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Ethik-Fragen : Moral für Vorstände

Recht oder Moral: Schweizer Bürger protestieren gegen den Versuch der Syngenta-Übernahme durch Monsanto. Bild: dpa

Sind Fiat-Autos sauber genug? Darf Bayer Monsanto kaufen? Vorstände stehen immer wieder vor Moralfragen. Wer sich nur auf die Gesetze beruft, macht es sich zu einfach.

          Skandal, Skandal, rufen die einen; alles im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften, entgegnen die anderen. Darf sich Fiat auf der sicheren Seite fühlen, weil seine Autos auf dem Prüfstand die geforderten niedrigen Abgaswerte erreicht haben, oder ist Fiat ein Betrüger, weil Autokäufer hinters Licht geführt und zumindest in dem Glauben gelassen wurden, das Auto erfülle auch während der Fahrt die niedrigen Abgaswerte? Fiat ist einer der jüngsten Fälle, aber kein Einzelfall, in dem unternehmerische Entscheidungen zu öffentlichen Auseinandersetzungen darüber führen, wie moralisch sich ein Unternehmen zu verhalten hat.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Ist die geplante Übernahme des amerikanischen Saatgutherstellers Monsanto durch den deutschen Bayer-Konzern wegen der zu erwartenden Synergien ein kaufmännischer Geniestreich oder nicht doch wegen des schlechten Rufs von Monsanto Ausdruck von Skrupellosigkeit und Gier? Dürfen sich die Banken durch Verweis auf branchenübliches Verhalten oder menschliches Versagen vor ihrer Verantwortung für die globale Finanzkrise drücken? Reicht eine staatliche Ausfuhrgenehmigung für den Export von Waffen in den Nahen Osten, oder hat ein Unternehmen hier auch eine eigene moralische Verantwortung?

          Bei allen Fragen geht es darum, welche Verantwortung handelnde Personen in der Wirtschaft haben über ihre Pflicht hinaus, geltende Gesetze einzuhalten. Rein rechtlich darf Bayer natürlich Monsanto erwerben, rein rechtlich gilt eine Abgasreinigung als zulässig, wenn sie die vorgeschriebenen Tests besteht. Rein rechtlich darf man Panzer exportieren, wenn die Bundesregierung zustimmt. Dennoch macht man es sich zu einfach, wenn man sich nur auf den rechtlichen Standpunkt zurückzieht. Ein Unternehmen lebt nicht nur in einem rechtlichen und (wertfreien) ökonomischen Umfeld, sondern auch in einem sozialen Umfeld. Und das verlangt, dass man sich auch jenen Regeln unterwirft, die man landläufig als Sitte, Gebrauch oder eben als Ethik (griechisch) oder Moral (lateinisch) bezeichnet.

          Freiheit kann schnell zur Perversion führen

          Der Münchener Betriebswirtschaftler Hans-Ulrich Küpper hat erst vor wenigen Tagen auf der Jahrestagung des Verbandes der Hochschullehrer für Betriebswirtschaft in München gefordert, dass sich die BWL „als anwendungsorientierte Wissenschaft mit dem Thema Ethik befassen muss“. Sie könne ökonomisches Verhalten nicht auf zweckrationales Verhalten reduzieren, denn „Werte und Moral der Menschen haben Einfluss auf betriebswirtschaftliche Entscheidungen“. Auch der „Wöhe“, das deutschsprachige Standardwerk der Betriebswirtschaftslehre, konstatiert, dass in den vergangenen Jahren die enge, wirtschaftliche Fachabgrenzung durch die verhaltenswissenschaftlich orientierte BWL eine Erweiterung erfahren hat, deren Befürworter „alle betrieblichen Handlungen unter den Vorbehalt moralischer Rechtfertigung“ stellen“.

          Für Otfried Höffe, Leiter der Forschungsstelle Politische Philosophie an der Universität Tübingen, gehört die Beschäftigung mit moralischen Fragen zwingend zu einem freiheitlichen Wirtschaftssystem dazu. Denn zum „Fluch der Freiheit“, so der Titel seines jüngsten Artikels in der „Neuen Züricher Zeitung“, gehört seiner Ansicht nach zum einen, dass sich ein freier Mensch entscheiden muss. Es macht ja kein anderer – oder er wäre nicht frei. Viel schlimmer aber ist für Höffe, dass „Freiheitswesen zum Missbrauch der Freiheit fähig sind, bis hin zur Perversion der Freiheit“. Und er fügt hinzu: „Eine zu Missbrauch und Perversion unfähige Freiheit ist nicht denkbar.“ Daraus folgt: Freiheit muss immer auch begrenzt, überwacht und kontrolliert werden – durch Gesetz und durch Moral.

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