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Wie modern ist Saudi-Arabien? : Der Kronprinz wandelt auf schmalem Grat

Bin Salam im Juni 2018 in Jeddah Bild: AFP

Muhammad Bin Salman hat Saudi-Arabiens Modernisierung angestoßen. Gegen Kritiker geht er mit Vehemenz vor. Nun spielt auch Tesla eine Rolle in seinen Plänen.

          Als Muhammad Bin Salman im Frühjahr drei lange Wochen durch die Vereinigten Staaten reiste, vermittelte er mit dieser Tour eine unmissverständliche Botschaft: Dieses Land ist der einzige wichtige Partner des Königreichs Saudi-Arabien.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Prioritäten des Kronprinzen spiegelten sich in seinen Treffen wider: Im Weißen Haus versicherte ihm Präsident Donald Trump seine politische Unterstützung und sicherte umfangreiche Waffenlieferungen zu; an der Westküste sprach er mit Amazon-Chef Jim Bezos über Technologie, mit dem Schauspieler Michael Douglas und anderen über das Kinogeschäft, in der Wüste mit dem Unternehmer Richard Branson über das futuristische Transportsystem Hyperloop. Mit Microsoft-Gründer Bill Gates tauschte er sich über Philanthropie aus, mit Rupert Murdoch und der Moderatorin Oprah Winfrey über Medien. In Boston war er Gast an der Harvard-Universität und dem MIT, in New York bei jüdischen Rabbis, um über den Dialog der Religionen zu sprechen.

          Das alles soll seinen Niederschlag im neuen Saudi-Arabien finden, das der 32 Jahre alte Kronprinz und starke Mann des Königreichs schaffen will. Ob er auch mit Tesla-Gründer und -Chef Elon Musk Bekanntschaft gemacht hat, ist zwar nicht bekannt. In dieser Woche brachte jedenfalls die Meldung, dass der saudische Staatsfonds Tesla-Aktien im Wert von 2 Milliarden Dollar erworben haben soll, die Welle vom möglichen Rückzug Teslas von der Börse ins Rollen.

          Der Kronprinz hat genug von westlicher Kritik

          In New York traf er jedenfalls den CEO von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, und den früheren Bürgermeister der Stadt, Michael Bloomberg. Mit Letzterem zog er nach dem offiziellen Termin in ein nahe gelegenes Cafe. Auf einem Foto ist zu sehen, wie beide auf Barhockern sitzend locker miteinander reden. Der hochgewachsene Kronprinz ist leger gekleidet und unprätentiös, das weiße Hemd steht offen. So will er wahrgenommen werden, und so wird er in seiner Heimat auch wahrgenommen – machtbewusst und dennoch locker.

          Keine Auseinandersetzung über die Lage der Menschenrechte im Königreich, das den Namen seiner Familie trägt und die ihm die Laune verderben könnte wie jetzt mit Kanada. Keine Kritik an seinem autoritären Kurs, mit dem er die Transformation Saudi-Arabiens gegen alle Widerstände durchsetzt und mit dem er aus dem Weg räumt, was ihm missfällt. Muhammad Bin Salman ist Saudi-Arabiens De-facto-Herrscher in einer Zeit, in der der Nahe Osten implodiert und Saudi-Arabien das letzte stabile und handlungsfähige arabische Land ist.

          Er weiß, dass die Welt auf Saudi-Arabien angewiesen ist – auch unabhängig von dessen Ölvorkommen. Und er kann es sich leisten, kleinere Partner wie jetzt Kanada und in den vergangenen neun Monaten Deutschland vor den Kopf zu stoßen. Der Kronprinz hat genug von der westlichen Kritik. Wer zu Hause nicht pariert, muss mit Gefängnis rechnen, wie die Frauenrechtlerinnen, deren Freilassung Kanada gefordert hat. Und wem das in der Staatengemeinschaft nicht gefällt, muss sich auf den Entzug der saudischen Gunst einstellen, wie nun Kanada.

          Yacht, Schloss, Da Vinci – alles standesgemäß

          Trotz allem: Scheitert der Kronprinz mit seiner ehrgeizigen „Vision 2030“ für sein Königreich, scheitert Saudi-Arabien, und daran ist niemandem gelegen. Der Kronprinz hat erkannt, dass Saudi-Arabien einen radikalen Umbau seiner Wirtschaft und Gesellschaft braucht, um im 21. Jahrhundert zu überleben und stabil zu bleiben. Denn das Erdöl kann den Wohlstand nicht dauerhaft sichern. Zudem steht die reaktionäre Geistlichkeit der Modernisierung im Weg. Früher wurde beklagt, Saudi-Arabien bewege sich viel zu langsam.

          Heute heißt es, Saudi-Arabien bewege sich zu schnell und breche ständig Tabus, der Kronprinz sei hyperaktiv, ungeduldig und impulsiv. Er hat in weniger als drei Jahren Saudi-Arabien mehr verändert als mehrere Könige vor ihm in Jahrzehnten. Die Transformation soll in einen neuen Gesellschaftsvertrag münden, die Jugend erfreut sich ungekannter Freiheiten. Der Kronprinz hat die finanzielle Unterstützung für wahhabitische Einrichtungen in aller Welt gestrichen, einen gemäßigten saudischen Islam angekündigt und der Religionspolizei die Flügel gestutzt.

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          Umso erstaunlicher ist die Vehemenz, mit der er gegen Kritiker vorgeht. Der Kronprinz will offenbar den Reformprozess unter Kontrolle halten. Jamal Khashoggi, einer der treibenden Reformer der vergangenen Jahrzehnte, lebt heute aus Furcht vor dem Kronprinzen in Washington. Bin Salman schaffe erst eine Opposition, die er nicht hatte und die er auch gar nicht brauche, sagt Khashoggi. Der Kronprinz hat sich zu einer gefährlichen Gratwanderung aufgemacht: Er schafft zwar gesellschaftliche Freiheiten, lässt aber Frauenrechtlerinnen verhaften; er verspricht religiöse Reformen, lässt aber religiöse Reformer verhaften. Die Gefahr besteht, dass er selbst zu einer Bedrohung für seine „Vision 2030“ werden könnte.

          Noch ist er der Held der großen Mehrheit der saudischen Jugend, die zwei Drittel der Bevölkerung stellt. Auch weil er die Korruption und die Vorteilnahme der vielen tausend Prinzen bekämpft. Zwar hatte er mit dem Aufbau seines Vermögens begonnen, als er noch als Student an der Börse Riad viel Geld verdiente. Aber auch er hat, wie das „Wall Street Journal“ herausfand, seine Stellung in der königlichen Familie benutzt, um große Deals zu vermitteln, wie zwischen Airbus und der Fluggesellschaft Saudia. Noch ist keine Kritik daran zu vernehmen, dass er eine der größten Jachten überhaupt, ein Schloss in Frankreich und für 450 Millionen Dollar einen Leonardo da Vinci erworben hat. Für den starken Mann Saudi-Arabiens gilt das als standesgemäß.

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