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Millionen für den Bergbau : Sachsen im Silberrausch

Ein altes Denkmal eines Wismut-Bergmannes steht auf dem Gelände des ehemaligen Schachts 371 bei Bad Schlema Bild: ddp

Im Erzgebirge lebt eine Tradition wieder auf. In alte und neue Bergbaugruben werden Millionen Euro investiert. Hohe Rohstoffpreise versprechen gute Geschäfte. 2013 könnte das erste Silbererz ans Tageslicht geholt werden.

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          Adalbert Geiger ist eigentlich kein Abenteurer. Der Herr mit dem lichten Haupthaar pflegt einen schwäbischen Tonfall und führt als Geschäftsführer einen Edelmetallhandel. Doch seine Planungen lassen sogar die Staatsregierung in Dresden ins Schwärmen geraten: „Wenn Sachsens Schätze gehoben werden, profitieren wir alle davon, denn das bringt Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze“, sagt FDP-Wirtschaftsminister Sven Morlok. Schätze? Adalbert Geiger will nach einem Jahrhundert Pause im Freistaat wieder nach Silber schürfen.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kurz vor Weihnachten hat das Sächsische Oberbergamt seiner Sachsenerz Bergwerks GmbH Espenhain drei Bergbauberechtigungen erteilt. Wer in Deutschland professionell graben will, darf das nur mit dem Plazet der Behörden. Die Sachsenerz ist Teil von Geigers Firmengruppe. Offizieller Zweck des Unternehmens: Die Erschließung von Silbervorkommen im Erzgebirge und die Versorgung seiner Handelstochterunternehmen mit dem Rohstoff.

          Was auf den ersten Blick verwegen klingt, hat einen nachvollziehbaren ökonomischen Hintergrund. Der Preis für Edelmetalle ist in den Zeiten der Finanz- und Wirtschaftskrise nach oben geschnellt. Innerhalb von zwei Jahren hat sich der Goldpreis in etwa verdoppelt. Der Silberpreis legte um rund 50 Prozent zu - und das alleine innerhalb des vergangenen Vierteljahres. Je höher der Preis, desto eher lohnt sich ein Abbau an schwierigen Stellen. Zum Beispiel im Erzgebirge.

          „Schatzsucher sind hier völlig fehl am Platz“

          Reinhard Schmidt führt seit 1991 als Präsident das Oberbergamt in Freiberg. Diese Behörde zeichnet für den „Vollzug des Bundesberggesetzes“ zuständig und ist allzu großer Euphorie und Übertreibung unverdächtig. Schmidts Kommentar zu Geigers Planungen: „Wir sind überzeugt, dass die Erzlagerstätten im Erzgebirge nicht erschöpft sind. Die Metallpreise für Silber sind auf einem historischen Höchststand. Insofern könnte ein neues Bergwerk wirtschaftlich sein.“

          Nach eigenem Bekunden hat der Bergwerker in spe Geiger sein Vorhaben gut vorbereitet. Fünf Jahre lang habe man Dokumente studiert, auf der Suche nach vielversprechenden Silbervorkommen. Zu alten Grubenfeldern gebe es Tausende von Unterlagen. Der Unternehmer will nicht vom Zufall abhängig sein und einfach irgendwo im Erzgebirge anfangen zu graben in der Hoffnung auf reiche Edelmetallfunde. Sein moderner Bergbau fußt vielmehr auf den Bergbauerfahrungen der vergangenen Jahrhunderte. Alte Grubenbauten, teilweise verschlossen, sollen wieder zugänglich gemacht werden. „Das hat nichts mit Schatzsuche zu tun. Schatzsucher sind hier völlig fehl am Platz“, sagt der Unternehmer, dem eine Boulevardzeitung vergeblich eine „Schatzkarte“ entlocken wollte.

          Die Sachsenerz Bergwerks GmbH darf zunächst auf drei Feldern aktiv werden. Begonnen wird im Frühjahr in einem fünf Quadratkilometer großen Gebiet zwischen den Gemeinden Zschorlau, Aue und Schneeberg südwestlich von Chemnitz. Auf der Erkundungsliste steht daneben ein ähnlich großes Areal um die Gemeinden Wolkenstein und Großrückerswalde südöstlich von Chemnitz und ein 20,7 Quadratkilometer großes Feld bei Brand-Erbisdorf, Weißenborn und Freiberg, fast genau in der Mitte zwischen Chemnitz und Dresden.

