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Welche Konzerne der Pandemie trotzen

MARK FEHR
Foto: Ole Spata/dpa

7. Juli 2021 · Die Corona-Krise hat knapp 126 Milliarden Euro an Konzernumsätzen vernichtet. Ein umfangreiches Datenpaket des F.A.Z.-Archivs zeigt, was sich in der Welt der 200 größten Unternehmen verändert hat – und was nicht.

Die 200 größten deutschen Unternehmen haben im Pandemie-Jahr 2020 Umsatzeinbußen in Höhe von insgesamt 125,9 Milliarden Euro erlitten. Das entspricht einem Rückgang um 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das zeigt die jährliche Analyse der Großunternehmen, die das Archiv der F.A.Z. in diesem Jahr zum 63. Mal durchgeführt hat. Insgesamt erzielten die deutschen Konzerne auf der Liste im Jahr 2020 Umsätze von 2,93 Billionen Euro, nach 3,06 Billionen Euro im Jahr 2019. Angesichts des Ausmaßes der Krise sehen diese Einbußen überschaubar aus. Die Unternehmenslandschaft präsentiert sich daher auch erstaunlich stabil.

Deutschland

So hat sich am Niveau der Umsätze insgesamt wenig verändert: Im Vorjahr kamen Unternehmen von 2,9 Milliarden Euro Umsatz an in die Liste der 200 Größten, dieses Jahr war mit 2,8 Milliarden Euro nur etwas weniger nötig. Wie hoch der Umsatz eines Unternehmens ausfällt, entscheidet die Nachfrage der Kunden und die Fähigkeit, diese zu bedienen. Auf beide Kriterien hatte die Pandemie bei einzelnen Unternehmen starken Einfluss – positiv wie negativ. Langfristig ist für die Höhe der Umsätze jedoch entscheidend, wie Unternehmen sich selbst und ihre Märkte definieren. Sie können wachsen, indem sie neue Kunden gewinnen oder Konkurrenten übernehmen. Für das im Beraterjargon anorganische Wachstum durch Zukäufe steht der Großvermieter Vonovia, der sich mit Fusionen in den vergangenen Jahren bis auf Platz 144 unserer Liste emporarbeitete und nun auch grünes Licht für die Übernahme der Konkurrentin Deutsche Wohnen erhalten hat. Die vollständigen Daten finden Sie hier.

Der Siemens-Konzern dagegen spaltet einen Geschäftsbereich nach dem anderen ab, um den Einzelteilen mehr Spielraum und den Eigentümern höhere Renditen zu verschaffen. Eigentlich heißt es, das Ganze sei mehr wert als die Summe der Teile. Siemens geht vom Gegenteil aus. Die Medizintechnik ist unter dem Namen Siemens Healthineers seit gut drei Jahren erfolgreich an der Börse, Siemens Energy seit September. Der Umsatz des verbliebenen Siemens-Rumpfes ging wegen der jüngsten Abspaltung um ein Drittel zurück, dafür taucht die ehemalige Elek­tro- und Energiesparte in diesem Jahr erstmals als separates Unternehmen in unserem Ranking auf (Platz  23). Gemeinsam erzielten die drei Siemens-Gesellschaften mit mehr als 84 Milliarden Euro einen nur knapp 3  Prozent niedrigeren Umsatz als im Vorjahr. Der Abstieg des Siemens-Rumpfes vom 6. auf den 13. Platz folgt also unternehmerischen Weichenstellungen und hat mit Corona nichts zu tun.

