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Zukunft der Mode : Der Pullover kommt bald aus dem Drucker

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Teppich, Tapete, Tischdecke? Der Digitaldrucker von Kornit Digital kann viele Stoffe ausspucken. Bild: Wonge Bergmann

Individuell gestaltete Kleidung aus dem Laden? Der Digitaldruck ermöglicht das. Auf der Messe Heimtextil in Frankfurt blicken Hersteller in die Zukunft.

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          Eine Textildruckmaschine, die millimetergenau das Muster auf eine Stoffbahn druckt, das der Designer am Tisch daneben gerade am Computer entworfen hat; eine Zuschnittmaschine, die den Stoff anhand eines aufgedruckten Codes erkennt und automatisch zerteilt; schließlich Nähmaschinen, die der Schneider je nach Endprodukt, etwa eine Box oder ein Kissen, via Berührbildschirm genau einstellen kann – und all diese Schritte sind aufeinander abgestimmt. Das ist die Zukunft, sagt Christian Kaiser, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Management Research der Deutschen Institute für Textil- und Faserforschung Denkendorf.

          Die digitale Textildruckerei hat das Zentrum gemeinsam mit mehreren Firmen aus der Branche in den vergangenen Tagen auf der Frankfurter Messe „Heimtextil“ vorgestellt – als Musterbeispiel für die vielbeschworene Industrie 4.0. Auf der Heimtextil, mit 2963 Ausstellern aus 67 Ländern (2016: 2864) die Weltleitmesse für Wohn- und Objekttextilien, ist der Digitaldruck einer der Schwerpunkte gewesen. Die „Mikro-Fabrik“ ist dabei als Prototyp einer Entwicklung präsentiert worden, die Teile der Textilproduktion wieder in europäische Hochlohnländer holen könnte.

          Ein Zurück zur Massenproduktion, zum Beispiel ins Jahr 1965, als hierzulande etwa 950.000 Menschen in der Textilbranche arbeiteten, werde es zwar nicht geben. „Kleinserien, individualisierte Produkte können wir aber hier fertigen“, sagt Kaiser. Er verweist etwa auf das Projekt „Storefactory“ von Adidas. Der Sportartikelkonzern arbeitet bereits daran, kleine Produktionseinheiten in Verkaufsgeschäfte zu integrieren, zum Beispiel für eigens angefertigte Pullover. Die digitalisierte Fertigungsstrecke könne so effizient sein, sagt Kaiser, dass die Lohnkosten als Faktor an Bedeutung verlieren. Auch Manfred Junkert, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Gesamtverbands der deutschen Textil- und Modeindustrie, hält speziell angefertigte Produkte für einen „Mega-Trend“.

          Pullover-Drucker: kleinere Mengen, größere Flexibilität

          Zukünftig ermöglichten „Mini-Fabriken“ wie der Prototyp des Zentrums es den Unternehmen, mit der Produktion näher an den Kunden heranzurücken. Eine Entwicklung, von der der Hersteller Kornit Digital schon profitiert. „Vor zwei Jahren dachten wir, Türkei und Russland seien die Märkte der Zukunft“, sagt Oliver Lüdtke, Marketingchef in der Düsseldorfer Europa-Zentrale des israelischen Druckerherstellers, der 400 Mitarbeiter beschäftigt, davon 40 in Deutschland. Tatsächlich seien es aber Unternehmen aus „etablierten Wirtschaftsräumen“ in Europa und Amerika, die besonders die Digitaldrucker des Unternehmens nachfragten. Auf der Messe in Frankfurt hat das Unternehmen seinen Vorzeigedrucker präsentiert, den Kornit Allegro. Der druckt wie andere Digitaldrucker auch kleinere Serien „on demand“. Der Ausstoß ist zwar geringer als bei hergebrachten größeren Drucksystemen, dafür ist aber auch die Flexibilität viel größer.

          Das Besondere: Kornit hat sich auf Pigmentdruckverfahren spezialisiert. Dieses ermögliche, sagt Sprecher Lüdtke, nicht nur verschiedene Muster, Bilder oder Designs zu verwenden, sondern mit einer Maschine auch verschiedene Stoffe zu bedrucken, zudem verbrauche das kleinbusgroße Gerät kaum Wasser. Das ist attraktiv für Online-Druckereien mit hohem Automatisierungsgrad wie „Flyeralarm“. Die Firma aus Würzburg hat den Drucker, der auf der Messe gezeigt wurde, für rund 450.000 Euro gekauft, dazu noch eine kleinere Maschine von Kornit zum Bedrucken von T-Shirts.

          Noch lukrativer war ein Geschäft mit Amazon, das die Israelis zuletzt abschlossen. Kornit liefert mehrere Drucksysteme für das „merch by Amazon“-Programm, mit dem die Amerikaner in das Auftragsdruckgeschäft einsteigen wollen. Außerdem gewährte Kornit dem Versandriesen Optionen über knapp zehn Prozent seiner Anteilsscheine. In Amerika erlöst Kornit mehr als die Hälfte des Umsatzes, der 2016 im dritten Quartal knapp 31 Millionen Dollar betrug – eine Steigerung um rund 40 Prozent binnen Jahresfrist. Der Nettogewinn lag in diesem Zeitraum bei 361.000 Dollar. Auch Konzerne wie Hewlett Packard oder die Flint Group sind in Frankfurt vertreten gewesen, Letztere durch ihre belgische Tochter Xeikon, die in Antwerpen ihren Sitz hat. Die Flamen haben eine Maschine gezeigt, die Tapeten druckt, welche zum Beispiel die Illusion vermitteln, vor einer Backsteinmauer zu stehen. Bisher mache der Bereich Heimtextilien nur etwa 10 bis 15 Prozent des Gesamtumsatzes von rund 130 Millionen aus, sagt ein Sprecher. Das dürfte sich jedoch ändern. Das Geschäft mit den Tapetendruckern wachse jährlich um etwa 25 Prozent.

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