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Monopolverfahren : Microsoft: Schuldig gesprochen, aber nicht bestraft

  • Aktualisiert am

Nennt Urteil fair: Microsoft-Gründer Bill Gates Bild: dpa

Zwiespältige Reaktionen auf den Urteilsspruch gegen Microsoft: die einen sprechen von einem Sieg für die Verbraucher, die Konkurrenz sieht dagegen den Software-Riesen im Vorteil.

          „Die Entscheidung bedeutet ein Sieg für die Verbraucher“, lobte US-Justizminister John Ashcroft das Urteil im Microsoft-Kartellverfahren. Am Freitagabend hatte Bundesrichterin Colleen Kollar-Kotelly in Washington die außergerichtliche Einigung des Softwaregiganten mit dem Justizministerium in weiten Teilen akzeptiert. Forderungen von neun weiter klagenden Bundesstaaten nach härteren Sanktionen lehnte sie dagegen ab.

          Branchenbeobachter sind sich nicht so sicher, ob tatsächlich der Konsument der Gewinner des Verfahrens ist. Sie glauben vielmehr - wie auch die Investoren an der Wall Street - dass vor allem Microsoft als Sieger aus dem vier Jahre andauernden Rechtsstreit hervorgegangen ist. Der Microsoft-Aktienkurs stieg am Freitag nachbörslich im elektronischen Handel auf 56,70 Dollar von 53,00 Dollar bei Börsenschluss.

          Obwohl dem Softwareriesen im ersten Teil des Kartellverfahrens nachgewiesen wurde, seine Vormachtstellung beim Computer-Betriebssystem Windows rechtswidrig und zum Schaden der Verbraucher bei der Eroberung neuer Märkte eingesetzt zu haben, kommt die Firma nach Ansicht ihrer Wettbewerber zu glimpflich davon: „Mit einer Einigung hat das wenig zu tun“, kommentierte Jon von Tetzchner, Chef der norwegischen Softwareschmiede Opera, das Urteil. „Microsoft wurde schuldig befunden. Es gab aber keine wirksamen rechtlichen Schritte, keine echte Bestrafung.“ Opera produziert den gleichnamigen Web- Browser, der mit dem in Microsofts Betriebssystem Windows integrierten Internet Explorer konkurriert.

          Anwender bestimmen Software-Standards selbst

          Den Kern der nun bestätigten Einigung hat Microsoft ohnehin vorweg umgesetzt. Mit der bereits ausgelieferten Software-Aktualisierung „Service Pack 1“ für Windows XP können Anwender nun festlegen, dass nicht mehr Microsoft-Programme wie Internet Explorer, Outlook Express oder Windows Media Player als Standard-Software für das Surfen im Netz, das Abrufen von E-Mails oder das Abspielen von
          Multimedia- Dateien benutzt werden. Die Funktion ist aber so versteckt, dass kaum jemand sie benutzt. Außerdem haben sich viele der Microsoft-Produkte - auch wegen des unfairen Wettbewerbs in den vergangenen Jahren - als Quasi-Standard durchgesetzt.

          Während das Urteil für die Welt der Personal Computer kaum eine Veränderung bedeutet, sind die Auswirkungen auf die Märkte noch nicht absehbar, in denen Microsoft bislang nicht dominiert. „Das Urteil erlaubt Microsoft, sich als kapitalistisches Unternehmen zu verhalten und in neuen Märkten machtvoll aufzutreten, in denen es für Microsoft keine Wettbewerbs-Beschränkungen gibt“, sagte Heather O'Loughlin, Analystin von State Street Global Advisors, einem der größten Microsoft-Aktionäre.

          Software-Riese mit Problemen in neuen Märkten

          Doch in den neuen Märkten, in denen das Quasi-Monopol von Windows bei den PC-Betriebssystemen keine gewichtige Rolle spielt, tut sich der weltgrößte Softwarehersteller mit seinem aggressiven Expansionskurs schwer. Das Milliarden-Engagement von Microsoft für die Spielekonsole X-box konnte die Marktführerschaft von Sony mit der Playstation 2 bislang zu keinem Zeitpunkt gefährden. Microsoft- Gründer Bill Gates und Unternehmens-Chef Steve Ballmer sind in diesen Tagen schon froh, wenn sie Nintendo dauerhaft auf Platz drei im Markt verdrängen können.

          Ähnlich sieht es bei den Märkten für Mobiltelefone, TV-Set-Top-Boxen oder dem vom deutschen Softwarehaus SAP dominierten Spezialmarkt für Business-Programme aus. Den gigantischen Investments in diesen Bereichen stehen bislang nur wenige Prestige-Erfolge auf dem Markt gegenüber. Bislang nutzt nur der Telefon-Operator Orange in Großbritannien ein Windows-Smartphone. Und beim Vorstoß in die SAP-Domäne hat Microsoft trotz teurer Übernahmen der Software-Häuser Great Plains und Navision noch keinen echten Durchbruch erzielt.

          Microsoft wird offensiver werden

          Marktbeobachter gehen nun aber davon aus, dass Microsoft seine Bar-Reserven von über 40 Milliarden Dollar noch viel ungehemmter einsetzten kann, um sich in diese Märkte einzukaufen. „Das Urteil hat Microsoft von den Fesseln befreit“, sagte Don Gher, Chief Investment Officer beim Microsoft-Aktionär Coldstream Capital Management. Jetzt könne Microsoft seine enormen Bargeld-Bestände effektiver einsetzen, um beispielsweise eigene Aktien zurückzukaufen oder andere Firmen zu übernehmen.

          Die EU-Kommission in Brüssel verweigerte jeden Kommentar, wie ein Sprecher am Samstag erklärte. Die Kommission untersucht mehrere Beschwerden gegen Microsoft, wonach das Unternehmen seine beherrschende Stellung für Betriebssysteme erweitern will.

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