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Kampf gegen Corona : Impfstoff-Produktion auf Hochtouren

Gründlichkeit vor Schnelligkeit: Die Produktion von Impfstoff ist eine komplexe Angelegenheit. Bild: laif/CAMERA PRESS/ED/JL/Pfizer

Die Politik möchte die „Krisenproduktion“ von Corona-Impfstoffen ankurbeln. Doch die Unternehmen sind längst selbst kreativ geworden.

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          Deutschland ist schon jetzt ein wichtiger Standort für die Produktion von Corona-Impfstoffen – und die Produktionskapazitäten werden stetig weiter hochgefahren. „Der Standort Deutschland spielt sowohl in der Corona-Forschung als auch in der Impfstoffproduktion eine ungewöhnlich starke Rolle“, sagte der Präsident des Verbands forschender Arzneimittelhersteller, Han Steutel, am Montag der F.A.Z. Er zählt auf: Produktionsstandorte befänden sich etwa in Mainz, Idar-Oberstein, Marburg, Laupheim, Dessau, Brehna und Tübingen.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Forderungen aus der Politik, mit staatlichem Zwang die Ausweitung der industriellen Herstellung von Corona-Impfstoffen zu einer „Krisenproduktion“ durchzusetzen, stoßen deshalb bei den forschenden Pharmaunternehmen in Deutschland auf Unverständnis. „Ich sehe keinen Anlass, warum wir am Tag eins nach Impfbeginn mit symbolischen Diskussionen über Patente und Lizenzen anfangen sollten, statt auf Strukturen zu bauen, die schon in Kürze Impfungen in größerem Stil erlauben“, sagte Steutel.

          Gerade weil sich Industrie und Regierung intensiv darauf vorbereitet hätten, könne man in Deutschland auf „ein gutes Verfahren der schnellen Ausweitung“ von Corona-Impfungen setzen. „Das werden wir schon im Januar und sicher im ersten Quartal sehen“, sagte er.

          Merck vielfach eingebunden

          Mit der Forderung nach einer Ausweitung der Produktion durch die Hilfe von anderen Pharmaherstellern hatte sich am Wochenende FDP-Chef Christian Lindner hervorgetan. Auch Linken-Gesundheitspolitiker Achim Kessler warb dafür, Impfstoff-Hersteller zu zwingen, anderen Unternehmen eine Lizenz zum Nachproduzieren zu gewähren. Die Möglichkeit dazu hatte der Gesetzgeber im Frühjahr erweitert, um für den Fall von Produktionsengpässen gewappnet zu sein. Allerdings könnte sich das nun in der aktuellen Konstellation als nicht entscheidend erweisen.

          Denn mit Biontech und dem Tübinger-Hersteller Curavec stehen ausgerechnet zwei Unternehmen in der Produktion von Impfstoffen an vorderster Stelle, die auf eine neue Technologie setzen. Diese kam bisher nicht zum Einsatz, entsprechend wenige andere Betriebe sind darauf vorbereitet. Bestehende Fabriken umzurüsten, dürfte dauern.

          Der amerikanische Konzern Glaxo Smith Kline, der in Dresden ein großes Werk betreibt, betonte deshalb, er arbeitet ebenfalls an Covid-19-Impfstoffen, nutze aber eine andere Herangehensweise. Der Pharmahersteller Bayer winkte ganz ab: Derzeit stelle der Konzern überhaupt keine Vakzine her. Ohnehin ist nicht zu erwarten, dass Unternehmen über mangelnde Auslastung klagen. Das Darmstädter Unternehmen Merck unterstrich: „Der Aufbau von Produktionsstätten zur Impfstoffherstellung ist sehr komplex und zeitintensiv.“

          Schon seit Beginn der Pandemie sei Merck in eine Vielzahl von Impfstoffprojekten eingebunden. „Unsere Teams weltweit arbeiten hart rund um die Uhr, um die benötigten Produkte zur Impfstoffherstellung so schnell wie möglich zu produzieren.“ Das Unternehmen hat erst kürzlich den Ausbau von zwei Produktionsstandorten in den Vereinigten Staaten bekannt gegeben. „Wir leisten hier bereits viel, sind aber auch zu weiteren Kooperationen bereit, wo immer das technisch möglich ist.“

          Kooperationen sind ohnehin eine Lösung, die die Industrie auch ohne den Impuls aus der Politik angestrebt hat. Der Corona-Impfstoffhersteller Biontech betreibt mittlerweile ein komplexes Netzwerk an Produktionskapazitäten in Europa. Neben der Herstellung des Ausgangsstoffs im eigenen Werk in Mainz laufen Teile der Produktion auch bei Partnerunternehmen wie Dermapharm in der Nähe von Halle in Sachsen-Anhalt und Polymun bei Wien. Außerdem wird der Impfstoff im Werk des amerikanischen Partners Pfizer im belgischen Puurs produziert und abgefüllt. Hinzu kommt das Pfizer-Netzwerk in den Vereinigten Staaten.

          Hersteller haben vorproduziert

          Noch dazu hat Biontech vor wenigen Wochen vom Schweizer Pharmakonzern Novartis ein Werk im hessischen Marburg übernommen, auf das Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag verwies. Dort soll die Produktion im Februar anlaufen. Die Freigabe des ersten dort produzierten Impfstoffs ist für Ende März geplant. Zwischen Produktion und Freigabe des kontrollierten Vakzins vergehen üblicherweise etwa vier Wochen. Im ersten Halbjahr 2021 sollen in dem Werk 250 Millionen Impfdosen hergestellt werden. Als Gesamtmenge einer Jahresproduktion strebt das Mainzer Unternehmen 750 Millionen Dosen an.

          VFA-Präsident Steutel wies darauf hin, dass es schon im Januar eine deutliche Steigerung der Impfungen geben werde. „Das funktioniert nur, weil die Hersteller vorproduziert haben“, bekräftigte er. Das finanzielle Risiko übernahm weitgehend der Staat. Jeder weitere Hersteller, der eine Zulassung erhalte, werde ebenfalls mit vorproduzierten Chargen schnell im Markt sein, sagte Steutel. Entscheidend sei, dass sich Industrie und Staaten seit Monaten darauf vorbereitet hätten, mit den Massenimpfungen zu beginnen.

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