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Mittelstand : 1000 Arten, ein Unternehmen sterben zu lassen

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Die schwierige Frage nach dem Nachfolger Bild: dpa

In mittelständischen Betrieben einen Nachfolger zu finden, gelingt oft nicht. Jährlich verschwinden in Deutschland 50.000 Arbeitsplätze. FAZ.NET-Serie.

          Nicht überall verläuft der Wechsel an der Unternehmensspitze so glatt wie bei Douglas. Vor einem Jahr übernahm der 37-jährige Henning Kreke die Führung des börsennotierten Familienunternehmens von seinem Vater Jörn. Der 61-Jährige rückte nach 32 Jahren in den Aufsichtsrat, Kreke Junior ließ mit seiner ersten Bilanz des Kosmetik-, Schmuck-, Mode- und Bücherkonzerns die Konkurrenz hinter sich.

          Der Übergang an Sohn oder Tochter ist vor allem ein Problem im Mittelstand. 95 Prozent aller deutschen Unternehmen sind nach Berechnungen des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn (IfM) Familienbetriebe. Jedes Jahr sind in Deutschland insgesamt 76.000 mittelständische Unternehmen mit fast einer Million Mitarbeitern zu übergeben. Doch der reibungslose Wechsel von einer Generation zur nächsten wird immer schwieriger.

          Volkswirtschaftliches Risiko

          In einem Drittel der Fälle kommt die Übergabe zudem unerwartet durch schwere Krankheit, Tod oder Familienstreitigkeiten. Dort liegt nach Einschätzung des IfM das größte Risiko. „Für die Volkswirtschaft ist dies gefährlich, weil gesunde Unternehmen im schlimmsten Fall insolvent werden“, sagt IfM-Experte Frank Wallau. So gehen in Deutschland wegen ungeregelter Nachfolge jährlich bis zu 50.000 Arbeitsplätze verloren, schätzt das Bundeswirtschaftsministerium.

          Gründe, warum der Generationswechsel im Unternehmen scheitert, gibt es zuhauf. Unterschiedliche Wertmaßstäbe, die Finanzierung und der Wille, unternehmerisches Risiko zu übernehmen, sieht Albrecht Huber, der sich im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) mit der Unternehmensnachfolge befasst, als die wesentlichen Fragen. Die eigene Nachfolge überhaupt ins Auge zu fassen, ist für viele Unternehmer und Gründer bereits ein Tabu. Wer spricht schon gern von seinem Tod - der rührige Unternehmer meistens nicht. Versäumt er es jedoch, rechtzeitig Vorsorge zu treffen, stehen oft mehrere hundert Arbeitsplätze auf dem Spiel. Denn vom ersten Rückzugsgedanken bis zur Umsetzung des Schlachtplans vergehen nach Expertensicht vier bis sieben Jahre.

          Mit Sohn und Tochter den konventionellen Weg beschreiten

          Die Übergabe an eines der Kinder ist mit einem Anteil von 42 Prozent nach wie vor die konventionelle Lösung im Mittelstand. Doch selbst dann ist das Überleben der oft traditionsreichen Betriebe längst nicht gesichert. Dass die rückzugsbereiten Seniorchefs am Ende nicht loslassen können, beobachtet Unternehmensberater Huber häufig. Auch ungeklärte Kompetenzen und Konkurrenz innerhalb des Betriebs stören die Abläufe. „Der Sohn gibt den Mitarbeitern Anweisungen. Der Vater wirft sie wieder um“, nennt Supervisorin Bärbel Hermann ein immer wiederkehrendes Beispiel aus der Praxis. Die Beraterin bringt Väter und Söhne in Seminaren dazu, über Eigenschaften und Werte nachzudenken. „In der Familie wird viel über Organisation geredet, aber nie über die Beziehung“. Tödlich für den Betrieb, weiß Hermann.

          Dass der Filius zur Übernahme des elterlichen Betriebs Gewehr bei Fuß steht, wird allerdings immer seltener. Der Vater hat eine gutgehende Metzgerei, aber die Tochter will Pharmazie studieren. Oder die Eltern stellen fest, dass dem Nachwuchs trotz formaler Qualifikationen die unternehmerischen Qualitäten fehlen - Fälle für die mehr als 100 auf Unternehmensnachfolge spezialisierten Unternehmensberatungen in Deutschland, die von einer steigende Nachfrage nach externen Nachfolgern berichten.

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