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Aktienhandel : „SPAC“-Zentrum in Amsterdam

Die Börse von Amsterdam profitiert vom Brexit. Bild: EPA

Der niederländische Handelsplatz hat von London einigen Aktienhandel übernommen. Neben einem AEX-Rekordhoch etabliert Amsterdam sich zudem neben Frankfurt als bevorzugter Ort für Börsenmäntel.

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          Rund um die Börse herrschte dieses Jahr bisher noch wunderbare Ruhe. Zwar sind die Gebäude des Handelszentrums dem Börsenplatz an einer der zentralen Straßen in der Innenstadt zugewandt. Aber auf der anderen Seite führen das Paternostergässchen und die Kirchgasse direkt ins historische Zentrum, das auch das Rotlichtviertel der Stadt beherbergt. Die „Wallen“ liegen um die Oude Kerk („Alte Kirche“) herum, die als ältestes noch bestehendes Gebäude der Stadt gilt und von den 1580er-Jahren an auch einmal für eine Weile als Handelsplatz für Kaufleute diente.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im krassen Kontrast zur Oude Kerk posieren in dem sie umgebenden Hof halbnackte Damen in rot beleuchteten Schaufenstern. Nach langer Corona-Pause dürfen die Prostituierten aber erst seit ein paar Wochen wieder arbeiten. Viele Fenster sind noch dunkel, und die Touristenmassen fehlen – auch wenn diesen Monat wieder mehr Besucher kamen. Wer am ursprünglichen Charakter dieses Viertels nahe der Börse interessiert ist, hat Gelegenheit, die Grachten und pittoresken Gassen noch einmal in relativer Ruhe zu genießen – ohne viel Partyvolk, betrunkene und bekiffte Menschen. Vor der Corona-Pandemie war der Trubel mit jedem Jahr dichter und lauter geworden, die Kommunalbehörden waren dem Ansturm der Touristen hier wie auch anderswo in der Innenstadt nicht mehr gewachsen.

          Leitindex AEX auf Rekordniveau

          Ist die Nachbarschaft der Börse kommerziell gesehen coronabedingt in eine Baisse gefallen, so zeigt sich der Handelsplatz selbst nach kurzer Flaute in erstaunlicher Form. Einem heftigen Kursverlust im März 2020 folgte eine kräftige Erholung. Gut ein Jahr später, Anfang April dieses Jahres, knackte der Standardwerteindex AEX den zwei Jahrzehnte alten Höchststand von etwas mehr als 700 Punkten, den das Börsenbarometer während der Technologiebegeisterung um die Jahrtausendwende markiert hatte. Zwanzig Jahre also brauchte jemand dafür, wenn er im ungünstigen Zeitpunkt in den niederländischen Markt eingestiegen war – was Aktienfans bedenken sollten, die auf die häufig genannten 8 Prozent Rendite hoffen, welche Aktien typischerweise jährlich erbringen sollen. Der Index berücksichtigt – wie die meisten internationalen Indizes, aber anders als der Dax – nicht die Dividendenausschüttungen seiner Mitglieder.

          Vor knapp drei Monaten also brach der AEX den alten Höchststand, und seither hat der Aufwärtstrend nicht aufgehört: Am Montag eröffnete der 25 Titel umfassende Index den Handel mit 730 Punkten. Die von Analysten berechneten Gewinnerwartungen der Unternehmen sind gestiegen. 40 Punkte zum AEX-Anstieg trug nach Berechnung von ING allein der Chipmaschinenhersteller ASML bei, der die traditionellen alten Schwergewichte Unilever und Shell im AEX an der Spitze abgelöst hat. Als zweiter großer Aufsteiger im Standardwerteindex prägt der Zahlungsdienstleister Adyen das Bild immer stärker mit.

          AEX - Index
          AEX - Index : Bild: Bloomberg/FAZ

          Die Shell-Aktie hat sich dagegen von der Corona-Krise bisher nicht erholt, die Verluste seit Anfang des Jahres 2020 sind nicht wettgemacht. Zum Erstaunen mancher hat sich aber das aufsehenerregende Urteil gegen den Konzern nicht wesentlich im Kurs niedergeschlagen. Ein Gericht am Shell-Sitz Den Haag wies den größten europäischen Ölkonzern vor gut einem Monat an, seine CO2-Emissionen bis zum Jahr 2030 um 45 Prozent gegenüber dem Niveau von 2019 zu senken – netto, unter Verrechnung klimafreundlicher Schritte. Das geht viel weiter als die Ziele, die Shell sich selbst gesetzt hatte. Die Richter befanden, die absehbare Erderwärmung beeinträchtige Menschenrechte, unter anderem das Recht auf Leben. Der Konzern hat Berufung angekündigt – ein möglicher Grund, dass Investoren sich bisher nicht sichtbar abgewendet haben.

           

          Die Amsterdamer Börse selbst, die Teil des grenzüberschreitenden Börsenkonglomerats Euronext ist, profitiert dieses Jahr von besonderen Faktoren. Zum Jahreswechsel, nach dem endgültigen Vollzug des Brexits, verlor der Finanzplatz London das Recht, mit Aktien von EU-Unternehmen zu handeln. Einen beträchtlichen Teil des daraufhin ausgelagerten Volumens hat Amsterdam auf sich gezogen. Dazu kommt die Welle von Special Purpose Acquisition Vehicles (Spacs): Mantelgesellschaften, die als Börsenneulinge zunächst Kapital einsammeln, um dann bis zu zwei Jahre lang auf die Suche nach einer Unternehmensakquisition zu gehen. Das Zielunternehmen wird im Anschluss mit der Hülle verschmolzen und schließlich über den Spac an die Börse gebracht. Auf diese Weise entgeht es einem aufwendigeren konventionellen Börsengang.

          Spac-Zentrum neben Frankfurt

          Viel Aufmerksamkeit erregte etwa der frühere Unicredit-Chef Jean Pierre Mustier , der seinen Spac Pegasus Europe in Amsterdam an die Börse gebracht und dafür unter Investoren 500 Millionen Euro eingesammelt hat. Der frühere Commerzbank-Chef Martin Blessing holte mit seinem Vehikel EFIC1 in der niederländischen Metropole rund 415

          Millionen Euro. Mehr als ein Jahrzehnt vor Beginn der jetzigen Spac-Welle hatten deutsche Unternehmer im Jahr 2008 schon einmal einen solchen Börsenmantel aufgelegt, der in den heimischen Mittelstand investieren sollte – und brachten ihn ebenfalls in Amsterdam an die Börse.

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          Die Börsengesellschaft trommelt mächtig, wirbt mit günstigen regulatorischen Voraussetzungen und der schon erarbeiteten Marktposition bei Spacs – was ihr manche Investoren offenbar abnehmen. Der Platz gilt neben Frankfurt als das maßgebliche europäische Zentrum für die neuen Börsenmäntel, London scheint das Nachsehen zu haben. „Amsterdam übernimmt jetzt die Rolle von London“, sagte kürzlich Sven Baumann, Leiter des deutschen Investmentbankings der amerikanischen Bank Citi. In der vergangenen Woche erst gab wieder ein Spac sein Debüt bekannt: Crystal Peak Acquisition, hinter dem der britische Unternehmer und Autor Michael Tobin steht, sammelte nach eigenen Angaben 150 Millionen Dollar ein.

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