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Mittagsverpflegung : Catering im Kindergarten

  • -Aktualisiert am

Schon wieder Nudeln mit Tomatensoße Bild: dpa

Fast jede Kita bietet heute auch Mittagessen an. Ein Tummelplatz für Großküchen aller Art. Oft gibt’s nur Tiefkühlkost.

          3 Min.

          Schnippeln und Schmoren ist nicht mehr in der Kita „Die kleinen Indianer“: Das Essen für die 31 Kinder der Frankfurter Kindertagesstätte kommt vom Caterer gleich nebenan. Selber zu kochen wäre zu aufwendig, sagt Kita-Leiterin Fatima Bousrouf. Außerdem müsste sie ihre Küche strengen europäischen Hygienenormen anpassen. So kommt das Mittagessen – an diesem Tag Gemüsepaella und Joghurt – jeden Tag in einer großen Edelstahlbox in die Kita.

          Die kleinen Indianer sind dabei nur 31 von mehr als 1,8 Millionen Kindern im Vorschulalter, die hierzulande eine „Tageseinrichtung mit Mittagsverpflegung“ besuchen. Das sind rund 265000 Kinder mehr als noch vor vier Jahren. Wer das Wort „Kinder“ jeweils durch „Kunden“ ersetzt, versteht die Bedeutung dieser Zahlen für die Catering-Branche. Und warum der Gastro-Verband Dehoga in einer 2012 veröffentlichten Studie von einem „expansiven Markt“ schreibt.

          Neue Kunden für Fertigessen-Giganten

          Gabriele Mlynek, Inhaberin des Frankfurter Kinder-Cateringunternehmens „Bärenstark“, kann diese Expansion anschaulich erklären: Als sie ihr Unternehmen 1993 gründete, war sie mit Bärenstark die Markt-Pionierin. Inzwischen liefern in der Region rund ein Dutzend Unternehmen mit Namen wie „Karotte und Erbse“ oder „Wolkenbruch“ Essen an Kitas und Kindergärten. Und spätestens seit die Politik mehr Tagesstätten und Ganztagsschulen fordert, haben auch Fertigessen-Giganten wie Apetito und Sodexo die Kleinsten als Kunden entdeckt.

          Gabriele Mlynek beschäftigt inzwischen 20 Mitarbeiter und ist mit ihrem Bärenstark-Catering in eine größere Küche umgezogen. Am großen Geld zeigt sich die studierte Erziehungswissenschaftlerin Mlynek aber demonstrativ uninteressiert. Sie koche „mit dem Pädagogenblick“: keine Fertigsoßen, möglichst viel Bio-Zutaten aus der Region und sparsam mit den Gewürzen. „Traditionelles Fertigessen ist für die Geschmacksnerven von Kindern meist übersalzen oder überzuckert“, so Mlynek. Weniger Würze bedeutet in diesem Fall aber einen höheren Preis: Das Bärenstark-Essen kostet 3,20 Euro pro Portion.

          Um die städtischen Kitas in Frankfurt braucht Mlynek sich damit gar nicht erst zu bewerben: Dort darf ein Essen höchstens drei Euro kosten. Die letzte Ausschreibung hat stattdessen der Kühlkonzern Apetito gewonnen, der hier seit Jahresbeginn tiefgekühlte Kost liefert: rund 8500 Portionen, vorgekocht und schockgefroren im westfälischen Rheine, drei Autostunden von Frankfurt. Insgesamt versorgt Apetito jeden Tag 275 000 Kindergarten- und Schulkinder. Apetito ist laut der Zeitschrift „g-v Praxis“ mit einem Nettoumsatz von 16,7 Millionen Euro im Jahr 2010 der drittgrößte Anbieter im Segment „Schulen, Mensen, Kitas“. Größer sind nur der Berliner Caterer Dussmann mit 24,5 Millionen Euro Umsatz und Marktführer Sodexo mit 77,5 Millionen Euro in 2010.

          „Rebellionen“ gegen die Caterer

          Alle Konzerne betonen natürlich, nur beste Zutaten zu ausgewogenen Mahlzeiten zu verarbeiten – und haben doch unterschiedliche Vorstellungen beim Kochen. Apetito etwa liefert nur tiefgekühlte Kost. „Das Verfahren eignet sich für Kinder, weil so die Nährstoffe am besten erhalten werden“, sagt die Firma. Dussmann andererseits beliefert seine 45 000 Kunden in Kitas und Schulen über ein Netz aus regionalen Küchen. Man wolle die Wege kurz halten. Die Rüsselsheimer Sodexo, Tochter eines französischen Dienstleistungskonzerns, liefert täglich rund 200 000 Essen an Kinder und Jugendliche. Der Großteil davon kommt nach eigenen Angaben frisch gekocht per Warmlieferung direkt aus einer der Regionalküchen der Firma.

          Die Kinder sind trotzdem oft nur wenig begeistert, glaubt Bärenstark-Unternehmerin Mlynek: An manchen Kitas habe es gar „Rebellionen“ gegen das Essen der Großcaterer gegeben. „Dort ist der Wunsch nach individuellerem und qualitätsvollem Essen sehr stark.“

          Regionale Alternativen bekommen aber vielerorts keine faire Chance, sagt etwa Florian Egle, Geschäftsführer des Kinder-Caterers Activcatering aus Frankfurt. Wenn Städte wie Frankfurt oder München die Versorgung von Kitas nur in großen Paketen mit jeweils Hunderten Essen ausschreiben, „dann schaffen das ohnehin nur die ganz Großen“, sagt Egle. Trotzdem floriert auch sein Kinder-Catering: Im vorigen Jahr stieg der Umsatz um 30 Prozent, der ehemalige Bistro-Betreiber liefert inzwischen 2000 Kinderessen pro Tag und plant nach Frankfurt und Wiesbaden einen dritten Standort.

          In Frankfurt kann er aber nur die Einrichtungen freier Träger wie der Kirchen beliefern, die sich ihren Lieferanten selbst aussuchen dürfen. Der zwangsläufig nicht ganz neutrale Egle lobt die Vorzüge kleiner Anbieter wie seiner Activcatering: „Unser Essen ist handgemacht, frisch gekocht und nicht 500 Kilometer hergefahren.“ Und mit drei Euro für eine Standardportion auch nicht übertrieben teuer. „Die Verantwortlichen müssen sich eben überlegen, was ihnen gutes Essen wert ist.“ In diesem Punkt liegt Egle endlich auch einmal mit dem großen Konkurrenten Sodexo auf einer Linie: „Besonders in den neuen Bundesländern werden manchmal Portionspreise von weniger als zwei Euro gefordert“, sagt Dieter Gitzen, bei Sodexo für das Kinder- und Jugendsegment zuständig. „Zu diesen Bedingungen kann man kein Essen liefern.“

          Unter diesem Gesichtspunkt hat Gitzen auch die Vergabe der Frankfurter Kita-Versorgung, in den vergangenen Jahren noch in den Händen seines Unternehmens, an die Konkurrenz von Apetito „gewundert“: „Da ging es wohl nur um den Preis.“

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