen (sogenannte Put-Optionen) für die Aktie von Borussia Dortmund, finanziert über einen ordinären Verbraucherkredit. Dann setzte sich der Bus in Bewegung, die Bomben gingen hoch, und nur durch eine Reihe glücklicher Zufälle verfehlten sie ihre geplante Wirkung.

          Sergej W., so sagt es die Bundesanwaltschaft, soll nichts weniger im Sinn gehabt haben, als einige, womöglich sogar alle zwanzig Profi-Fußballer des Vereins zu töten, um den Aktienkurs zum Absturz zu bringen. Bei einem massiven Verfall der Aktie hätte hier der Gewinn seiner Optionspapiere ein Vielfaches des Einsatzes betragen. Die „Hebelwirkung“ solcher Papiere ist enorm, mit einem kleinen Einsatz lassen sich bei großen Kursveränderungen riesige Gewinne erzielen.

          Aus der bösen Ahnung wurde ein tatsächlicher Fall

          So viel Skrupellosigkeit lässt nach Atem ringen. Bisher hat es das nur als Vermutung gegeben, vor allem bei den dramatischen Terroranschlägen des 11. September 2001. Bevor die Terroristen mit Flugzeugen die Türme des World Trade Center in New York zum Einstürzen brachten, hatten Händler massenweise auf stark sinkende Börsenkurse von Fluggesellschaften, Banken und Versicherern gesetzt und damit ein Vermögen verdient. Der Terroranschlag hatte andere Motive, so wurde später klar, doch spätestens seitdem stand die Idee im Raum: Was, wenn skrupellose Finanzjongleure nicht nur Insiderinformationen nutzen, um das schnelle Geld zu machen, sondern diese Informationen durch eigene Tatbeiträge auch noch selbst schaffen? Und was, wenn dies nicht nur durch Gerüchte gelingt, wie es immer wieder bei Hedgefonds vermutet wird, sondern durch ein kaltblütiges Verbrechen?

          Aus der bösen Ahnung ist nun erstmals ein tatsächlicher Fall geworden. Der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, wertet den Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund deshalb als neue Form der Kriminalität. Und offensichtlich eine, die selbst für Täter in Frage kommt, die nicht aus dem Milieu kommen. Christian Schröder ist einer der wenigen Experten für Kapitalmarktstrafrecht in Deutschland und hat als Richter, Staatsanwalt und nun als Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg schon viele Fälle gesehen. Auch er hält diesen Fall für einzigartig. Der mutmaßliche Täter erfülle in keiner Art und Weise das Profil des klassischen Kapitalmarktverbrechers. „Kapitalmarktdelikte sind grundsätzlich Intelligenzdelikte“, sagt Schröder. Und hier ging der Täter zwar kaltblütig, aber doch reichlich dümmlich vor. Das Entdeckungsrisiko etwa habe er komplett unterschätzt. „In Europa wird jeder Handel lückenlos dokumentiert“, stellt der Kapitalmarktrechtler klar.

          Die Instrumente, die diese Täter brauchen, gibt ihnen die Finanzwelt auf ganz legale Weise: Der Charme der Möglichkeit, auf steigende Kurse zu setzen, liegt auf der Hand. Der Nutzen von Verkaufsoptionen, die von einem negativen Ausgang, also sinkenden Kursen ausgehen, ist erklärungsbedürftig. Gerne wird in diesem Zusammenhang angeführt, dass es Unternehmen nutzt, sich gegen schlechte Zeiten abzusichern, insbesondere im Fall von Währungsschwankungen. Außerdem, so heißt es oft, zeige sich so schneller, ob etwas im Argen liegt. Anleger decken sich mit Verkaufsoptionen ein, wenn sie ein Unternehmen für schlecht gemanagt halten. Dann ist der Kurssturz nur eine Frage der Zeit. Alles vertretbar, und doch ändert es nichts daran, dass solche Optionen in erster Linie beim Zocken helfen. Und auf perfide Weise missbraucht werden können.

          Der Angriff muss durchschlagend sein

          Je größer der Absturz, desto lauter klingelt die Kasse. Das macht diese neue Form der Kriminalität so verheerend und so beängstigend. In dieser Logik reicht es nicht, ein Spiel zu verhindern oder den einen oder anderen Spieler zu verletzen. Der Angriff auf das Geschäftsmodell muss absolut durchschlagend sein, nur dann sind die Kursverluste nachhaltig garantiert. Im Fall von Borussia Dortmund saß das Geschäftsmodell zusammen im Bus und bot so eine einmalige Angriffsfläche.

          Es war ein großer Glücksfall, dass der Täter mit seinem perfiden Plan nicht durchkam. Das kann beim nächsten Mal anders sein. „Habgier ist unersättlich“, schreibt der Soziologe Sofsky. „Niemals ist die Sammlung vollständig, der Kontostand hoch genug.“

          Weitere Themen

          Der BVB bleibt nur im Bächle hängen

          4:0 in Freiburg : Der BVB bleibt nur im Bächle hängen

          Borussia Dortmund hält das Meisterschaftsrennen offen. Dank mustergültig herausgespielter Tore zieht der BVB in Freiburg im Fernduell mit den Bayern nach. Und es stehen manche Eheschließungen in Aussicht.

          Topmeldungen

          Anschläge in Sri Lanka : Massenmord an Ostersonntag

          Die Anschläge von Sri Lanka fügen sich ein in das Bild einer neuen terroristischen Internationale, die ihre Taten „ankündigt“. Das müssen die Sicherheitsbehörden ernst nehmen, um der schieren Mordlust zu begegnen.

          Glückwünsche an die Ukraine : Die Präsidentenwahl ist ein positives Signal

          Der künftige Präsident Wolodymyr Selenskyj hat keine politische Erfahrung und wird kaum alles besser machen. Und doch ist die Art und Weise, wie der Machtwechsel stattfindet, eine seltene Errungenschaft im postsowjetischen Raum. Ein Kommentar.

          Witze über Schwangere : Der Gag des Fleischlichen

          Darf man über wachsende Bäuche Witze machen? Die schwangeren Comedians Amy Schumer und Ali Wong tun es auf der Bühne. Es geht natürlich um mehr.

          Dortmunder Kampfansage : „Wir müssen Schalke weghauen“

          Durch den hohen Sieg in Freiburg bleibt der BVB im Titelrennen. Dabei ragt vor allem der Kapitän voraus. Und Marco Reus schickt eine klare Botschaft – an den FC Bayern und den nächsten Gegner.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.