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Mehr Geld für Geringverdiener : Mindestlohn steigt ab Oktober auf 12 Euro

  • Aktualisiert am

Die Löhne der Gebäudereiniger steigen kräftig, um bis zu 13 Prozent. Bild: dpa

SPD, FDP und Grüne haben im Bundestag den höheren Mindestlohn beschlossen. Derweil macht sich die höhere Inflation an weiteren Stellen bemerkbar: Die Einstiegsgehälter für Gebäudereiniger steigen um 13 Prozent.

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          Der gesetzliche Mindestlohn in Deutschland steigt am 1. Oktober auf 12 Euro. Das beschloss der Bundestag am Freitag in Berlin. Das Mindestlohngesetz von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wurde mit den Stimmen der Koalition und der Linken verabschiedet. Die Unionsabgeordneten und die AfD enthielten sich. Derzeit liegt der Mindestlohn bei 9,82 Euro brutto. Zum 1. Juli steigt er turnusmäßig auf 10,45 Euro. Zugleich steigt die Grenze für Minijobs im Oktober von 450 auf 520 Euro.

          Der Gesetzentwurf geht von heute etwa 6,2 Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern mit einem Stundenlohn unter 12 Euro aus. Frauen sowie Menschen in Ostdeutschland sollen überproportional von der Anhebung profitieren, wie Heil in der Debatte sagte. Für viele sei die Lohnerhöhung wohl der größte Lohnsprung in ihrem Leben. Heil sagte, ohne Olaf Scholz als Kanzler würde der Mindestlohn nicht erhöht. Der SPD-Politiker hatte die Anhebung der Lohnuntergrenze zu einem Kernversprechen des Bundestagswahlkampfs gemacht.

          „Viele müssen sich fragen, ob das Geld reicht“

          Mehrere Rednerinnen und Redner warnten davor, dass die gegenwärtige Preisexplosion viele Menschen existenziell bedrohe. Die Linken-Haushaltsexpertin Gesine Lötzsch sagte: „Eigentlich müssten es jetzt schon 13 Euro sein.“ Nötig sei ein weiteres Entlastungspaket. Heil verwies auf die Entlastungen für Menschen mit normalem und geringem Einkommen, die die Koalition auf den Weg bringe. Der Grünen-Sozialexperte Andreas Audretsch sagte, Menschen in Vollzeit dürften am Ende des Tages nicht von Armut bedroht sein. Die Mindestlohnsteigerung erhöhe zudem die Kaufkraft.

          Der CDU-Sozialexperte Hermann Gröhe warf der Koalition chaotisches Stimmengewirr vor, wenn es darum gehe, die enormen Preissteigerungen einzudämmen. Wenn weitere Preissprünge zugelassen würden, nütze auch ein höherer Mindestlohn wenig. Die Nichtzustimmung der Union begründete Gröhe damit, dass sie die Hand nicht für die „Entmündigung der Sozialpartner“ reichen wolle.

          Die SPD-Abgeordnete Dagmar Schmidt gestand ein: „Viele müssen sich die Frage stellen, ob das Geld noch für Obst, die Reise zur Oma, den Schulausflug reicht.“ Die Koalition werde die Inflation weiter bekämpfen. Zudem warb Schmidt für das „soziale Klimageld“, eine geplante Einmalzahlung pro Jahr, die Heil für 2023 angekündigt hatte. Die Mindestlohnerhöhung nannte Schmidt einen „Akt der Notwehr gegen sinkende Tarifbindung“.

          Arbeitgeber kritisieren Regierung

          Der AfD-Abgeordnete Norbert Kleinwächter sagte, dass viele ausländische Arbeitskräfte in Deutschland die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt beförderten und das Lohnniveau drückten. „Ein gesunder Markt bräuchte keinen Mindestlohn, er hat nämlich Regeln, und er hat Grenzen.“

          Der FDP-Sozialexperte Pascal Kober lobte die Anhebung der Minijobgrenze. Minijobberinnen und -jobber würden helfen, wenn es etwa um volle Regale im Supermarkt zu jeder Tageszeit oder Bedienung im Restaurant noch am Abend gehe. Mit der Erhöhung der Minijobgrenze werde zudem dem Fachkräftemangel in kleinem Umfang etwas entgegengesetzt.

          Der Arbeitgeberverband BDA kritisierte die Mindestlohnerhöhung bereits im Vorhinein. „Uns geht es nicht um die Höhe des Mindestlohns“, sagte der Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger der „Welt“. „Die Bundesregierung hält sich nicht an die Absprachen, die wir 2015 vereinbart haben, als mit Einführung des gesetzlichen Mindestlohns die Mindestlohnkommission gegründet wurde.“ Der Verband lehnt ab, dass der Erhöhungsschritt nun einmalig an der Kommission aus Arbeitgebern und Gewerkschaften vorbei gegangen werden soll. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kritisierte wiederum die Anhebung der Minijobgrenze.

          „Schwierige und zähe Gespräche“

          Derweil können sich die bundesweit rund 700.000 Gebäudereiniger über höhere Löhne freuen. Sie steigen ebenfalls zum 1. Oktober um 13 Prozent auf dann 13 Euro. Darauf hatten sich am späten Donnerstagabend die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt und der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) verständigt. Zum 1. Januar 2024 steht dann eine weitere Erhöhung auf 13,50 Euro an. Wer in der Glas- und Fassadenreinigung arbeitet, kommt der Gewerkschaft zufolge ab Oktober auf einen Stundenlohn von 16,20 Euro. Zum 1. Januar 2024 wird dieser abermals um 50 Cent angehoben. Den Arbeitgebern zufolge erhöhen sich auch die Ausbildungsvergütungen bis Laufzeitende im Jahr 2024 je nach Lehrjahr auf 900, 1035 und 1200 Euro.

          Das IG-Bau-Vorstandsmitglied Ulrike Laux sprach in einer Mitteilung von „schwierigen und zähen Gesprächen“. Laux sagte aber: „Für ihre wichtige Arbeit bekommen Reinigungskräfte weiterhin deutlich mehr als den gesetzlichen Mindestlohn, im Oktober auf 12 Euro pro Stunde steigt. Damit bleibt die Gebäudereinigung für dringend gesuchte Fachkräfte attraktiv.“

          Der Vorsitzende der BIV-Tarifkommission, Christian Kloevekorn, erklärte: „Die Lohnerhöhungen liegen vor dem Hintergrund der extremen wirtschaftlichen Risiken und Unwägbarkeiten für die Unternehmen nah am roten Bereich, die lange Laufzeit bis Ende 2024 wiederum ist ein starkes Pro-Argument.“ Der Tarifabschluss sei zudem Ausdruck von Wertschätzung für die Beschäftigten, die in der Corona-Pandemie eine systemrelevante und wichtige gesellschaftliche Funktion übernommen hätten. „Unterm Strich ist das Tarifergebnis herausfordernd für die Unternehmen, aber mit Blick auf Planbarkeit und Personalgewinnung ein sinnvoller Kompromiss.“

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