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„Der nächste Lübcke“ : Morddrohung gegen Siemens-Chef

Bild: AFP

Schon zum zweiten Mal hat sich Siemens-Chef Joe Kaeser durch politische Äußerungen Feinde in der rechten Szene gemacht – und nun eine Morddrohung erhalten. Werden Topmanager in Deutschland ausreichend geschützt?

          Die Frage, ob deutsche hohe Manager genug geschützt sind vor Angriffen von Gewalttätern, brutalen Aktivisten oder Kriminellen, hat eine neue Aktualität erhalten. So ist der Vorstandsvorsitzende von Siemens, Joe Kaeser jetzt schon zum zweiten Mal durch eigene politische und klare Äußerungen zur Hassfigur der rechten Szene geworden.

          Rüdiger Köhn

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in München.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Staatsanwaltschaft Deggendorf bestätigte am Freitag Ermittlungen, nachdem Kaeser per Email eine Morddrohung erhalten hatte, „der nächste Lübcke“ zu sein. Der Absender spielt auf den Mord gegen den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke Anfang Juni an, den die Bundesanwaltschaft als politisches Attentat mit rechtsextremistischen Hintergrund einstuft. Die Mail an Kaeser trägt den Absender „adolf.hitler@nsdap.de“.

          Siemens äußerste sich zu dem Vorgang nicht. Auf Kaesers Profil bei Twitter wurde am Freitag allerdings der Inhalt der Drohmail veröffentlicht. Dort schrieb Kaeser: „Der Teufel hat jetzt auch Email. Unten ist seine Botschaft an mich.“ In einer an den Tweet angehängten Botschaft stellte Kaeser klar, dass Siemens keine Anzeige erstattet habe und die Staatsanwaltschaft von sich aus tätig geworden sei.

          Gehen ernst zu nehmende Drohungen, insbesondere Morddrohungen, gegen öffentlich bekannte und relevante Spitzenmanager ein, werden automatisch die Behörden informiert, die ihrerseits die Staatsanwaltschaft einschalten. Über den konkreten Fall wurde das Bayerische Landeskriminalamt informiert.

          Sicherheitsfachleute weisen darauf hin, dass Topmanager aus den großen Unternehmen heute umfassend bewacht würden – mit Personenschützern, zum Teil auch Wohnungen mit kugelsicheren Scheiben und gepanzerten Limousinen. Es soll einen informellen Austausch zwischen Sicherheitsverantwortlichen aus Dax-Konzernen und dem Bundeskriminalamt geben, was die Behörde auf Anfrage allerdings nicht bestätigt. „Die Gefährdung der Topmanager, ermordet zu werden, ist heute in Deutschland niedriger als zu Zeiten der RAF“, sagt Bernd-Oliver Bühler von der Sicherheitsberatung Janus Consulting in Gschwend.

          Zudem seien die Sicherheitsabteilungen der Konzerne inzwischen alle professionell aufgestellt. Auch die Familien würden in den Schutz einbezogen. Die Internationalisierung der Wirtschaft und die vielen Reisen der Manager ins Ausland, wo sie teilweise noch mehr geschützt werden müssten, hätten zudem zu einer Sensibilisierung in den Unternehmen geführt.

          Ähnlich sieht es Gero Dietrich, Geschäftsführer der Vereinigung für die Sicherheit der Wirtschaft, einem Verband mit Sitz in Mainz, dem große Unternehmen aus dem Rhein-Main-Gebiet angehören. „Gerade in Konzernen gibt es eine gute Betreuung. Aber selbstverständlich muss eine permanente Anpassung der Risikobewertung stattfinden.“ Dietrich sah den bisher unaufgeklärten Säureanschlag auf den Finanzvorstand des Energieunternehmens Innogy, Bernhard Günther, schon als „neue Qualität“ in der Gefährdung von Managern.

          Der jetzt wieder bedrohte Kaeser gehört zu den am meisten gefährdeten Personen der deutschen Wirtschaft und wird strengstens rund um die Uhr von Sicherheitskräften im beruflichen wie auch im privaten Umfeld bewacht. Zu den Sicherheitsmaßnahmen, auch zu einem nun möglicherweise verschärften Schutz, äußert sich Siemens nicht.

          Öffentliche Auftritte als mögliche Gefahrenquellen bleiben für Kaeser selbstverständlich. Am Montag wird er mit Kanzlerin Angela Merkel und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer in Görlitz auftreten, um einen Zukunftspakt für die Region zu unterzeichnen. Von Bodyguards wird Kaeser auch auf Auslandsreisen begleitet.

          Als Auslöser für den aktuellen Vorfall werden die Äußerungen des Siemens-Chefs vermutet, der über den Kurznachrichtendienst Twitter die Verhaftung von Sea-Watch-Kapitänin Caraola Rackete durch italienische Behörden kritisierte: „Menschen, die Leben retten, sollten nicht verhaftet werden. Menschen, die töten, Hass und Gewalt säen, sollten es.“ Kein anderer Spitzenmanager in Deutschland exponiert sich so mit politischen Äußerungen. Kaeser hat schon die Zurückhaltung von Managern aus Dax-Konzern kritisiert, wenn es etwa um eine Position gegen rechte Verunglimpfungen geht. Er warnte vor einer „Schweigespirale“.

          Schon vor einem Jahr wurde Kaeser über Soziale Netzwerke bedroht. Damals hatte er nach einer Tirade der AfD-Fraktionsvorsitzenden Alice Weidel im Bundestag mit einem Tweet reagiert: „Lieber Kopftuch-Mädel als Bund deutscher Mädel. Frau Weidel schadet mit ihrem Nationalismus dem Ansehen unseres Landes in der Welt. Da, wo die Hauptquelle des deutschen Wohlstandes liegt.“

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