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Milliardentransaktion : EQT übernimmt Leukoplast-Hersteller BSN Medical

  • -Aktualisiert am

EQT will nach der Übernahme weiter in BSN investieren Bild: Paul Hahn/laif

Der schwedische Finanzinvestor EQT stemmt die erste Milliardentransaktion in Deutschland seit anderthalb Jahren und kauft den Hamburger Pflasterhersteller BSN Medical für knapp 1,8 Milliarden Euro.

          Erstmals seit anderthalb Jahren wird wieder ein deutscher Konzern für eine Milliardensumme an einen Finanzinvestor verkauft. Die schwedische Beteiligungsgesellschaft EQT übernimmt den Hamburger Verbandsstoff- und Pflasterhersteller BSN Medical (Hauptmarke: Leukoplast) im zweiten Anlauf. Schon vor zwei Jahren hatte EQT großes Interesse an dem Medizintechnikkonzern gezeigt, seinerzeit hatte der Eigentümer Montagu – ebenfalls ein Finanzinvestor – den Verkaufsprozess aber wieder abgebrochen. Nun wechselt BSN Medical für einen Transaktionswert von knapp 1,8 Milliarden Euro den Besitzer – das entspricht rund dem zehnfachen Wert des operativen Gewinns (Ebitda) von BSN im vergangenen Jahr (168 Millionen Euro).

          Das Unternehmen mit seinen mehr als 4000 Mitarbeitern befinde sich bereits auf einem guten Wachstumskurs, den EQT nun weiter vorantreiben wolle, sagte der für die Transaktion zuständige EQT-Partner Marcus Brennecke der F.A.Z. Vorgesehen sei vor allem, die Geschäfte in Schwellenländern auszubauen. „Außerdem ist der Markt für medizinische Verbrauchsgüter sehr fragmentiert, daraus ergeben sich Gelegenheiten für Zukäufe.“ BSN Medical werde sein Ebitda in diesem Jahr nochmals voraussichtlich auf mehr als 180 Millionen Euro steigern, fügte Brennecke hinzu.

          Insgesamt wächst der Markt für medizinische Verbrauchsmaterialien seit Jahren zwar beständig, aber langsam mit niedrigen einstelligen Prozentraten. EQT habe den Ehrgeiz, dieses Marktwachstum mit BSN Medical deutlich zu übertreffen, hieß es. Auch der Vorbesitzer Montagu verweist auf seine Wachstumserfolge: Seit der Übernahme im Jahr 2006 für damals gut 1 Milliarde Euro sei BSN Medical um 30 Prozent gewachsen und erreichte 2011 einen Umsatz von 655 Millionen Euro. Wie viele von Finanzinvestoren geführten Unternehmen ist aber auch BSN Medical nur im operativen Geschäft profitabel. Im Jahr 2010 resultierte unter dem Strich ein Minus von 16,6 Millionen Euro, weil die Zinsbelastung von 118 Millionen Euro höher ausfiel als das damalige Ebitda von 114 Millionen Euro.

          Dem Vernehmen nach hatte EQT nun trotz der Größe der Übernahme keine Probleme, Bankenkredite zu erhalten. „Für gute Unternehmen gibt es auch gute Finanzierungen von den Banken“, erläuterte Brennecke. Dies gelte umso mehr als BSN kein zyklisches Unternehmen mit starken Absatz- und Umsatzschwankungen sei. Dem Vernehmen nach löst EQT die vorhandenen Verbindlichkeiten von BSN Medical gegenüber den Banken, die in der Bilanz 2010 auf 966 Millionen Euro beziffert wurden, vollständig durch eine neue Finanzierung ab. Aus dem eigenen Fonds investiert die Beteiligungsgesellschaft demnach einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Der größere Teil der Transaktionssumme stammt allerdings von den Banken: gut 1 Milliarde Euro. Damit würde das Verhältnis von Schulden zu operativem Gewinn etwa 6,5 betragen – im derzeitigen Umfeld ein hoher Wert.

          Im Hause EQT ist man sich allerdings sicher, über die nötige industrielle Expertise zu verfügen, um BSN Medical noch profitabler zu machen. Der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft gehören im Bereich Medizintechnik bereits die Unternehmen Atos Medical, Dako und Roeser. Der Hauptgeldgeber von EQT, die schwedische Industriellenfamilie Wallenberg, ist wiederum über seine Gesellschaft Investor AB Eigentümer des schwedischen BSN-Konkurrenten Mölnlycke. BSN Medical entstand im Jahr 2001 als Gemeinschaftsunternehmen des Beiersdorf-Konzerns und des britischen Wettbewerbers Smith & Nephew und wurde 2006 von Montagu erworben. Der Konzern stellt Produkte für die Wundversorgung her, sowie Kompressionsstrümpfe und Bandagen. Die Marke Hansaplast wird noch immer zusammen mit Beiersdorf vertrieben, BSN Medical beliefert Großkunden wie Kliniken mit den Wundpflastern, Beiersdorf den Einzelhandel.

          Bei großen Transaktionen in Deutschland hat EQT in den vergangenen Jahren innerhalb der Private-Equity-Zunft häufig die Nase vorn gehabt. Ende des Jahres 2009 hatten die Schweden den Wissenschaftsverlag Springer Science für einen Gesamtwert von 2,3 Milliarden Euro gekauft, seitdem gab es hierzulande nur noch eine Milliardenübernahme durch Finanzinvestoren: den Kauf der Modehandelskette Takko durch Apax für rund 1,2 Milliarden Euro. Auch auf der Verkäuferseite war EQT erfolgreich: Vor gut einem Jahr veräußerte man den Kabelnetzbetreiber Kabel BW für mehr als 3 Milliarden Euro an den amerikanischen Medienkonzern Liberty Global.
           

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