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Moderne Landwirtschaft : Wer Diesel sät, wird Nahrung ernten

  • -Aktualisiert am

Weg da, sonst beiß ich Dich: Neues Erntegerät von Krone Bild: dpa

Die Menschen werden mehr, die Böden nicht. Bessere Landmaschinen sollen die Ernährung der Weltbevölkerung sichern. Jede von ihnen wird sparsamer - und doch brauchen alle zusammen immer mehr Diesel. Ein Besuch der Messe Agritechnica.

          Der deutsche Landmaschinenbau fühlt sich der kleinen Danica May Camacho offenbar sehr verbunden - das ist die siebenmilliardste Erdenbürgerin, geboren vor gut einer Woche in Manila. Zur Eröffnung der Messe Agritechnica erscheint ein Foto von ihrem Köpfchen am Anfang einer Powerpoint-Präsentation. Dazu spricht Bernd Scherer, Geschäftsführer des Branchenverbandes VDMA Landtechnik. Er sagt: ,,Nur wenn wir gute Arbeit machen, wird es Danica May in zwanzig Jahren gutgehen.“

          Mitte des Jahrhunderts, wenn Danica May 40 Jahre alt sein wird, sollen angeblich rund 70 Prozent mehr Lebensmittel als heute benötigt werden. Die Ackerflächen aber lassen sich nicht gleichermaßen ausbauen. Also muss die Landwirtschaft effizienter werden. ,,Drei Prozent mehr müssen wir pro Jahr aus der Fläche herausholen", sagt Hermann Garbers, Geschäftsführer des großen deutschen Landmaschinenherstellers Claas. Schon heute feiert die Branche im Fahrwasser des weltweiten Agrarbooms Rekordgewinne. Ihre Produkte, zu sehen bis Ende der Woche auf der Messe Agritechnica, sind von gewaltiger Größe: Mähdrescher, selbstfahrende Traktoren, Dünge-Vorsätze von bis zu 50 Metern Breite. Nur die Straßenverkehrsordnung verhindert, dass die Maschinen noch weiter wachsen.

          Reifen mannshoch

          Größer geht nicht mehr

          Nach Jahrzehnten des Größenwachstums geht es nun um Verbesserungen. ,,Durch technischen Fortschritt haben wir den Verbrauch der Maschinen gesenkt", sagt Andreas Loewel, der Geschäftsführer für Deutschland des Landmaschinenherstellers Agco, zu dem auch die Marke Fendt gehört. Damit meint Loewel aber: den Verbrauch pro Motorleistung. Diese aber steigt weiter. Vor 15 Jahren verfügte ein durchschnittlicher Fendt-Traktor über eine Leistung von 90 PS, heute sind dies 175 PS. Damit benötigen die Traktoren mehr Benzin - und nicht weniger, wie es die Landmaschinenhersteller gern suggerieren.

          Radlager der Firma JCB

          Im deutschen Markt, der im kommenden Jahr laut VDMA mit einem Volumen von 7,4 Milliarden Euro wieder die Rekordmarke aus dem Jahr 2008 erreicht haben wird, will allein Fendt im laufenden Jahr 5500 Traktoren verkaufen. Die besten kosten rund 250000 Euro. Und auch wenn für die Landwirte die Leistung der Maschinen, Sicherheit oder Komfort noch vorrangig sind, wird auch das Thema Ressourceneffizienz wichtiger. Viele Techniken führen zu Einsparungen. Etwa das ,,Precision Farming", Schwerpunkt der Messe: Die Landmaschinen werden mittels Computer- und Elektrotechnik effizienter. Ein Großteil der in Europa neu verkauften Traktoren verfügt schon heute über ein GPS-System, welches das Fahrzeug automatisch lenkt. So würden im Vergleich zu einem menschlichen Fahrer bis zu 42 Prozent der Wegstrecke gespart, hat die Universität Hohenheim berechnet. Dank GPS merkt sich ein moderner Traktor auch, welche Stellen er etwa schon mit Pestiziden besprüht hat - und beim zweiten Überfahren stellen sich die Spritzdüsen automatisch ab.

          Traktor ohne Fahrer

          Fendt zeigt in Hannover mit seinem ,,Guide Connect" erstmals einen ganz fahrerlosen, GPS-gesteuerten Traktor. Dieser folgt versetzt einem zweiten, in dem aber noch ein Mensch sitzen muss. Das wäre zwar heute technisch nicht mehr nötig, bleibt es aber aus Haftungsgründen. Das deutsche Unternehmen Amazone stellt in Hannover ein Computersystem vor, mit dem Düngemittel je nach Windlage optimal versprüht werden.

          So viele Reifen: Traktor von Claas

          Schon heute geben Sattelitenbilder dem Bauern Aufschluss darüber, welche Teile seines Ackers besonders fruchtbar sind, wo also mehr oder weniger Düngung sinnvoll ist. Per Satellit wird sich künftig der Zustand der Pflanzen genau beobachten lassen. Bernhard Stüwe, der Geschäftsführer des Unternehmens Landdata Eurosoft, vertreibt in Deutschland Sensoren, die erkennen, wie viel Stickstoff-Dünger eine Pflanze benötigt. Das brächte rund 5 Prozent Kostenersparnis und eine Ertragssteigerung von 5 Prozent, sagt er. So ein Sensor kostet aber noch rund 25 000 Euro - immer noch viermal so viel wie ein einfacher Trecker für einen Kleinbauern in Indien.

          Ist das nachhaltig?

          Die Maschinen der Zukunft sind teuer, nur große landwirtschaftliche Betriebe können sie aus ihren Gewinnen finanzieren. Dass dies den Strukturwandel weiter beschleunigen wird, daran zweifelt in der Branche kaum jemand, auch wenn Landwirte längst einen Großteil der ,,Maschinisierung" an Lohnunternehmer, die etwa die Ernte erledigen, auslagern. Mit dem Strukturwandel wird sich künftig wohl auch der steigende Dieselverbrauch fortsetzen. In der Hochleistungslandwirtschaft erfordern etwa immer ertragsreichere Getreidesorten auch schwereres Erntegerät.

           ,,Hier gibt es niemanden, der nur in Ansätzen erkennen kann, wie die Landwirtschaft ohne Diesel funktionieren kann", sagt Agco-Geschäftsführer Andreas Loewel. Ob das nachhaltig ist, wird Danica May Camacho in 40 Jahren wissen. 

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