Schlimm aber trifft die Pandemie Großunternehmen aus der Transport-, Reise- oder Warenhausbranche. Der Umsatz der Deutschen Lufthansa brach wegen gestrichener Urlaubs- und Dienstreisen sowie geschlossener Flughäfen um fast 63 Prozent ein. Lufthansa verzeichnete den größten Umsatzeinbruch auf unserer Liste, gefolgt vom Reiseunternehmen TUI, das 58 Prozent einbüßte. Noch schlimmer erging es dem Flughafenbetreiber Fraport, der Duty-free-Kette Gebr. Heinemann, dem Reisedienstleister FTI, dem Autovermieter Sixt sowie Galeria Karstadt Kaufhof. Sie tauchen wegen eingebrochener Umsätze gar nicht mehr in unserer diesjährigen Tabelle der Großunternehmen auf. Dagegen schaffte HelloFresh dank einer Verdopplung des Umsatzes den Sprung unter die 200 Großunternehmen. Der Versender von Kochboxen für zu Hause ist ein Corona-Gewinner, weil Restaurants schließen mussten und verhinderte Gäste versuchten, selbst zu kochen. Zutaten und Rezept brachte HelloFresh bis an die Tür. Von Dauer wird dieser Erfolg nur sein, wenn Kochen auch nach der Pandemie Gewohnheit bleibt. Die Börse glaubt das übrigens nicht, was daran zu sehen war, dass Meldungen über Impfstofferfolge im vergangenen Jahr die Kurse von Corona-Gewinnern wie HelloFresh wieder fallen ließen.

Auch im Kreis der wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen hat sich einiges geändert, was aber nicht nur mit der Pandemie zu tun hat. Dass die erste Börsenliga sich in den kommenden Monaten verändern wird, hat einen weiteren Grund. Die zwei unterschiedlichen Effekte lassen sich anhand der beiden Absteiger erläutern, der Deutschen Lufthansa und Wirecard. Die altehrwürdige Fluggesellschaft ist ein Corona-Opfer und rutschte ohne eigene Schuld in die Mittelklasse des M-Dax ab. Der Kurseinbruch angesichts gestrichener Urlaubs- und Dienstreisen war so tief, dass der Wert der frei handelbaren Aktien nicht mehr reichte. Den Platz des Dax-Gründungsmitglieds, das seit 1988 dabei war, nahm das Berliner Immobilienunternehmen Deutsche Wohnen ein. Der mittlerweile insolvente Dax-Neuling Wirecard dagegen stürzte so schnell, wie er aufgestiegen war. Im September 2018 hatte er die Commerzbank aus dem Dax verdrängt, doch die Euphorie von Anlegern und Analysten endete jäh, als das Unternehmen im Juni 2020 einräumen musste, dass 1,9 Milliarden Euro fehlten, ein Viertel der Bilanzsumme. Wirecard, das einst als digitales Zukunftsunternehmen galt, findet sich in unserer historischen Dax-Übersicht daher nur mit einem einzigen Jahresumsatz wieder – dem für 2019. Die Zahl besitzt nicht einmal ein Testat des Wirtschaftsprüfers.

Der Wirecard-Skandal hat die schon länger diskutierte Reform des Dax beschleunigt. Die Deutsche Börse wird daher von September an den Leitindex erstmals mit 40 statt 30 Mitgliedern berechnen, um die größten börsennotierten Unternehmen noch umfassender abzubilden. Dadurch könnten die Gesundheitsunternehmen Qiagen und Siemens Healthineers aufsteigen und der Medizinbranche im Dax zu größerem Gewicht verhelfen. Weitere Anwärter sind der staatsnahe Luft-, Raumfahrt- und Rüstungskonzern Airbus, der Duft- und Aromahersteller Symrise sowie das Versicherungsunternehmen Hannover Rück. Der Dax-Neuling Delivery Hero hat den Aufstieg ganz ohne Reformrückenwind geschafft. Die digitale Plattform für Essensbestellungen ist trotz ihres hohen Verlusts von rund 1,4 Milliarden Euro erstmals in unserer Dax-Übersicht dabei. Ein solches Debüt mit tiefroten Zahlen wird unter den nach der Wirecard-Insolvenz verschärften Börsenregeln künftig kaum noch möglich sein. Denn seit Dezember 2020 braucht jeder Aufstiegskandidat in seinen letzten beiden Finanzberichten vor der Aufnahme in den Leitindex jeweils positive operative Gewinne (Ebitda). Zu einem Dax-Ausschluss führen Verluste allein natürlich auch weiterhin nicht: Den tiefsten Ergebniseinbruch erlitt der Chemie- und Pharmakonzern Bayer, gefolgt vom Baustoffhersteller HeidelbergCement und dem Konkurrenten BASF. Das negative Bayer-Ergebnis über 10 Milliarden Euro ist allerdings nicht der Pandemie geschuldet, sondern unter anderem hohen Rückstellungen für drohenden Schadenersatz wegen des Antiunkrautmittels Glyphosat. Größter Gewinner ist der Vermietungskonzern Vonovia mit einem Ergebnisanstieg von mehr als 150 Prozent. 