          50 Bergleute könnten einen neuen Arbeitsplatz finden

          Als Erstes will man sich des historischen Türk-Schachts in Zschorlau annehmen. Dort steht noch heute der einstige Förderturm „dekorativ in der Gegend“, wie Geiger sagt. Bald soll hier „dekorativ“ durch „effektiv“ ersetzt werden. Den Türk-Schacht werde man ertüchtigen bis zur Markus-Semmler-Sohle, sagt der bergbaukundige Edelmetallhändler. Eine Sohle, das ist im Bergbau wie eine Ebene. Im Markus-Semmler-Stollen grub zu DDR-Zeiten bis 1957 noch die Wismut nach Uran. Die einstige Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft war der letzte Bergbautreibende im Bereich der Lagerstätten Schneeberg und Schlema.

          Ob in Zschorlau tatsächlich Silber abgebaut werden kann, wird sich vom Frühjahr an zeigen. Voraussichtlich im März beginnen die Erkundungsarbeiten, unterstützt von der Bergsicherung Schneeberg. Dafür müssen etliche Tonnen an Proben gefördert und später eventuell Millionen Kubikmeter Wasser abgepumpt werden. Die Erkundungen laufen zwei Jahre; 2013 könnte das erste Silbererz ans Tageslicht geholt werden. 50 Bergleute könnten dann einen neuen Arbeitsplatz finden. Die Betonung liegt auf „könnte“: Im Misserfolgsfall, witzelt Geiger, habe man im Erzgebirge immerhin ein Schaubergwerk mehr. Und der Edelmetallhändler wäre um zwei bis vier Millionen Euro an Investitionen ärmer.

          Schon im 12. Jahrhundert stieß man auf Silbervorkommen

          Andererseits ist er nicht der Einzige, der derzeit in Sachsen die Bergbautradition neu aufleben lässt. Neben der Sachsenerz Bergwerks GmbH erkunden im Freistaat derzeit fünf weitere Firmen die Erzvorkommen. Sie suchen nach Rohstoffen wie Kupfer, Zinn, Nickel und Molybdän. Im Oktober sorgte die Erzgebirgische Fluss- und Schwerspatcompagnie GmbH für eine Premiere nach Jahrzehnten. Eine erste unterirdische Sprengung markierte den Start für ein Bergwerk in Niederschlag in der Nähe von Oberwiesenthal. Dort sollen bis zu 135 000 Tonnen Fluss- und Schwerspat im Jahr gefördert werden. Flussspat wird in der Fluorchemie benötigt, unter anderem für Beschichtungsmaterialien wie Teflon. Das Unternehmen will in sein Bergwerk 18,5 Millionen Euro investieren. „Wir liefern den Beweis, dass wir teure Rohstoffe nicht zu hohen Preisen auf den Supermärkten der Welt kaufen müssen, sondern zu kostendeckenden Preisen im eigenen Land fördern können“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Schilka selbstbewusst.

          Die modernen Bergbauer setzen eine jahrhundertealte Tradition fort. Schon im 12. Jahrhundert stieß man in der Nähe des heutigen Freiberg auf Silbervorkommen. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war die Blütezeit schon wieder vorbei, bis im späten 15. Jahrhundert der Silberrausch abermals ausbrach. Berühmt die Legende, wonach Herzog Albrecht von Sachsen 1477 nach einem riesigen Erzfund in der Grube St. Georg in der Nähe von Schneeberg an einem zwei Meter langen und ein Meter hohen „Silbertisch“ ein unterirdisches Gastmahl abgehalten haben soll.

          Unter „Berggeschrey“ verstand man seinerzeit, dass sich reiche Erzfunde rasch herumsprachen - ähnlich wie später im Goldrausch in Nordamerika. Nun sei die Zeit reif für ein „neues Berggeschrey“, findet Sachsens Wirtschaftsminister Morlok. Verständlich: Von einem neuen Silberfieber würde schließlich auch der Fiskus profitieren. Zwar nicht in Form von Naturalien. Aber Gewinnsteuern sind auch etwas Schönes.

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