https://www.faz.net/-gqe-9sn6t

Tattoo-Boom : Edding wird zum Tätowierer

Geht das auch wieder weg? Bild: Reuters

Das Tattoo-Geschäft floriert, Millionen Deutsche sind schon tätowiert. Jetzt springen die ersten großen Unternehmen auf den Trend auf.

          3 Min.

          Die Stifte von Edding sind für ihre dicken, bunten Striche bekannt. Wer sich damit etwas auf die Haut malt statt aufs Papier, ob aus Versehen oder mit Absicht, der hat lange etwas davon. Jetzt geht die Firma aus Ahrensburg in Schleswig-Holstein noch einen Schritt weiter. Wie die F.A.S. erfahren hat, entwickelt Edding derzeit eine Spezialtinte, die nicht mehr auf, sondern unter die Haut kommen und dort im besten Fall ein ganzes Leben lang halten soll.

          Sebastian Balzter

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Anders gesagt: Edding geht unter die Tätowierer. Dafür will der bisher eher als braver Bürolieferant in Erscheinung getretene Stiftehersteller im nächsten Jahr sogar sein erstes eigenes Tattoo-Studio in Hamburg eröffnen – ein veritabler Kulturschock, pünktlich zum 60-jährigen Bestehen des Unternehmens.

          Die Branche setzt Milliarden um

          Dass die Leute für Tätowierungen eine Menge Geld ausgeben, ist nichts Brandneues mehr. Die Nachfrage ist in den vergangenen zehn Jahren enorm gestiegen. Mindestens zehn Millionen Deutsche sind inzwischen tätowiert, schätzen Fachleute, vielleicht sind es auch schon doppelt so viele.

          Ein schöner Rücken kann auch entzücken.

          Zwischen 50 und 500 Euro kosten, je nach Größe und Aufwand, die üblichen Motive. Was früher ein anrüchiges Kennzeichen von Seeleuten und Ganoven, Prostituierten und Ex-Häftlingen war, ist zum massenkompatiblen modischen Accessoire geworden. Die Zahl der Tätowierstudios im Land ist von 5000 auf mehr als 10.000 gestiegen, besonders gefragte Tätowierer sind über Jahre ausgebucht. Wer vorsichtig schätzt, kommt auf einen Branchenumsatz von einer Milliarde Euro im Jahr.

          Auch der Nivea-Konzern ist interessiert 

          Verlässliche Zahlen dazu gibt es indes nicht. Dazu ist der Markt zu ungeordnet, zu kleinteilig. Aus der Chefetage von Großunternehmen betrachtet, ist das Image von Tätowierungen und Tätowierten womöglich immer noch zweifelhaft. Jedenfalls hat sich bisher noch kein Konzern, auch kein Finanzinvestor dazu durchgerungen, im großen Stil in das Geschäft einzusteigen und beispielsweise eine deutschlandweite Kette von Tätowierstudios aufzubauen.

          Wer es mag: Foto von der 10. International Tattoo Convention in Rumänien

          Besonders umtriebige Tätowierer in Berlin oder im Ruhrgebiet kommen auf vier oder fünf eigene Studios, das ist bislang die Obergrenze. Aber nun gibt es offenbar Bewegung in der Sache, die Berührungsängste der Industrie schwinden. Vor ein paar Wochen hat der Nivea-Hersteller Beiersdorf, immerhin ein Dax-Konzern, die Einführung einer neuen Pflegeserie speziell für die Bedürfnisse tätowierter Haut verkündet. Und jetzt kommt Edding dazu.

          Revolution der Tätowierer-Szene

          Die Firma, die mit rund 640 Mitarbeitern im vergangenen Jahr 140 Millionen Euro umgesetzt hat, wirbt schon seit einigen Wochen im Internet Tätowierer an. Unter dem schmissigen Slogan „Think, Ink, Love“ (zu Deutsch: „Denken, Tinte, Liebe“) lockt Edding Tätowierer mit mindestens fünf Jahren Berufserfahrung unter anderem mit den großen Segnungen des Angestelltendaseins, sprich Festanstellung und betriebliche Altersvorsorge. Das ist geradezu revolutionär in der Tätowierer-Szene, die traditionell von Freiberuflern geprägt ist, die sich selbst als Künstler verstehen.

          Auch eine internationale Tattoo-Convention, diesmal in Brüssel und vom 8. November 2019.

          Einige Dutzend Interessenten hätten sich bisher gemeldet, sagt Sebastian Knebelkamp, der das neue Geschäftsfeld bei Edding verantwortet – mehr als genug für das erste eigene Tätowierstudio in Hamburg, das im kommenden Mai oder Juni aufmachen soll. Wo genau, ob beispielsweise im Szene-Viertel Schanze oder am edlen Jungfernstieg, will der Manager noch nicht verraten. Aber wohin die Reise im Großen und Ganzen gehen soll, lässt er sich schon entlocken: gehobenes Preisniveau, helles Interieur, hohe Anforderungen an Service und Hygiene. Es ist also der direkte Gegenentwurf zum Klischee von der dunklen Tätowierer-Höhle.

          Hohe Preise, saubere Studios

          Der Aufwand, mit dem Edding die Tätowierkampagne betreibt, spricht im Grunde genommen dafür, dass es eigentlich nicht bei einem einzigen Studio bleiben soll. „Aus wirtschaftlicher Sicht macht es Sinn, über eine Expansion nachzudenken“, drückt Knebelkamp den Sachverhalt aus. Ob eine Tätowierstudiokette betriebswirtschaftlich wirklich das Gelbe vom Ei ist, muss sich allerdings erst noch zeigen. Größenvorteile gäbe es gewiss beim Materialeinkauf, bei der Einrichtung der Studios, beim Personalmanagement und beim Aufbau einer Marke. Aber verträgt sich all das überhaupt noch mit dem, was eine Tätowierung als individuellen Körperschmuck ausmacht?

          Durchaus vorstellbar ist es laut Knebelkamp also auch, dass es Edding doch bei dem einen eigenen Studio belässt, als eine Art Schaufensterbetrieb, um die Vorzüge der eigenen Tätowiertinte herauszustellen und diese dann an möglichst viele andere Studios zu liefern. Dann wäre allerdings der Pionierstatus dahin. Denn im Zulieferergeschäft ist die Konsolidierung der boomenden Branche schon weit fortgeschritten, Platzhirsch auf dem Markt für Tattoo-Maschinen ist etwa das Berliner Unternehmen MT Derm mit seiner Marke Cheyenne.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zurück nach Europa : Greta findet Mitsegel-Gelegenheit

          Um es noch rechtzeitig zur Weltklimakonferenz nach Madrid zu schaffen, muss Greta Thunberg bald in See stechen. Ein australisches Youtuber-Paar bringt sie über den Atlantik. Außerdem sieht sie etwas Gutes an Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.