Für den Dax insgesamt war der Einbruch der Unternehmensergebnisse im Jahr 2020 auf 49 Milliarden Euro eine tiefe Furche. Doch in der Finanzkrise 2008 waren die Ergebnisse auf ein weit niedrigeres Niveau von 26 Milliarden Euro gesunken. Die aktuellen Aussichten haben sich im neuen Jahr stark gebessert: Laut dem Prüfungs- und Beratungsunternehmen EY haben die Dax-Konzerne im ersten Quartal rekordhohe Umsätze und Gewinne erzielt. Auch die Dividenden an die Aktionäre sollen wieder fließen.



Die Welt- und Europameister

Die internationale Unternehmenslandschaft ist geprägt durch den Aufstieg digitaler Plattformunternehmen wie Amazon. Diese sind so groß und mächtig geworden, dass Politiker in Amerika und Europa mittlerweile über eine Zerschlagung nachdenken. Das wirtschaftspolitische Phänomen hat einen handfesten betriebswirtschaftlichen Hintergrund. Reinhard Meckl, Professor für Internationales Management an der Universität Bayreuth und Leiter des Arbeitskreises M&A der Schmalenbachgesellschaft, erläutert die Grundlagen: „Ein digitales Geschäftsmodell erfordert zwar sehr hohe Investitionen in Server und Algorithmen, mit denen sich die Bedürfnisse der Kunden wecken und decken lassen“, sagt der Wissenschaftler. „Doch steht die Plattform erst einmal, verursachen neue Kunden oder Nutzer so gut wie keine zusätzlichen Kosten.“ Betriebswirte sprechen in solchen Fällen von Grenzkosten nahe null. Die Digitalkonzerne könnten dank solcher Voraussetzungen leicht in andere Länder expandieren, wo ihr Modell nach den gleichen Prinzipien funktioniert.

Der Aufstieg der Internetriesen wird nach Einschätzung von Wirtschaftswissenschaftler Meckl noch viel Fingerspitzengefühl für Wirtschaftspolitiker und Wettbewerbshüter erfordern. Die wollen keinen Anbieter in Amerika oder Europa zu mächtig werden lassen, allerdings könnte eine zu scharfe Regulierung dazu führen, dass Konkurrenten aus China in die Lücke springen. Die Volksrepublik hat dem Wachstum der großen amerikanischen Digitalplattformen im eigenen Land früh Grenzen gesetzt. Im Schutz der „Großen Firewall“ sind daher chinesische Pendants zu den Riesen aus dem Silicon Valley entstanden wie Baidu (Google), Alibaba (Amazon), Tencent (Facebook) oder Didi (Uber). Alibaba konnte mit dem starken Heimatmarkt im Rücken auch international expandieren und schaffte es so auf die Liste der Unternehmen mit dem global größten Umsatz, auf der auch die chinesische Online-Handelsplattform JD.com vertreten ist. Alibaba beliefert auch europäische Nutzer, die Waren aus China bestellen. Und der Finanzarm des Unternehmens bietet seine Dienstleistungen zudem Chinesen an, die als Geschäftsreisende oder Touristen in der Welt unterwegs sind.


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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 07.07.2021 14:37 Uhr