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Mittelschicht stimmt für Trump : Die Wahl der Verlierer

Bild von der New Yorker Börse: „Märkte reagieren relativ stabil“ heißt es im Fernsehen. Bild: AP

Ausgerechnet der Reiche aus der Fifth Avenue fand die Zustimmung der unteren Mittelschicht. Und das obwohl Hillary Clinton die besten Voraussetzungen hatte. Was ist schiefgelaufen?

          Kein Politiker in der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten ist mit besseren Voraussetzungen in eine Präsidentenwahl gegangen als die Spitzenkandidatin der Demokratischen Partei, Hillary Clinton. Sie hatte den größten Erfahrungsschatz, sie hat in systematischer Vorbereitung eines der mächtigsten politischen Netzwerke aufgebaut, sie wusste moderate Republikaner auf ihre Seite zu ziehen und konnte auf die Wahlempfehlungen der wichtigen Zeitungen verweisen. Bestens ausgestattet von reichen Großspendern, hat sie nicht zuletzt viel mehr Geld in den Wahlkampf geworfen als Donald Trump. Und dann galt da noch das Argument, als Frau habe sie besonders gute Karten. Was ist schiefgelaufen?

          In Clintons Niederlage liegt zunächst auch ein Trost. Sie belegt, dass diese rohe Demokratie, die Amerikaner praktizieren, irgendwie funktioniert. Die alte Elite aus Mächtigen und Reichen hatte einen geringeren Einfluss auf den Wahlausgang als gemeinhin erwartet. Ihre Kandidatin, der die Kraft und Größe fehlte, sich in der Wahlnacht ihren Anhängern zu zeigen, darf nach Hause gehen. Das amerikanische Volk hat stattdessen einen politischen Außenseiter zum Präsidenten gemacht. Trumps Wahlsieg ist nur dadurch zu erklären, dass er besser als alle Konkurrenten großen Teilen der Bevölkerung vermittelt hat, ihren Ärger, ihre Ängste und ihre Hoffnungen zu verstehen. Trump hat sich als patriotischer Globalisierungsgegner positioniert, er war darin dem ebenfalls überraschend erfolgreichen Linkspopulisten Bernie Sanders politisch näher als den Parteigrößen der Republikaner.

          Es wirkt wie ein Treppenwitz. Ausgerechnet der Immobilien-Millionär aus der Fifth Avenue fand die Zustimmung der unteren Mittelschicht, die sich als Verlierer von Freihandel, Importkonkurrenz und Immigration fühlt. Globalisierung mehrt zwar insgesamt den Wohlstand, sie produziert aber auch viele Verlierer. Es gibt eine Asymmetrie, was die Folgen von Freihandel und Immigration angeht. Für Leute, die aufgrund asiatischer Importkonkurrenz ihre anständig bezahlten Fabrikarbeitsplätze verloren haben, ist es nur ein geringer Trost, dass sie bei Walmart billige chinesische Waren einkaufen können. Das gilt umso mehr, wenn sie zugleich in ihren alten Unternehmen eine Managerklasse aufsteigen sehen, die dank guter Ausbildung von der internationalen Ausrichtung ihrer Unternehmen profitiert hat.

          Globalisierung bringt viele Verlierer hervor

          Infolge der Globalisierung stagnierten die Löhne der unteren Mittelklasse, während Gutverdiener draufsattelten. Die Asymmetrie zeigt sich auch in den Folgen der Immigration. Amerikas Elite befürwortet die Zuwanderung mit guten ethischen und ökonomischen Gründen, aber sie hat es auch deutlich leichter. Wohlhabende Amerikaner erleben Einwanderer vor allem als Menschen, die ihnen die Pizza bringen, den Garten machen, das Haus putzen und auf die Kinder aufpassen. Arme Amerikaner erleben Immigranten als Leute, die mit ihnen um Arbeitsplätze für Geringqualifizierte und um Wohnraum konkurrieren und die wegen ihrer Sprachdefizite das Bildungsniveau in ohnehin schlechten Schulen senken.

          Das große Versäumnis der Demokraten war es, die Asymmetrie nicht ernst genommen zu haben. Nahezu alle alten Industriereviere und ihre vorwiegend weißen Arbeiter sind mit fliegenden Fahnen zu Trump gewechselt. Latenter Rassismus, wie mancher demokratische Stratege zur Selbstentlastung vorbringt, ist vermutlich nicht der Hauptgrund. Viele weiße Trump-Wähler hatten zuvor Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt. Dass Trump sich als Advokat der vergessenen weißen Arbeiter aufspielen konnte, zeigt, wie sehr Hillary Clinton versagt hat. Erhellend ist der Werbefilm, mit dem Clinton ihren Wahlkampf gestartet hat. Er zeigte Frauen, Schwarze, Hispanics, Asiaten und ein schwules Paar. Weiße Männer spielten nur eine Nebenrolle. So war Clintons Wahlkampf: Eine durch Bürgerrechtsthemen befeuerte Regenbogenkoalition sollte sie ins Weiße Haus tragen.

          Der unerwartete Wahlausgang hat aber womöglich noch tiefere Ursachen. Er verweist auf einen dramatischen Wertewandel in der amerikanischen Gesellschaft. Die Amerikaner hatten den Ruf, offen für Wandel, Risiko und Mobilität zu sein und auf hemmende Traditionen zu pfeifen. Sie konnten der Idee der kreativen Zerstörung immer besonders viel abgewinnen. Spätestens jetzt muss man bezweifeln, dass das noch gilt. Die Amerikaner haben jemanden gewählt, der ihnen verspricht, die Uhr zurückzudrehen. Das gibt Anlass zu größten Befürchtungen. Was wird werden, wenn die Amerikaner lernen, dass Trumps Versprechen hohl waren? Natürlich kann er die Arbeitsplätze in den Kohleminen und Stahlfabriken nicht zurückbringen.

          Die Hoffnung der Vernünftigen muss nun ausgerechnet auf der in der Vergangenheit ziemlich obstruktiven Republikanischen Partei ruhen, die mit satter Mehrheit im amerikanischen Kongress die Macht des Präsidenten begrenzen und das Schlimmste verhüten kann. Die zweite Hoffnung ruht darauf, dass sich Trump doch irgendwie positiv entwickelt. Ronald Reagan, über den die ganze Welt hergezogen ist, hat sich am Ende schließlich als passabler Präsident herausgestellt.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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