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Milliardeninvestitionen : Die Energiewende verhagelt die Bilanzen

Vom Netz: ENBW-Kernkraftwerk Philippsburg Bild: dapd

Die vier großen Energieversorger machen zum Teil erhebliche Verluste. Die Energiewende hat die Aktionäre allein 2011 rund 7 Milliarden Euro Gewinn gekostet. Die tatsächlichen Kosten der Energiewende sind noch höher.

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          Die Energiewende nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hat die Bilanzen der vier großen deutschen Energieversorger schon im vergangenen Jahr erheblich belastet. Allein 2011 hat die Entscheidung der Bundesregierung die Aktionäre rund 7 Milliarden Euro Gewinn gekostet, wie eine Analyse der inzwischen vollständig vorgelegten Geschäftszahlen zeigt.

          Carsten Knop
          (Kno.), Herausgeber

          So hat Johannes Teyssen, der Vorstandsvorsitzende von Eon, soeben vom bisher schwierigsten Jahr in der Geschichte des Unternehmens berichtet: Denn erstmals hat Eon ein Geschäftsjahr mit einem Verlust abgeschlossen. Zu Buche steht ein Minus von 2,2 Milliarden Euro nach einem Gewinn von 5,8 Milliarden Euro im Vorjahr. Dafür gibt es viele Gründe, die nicht ausschließlich mit der Energiewende zu tun haben. Aber allein die Belastungen aus der sofortigen Stilllegung der beiden Atommeiler Isar 1 und Unterweser sowie der Brennelementesteuer beziffert der Konzern auf 2,5 Milliarden Euro. Beim ebenfalls in Nordrhein-Westfalen ansässigen Wettbewerber RWE sieht es ähnlich aus. Die Beschlüsse der Bundesregierung zur Kernenergie kosteten das Unternehmen aus Essen, das ebenfalls zwei Atomkraftwerke abschalten musste, rund 1,3 Milliarden Euro.

          In Baden-Württemberg bietet sich das gleiche Bild, denn zwei Atomkraftwerke musste auch der drittgrößte deutsche Energiekonzern ENBW abschalten, darunter Philippsburg 1. Das Resultat: Aus den Belastungen ergibt sich ein Fehlbetrag von 867 Millionen Euro. Hier ist der Unterschied zum Vorjahr ebenfalls gewaltig, in dem noch ein Gewinn von 1,16 Milliarden Euro erwirtschaftet worden war. Und beim schwedischen Energiekonzern Vattenfall hat der in Deutschland beschlossene Atomausstieg den Gewinn um 1,2 Milliarden Euro belastet. Insgesamt verdiente der Staatskonzern im vergangenen Jahr zwar noch mehr als 300 Millionen Euro, aber damit ein gutes Fünftel weniger als in den zwölf Monaten zuvor.

          Erheblicher Wertverlust der Versorger-Aktien

          Wie hoch die Kosten der Energiewende tatsächlich sind, ist mit den Zahlen des vergangenen Jahres allerdings noch lange nicht erfasst. Sie werden höher sein, auch wenn man nicht der Prognose des im Sommer scheidenden RWE-Vorstandsvorsitzenden Jürgen Großmann folgt, dass in der Summe letztlich 250 bis 300 Milliarden Euro zusammenkommen werden. In jedem Fall wird diese hohe Zahl nicht allein die Anteilseigner von Eon, RWE, ENBW und Vattenfall treffen. Die haben in den vergangenen Monaten einen erheblichen Wertverlust ihrer Aktien hinnehmen müssen; in den kommenden Monaten werden zudem die Mitarbeiter der jeweiligen Unternehmen den Wandel unangenehm zu spüren bekommen.

          Denn die vorgesehen Investitionen in erneuerbare Energien werden den Abbau bisheriger Arbeitsplätze so schnell nicht ausgleichen können. Allein bei Eon wird der Spar- und Umbaukurs 11 000 Arbeitsplätze auf der Welt kosten. Bei RWE sollen 8000 Stellen wegfallen, zum Teil über den Verkauf von Gesellschaften.

          Gleichwohl werden, gleichgültig ob von Eon, RWE, ENBW oder Vattenfall, in die erneuerbaren Energien viele Milliarden Euro gesteckt. Beispiel Eon: In den kommenden fünf Jahren will der Konzern 7 Milliarden Euro in diesen Bereich investieren. Beispiel RWE: Bis einschließlich 2014 sind in diesem Konzern Investitionen von 16 Milliarden Euro vorgesehen; rund 4 Milliarden Euro davon für die erneuerbaren Energien. Der Schwerpunkt sind Windparks und Wasserkraft. Bis 2020 soll der Anteil der Erneuerbaren an der Energieerzeugung von RWE mindestens 20 Prozent ausmachen, bisher sind es rund 5 Prozent. Beispiel ENBW: Dort sollen ebenfalls bis 2014 Investitionen in Höhe von 4,1 Milliarden Euro finanziert werden, ein großer Teil soll in Zukunftstechnologien fließen. Hier setzt ENBW vor allem auf Wind- und Wasserkraft und bemüht sich dafür um Partner, etwa um Kommunen. Partner wiederum sucht auch Vattenfall für seine Windparks. Zudem wollte Vattenfall in die Kohlendioxid-Speicherung einsteigen, hat diesen Plan aber aufgeben. Auch hier ist der Grund politischer Widerstand.

          Versorger müssen Atomsteuer zahlen

          Die Energieversorger müssen nun doch die Kernbrennstoffsteuer zahlen – jedenfalls bis auf weiteres. Der Bundesfinanzhof hob eine Entscheidung des Finanzgerichts Hamburg auf, das wegen verfassungsrechtlicher Bedenken die vorläufige Rückzahlung von 96 Millionen Euro an Eon angeordnet hatte. Das Finanzgericht München hatte zudem RWE 74 Millionen Euro erstatten lassen. Die obersten Finanzrichter pochten jetzt demgegenüber darauf, dass nur das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz verwerfen dürfe. Das gelte auch bei Bedenken, ob der Bund für die Regelung überhaupt zuständig sei. Ein Verfassungsverstoß sei hier jedenfalls nicht so eindeutig, dass das Gesetz diesen Makel „auf der Stirn“ trüge, schreiben die Richter. Eine faktische Außerkraftsetzung durch die Finanzgerichte führte zu Einnahmeausfällen in Milliardenhöhe, rechnen sie vor – selbst unter Berücksichtigung der Mindereinnahmen durch die Stilllegung mehrerer Atommeiler und durch die Absetzbarkeit der Zahlungen von der Körperschafts- und Gewerbesteuer. (jja.)

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