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Milliardenbetrug : Die Lehren aus dem Fall Madoff

  • -Aktualisiert am

Monströser Betrüger: Der frühere New Yorker Broker Bernard Madoff Bild:

Die hohe Strafe für den Betrüger Madoff ist Beleg dafür, dass das System funktioniert. Allerdings sind Zweifel angebracht, ob das Urteil andere potentielle Betrüger abschreckt. Deshalb muss die Börsenaufsicht schlagkräftiger werden - und die Anleger wachsamer.

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          Der Anwalt des New Yorker Milliardenbetrügers Bernard Madoff hatte vor Bekanntgabe des Urteils gegen seinen Mandanten eine Haftstrafe von 150 Jahren für einen 71 Jahre alten Mann noch als „absurd“ bezeichnet. Richter Denny Chin ließ sich davon nicht beirren. Am Ende erhielt Madoff die gesetzliche Höchststrafe von 150 Jahren für seine Vergehen in allen Anklagepunkten. In gewisser Weise ist das natürlich absurd, auch 30 Jahre hätten wohl gereicht, um Madoff lebenslänglich hinter Gitter zu schicken. Aber der Richter wollte nicht nur Madoff bestrafen, das Urteil sollte auch eine abschreckende Wirkung für Nachahmer haben. Und es sollte ein wichtiges Symbol für die geschädigten Anleger sein. Ein Symbol, dass „unser System“ in den Vereinigten Staaten noch funktioniert, dass Anleger dem amerikanischen Rechts- und Finanzsystem trotz der jüngsten Turbulenzen vertrauen können.

          Anleger und nicht nur Kunden des Börsenmaklers Madoff hatten in den vergangenen Jahren reichlich Anlass für Misstrauen: Die spekulative Blase am Häusermarkt platzte. Große Investmentbanken, die mit komplexen und risikoreichen Wertpapieren diese Blase angeheizt hatten, waren zusammengebrochen. Die Aktienkurse fielen, das Land rutschte in eine Rezession. Dazu kam nun auch noch Madoff. Der hatte zwar nicht das gesamte Finanzsystem ins Wanken gebracht wie der Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers. Aber er ließ die Börsenaufsicht SEC, die schon in der Finanzkrise in die Kritik geraten war, noch schlechter aussehen. Eine effektive Börsenaufsicht ist eine Voraussetzung für funktionierende Kapitalmärkte. Sie soll fairen Wettbewerb sichern und damit das Vertrauen der Marktteilnehmer. Doch ist es der SEC nicht gelungen Madoffs Machenschaften aufzudecken – trotz jahrelanger starker Hinweise auf Ungereimtheiten.

          Wirtschaftsverbrechen sind kein Kavaliersdelikt

          Die hohe Strafe für den Betrüger ist nun tatsächlich ein Beleg dafür, dass das System noch funktioniert. Das Wertpapierrecht in den Vereinigten Staaten ist hart, Wirtschaftsverbrechen sind kein Kavaliersdelikt. Dennoch sind erhebliche Zweifel angebracht, ob das Madoff-Urteil abschreckende Wirkung auf andere potentielle Betrüger haben wird.

          Immerhin war auch Madoff nicht von seinen verbrecherischen Taten abgehalten worden, obwohl es die Gesetze nicht erst seit gestern gibt. Ein Wertpapierfachmann wie Madoff wusste genau, welch drastische Strafen Anlagebetrug nach sich ziehen kann. Madoff ist zudem nicht der einzige und bei weitem nicht der erste Schwindler an der Wall Street – auch wenn dieser Fall die bisherigen Dimensionen sprengt. Nur sieben Jahre ist es her, dass die Bilanzskandale um das Energieunternehmen Enron und den Telefonkonzern Worldcom das Vertrauen in die Finanzaufsicht auf eine harte Probe gestellt hatten. Auch deren ehemalige Vorstandsvorsitzende erhielten hohe Gefängnisstrafen, jeweils mehr als 20 Jahre.

          Die SEC muss sich daher ändern. Die Behörde war in den vergangenen Jahren notorisch unterbesetzt und musste um ihr Budget kämpfen. Dazu verliefen die Ermittlungen bei Madoff offenbar im Sande, weil Ermittlern die Expertise fehlte und es interne Rangeleien gab. Auch hatte die Lobby der Unternehmen und Banken dafür gesorgt, dass hart durchgreifende und erfahrene Leute wie der ehemalige Investmentbanker William Donaldson an der Spitze der SEC gegen Schoßhunde wie den früheren Kongressabgeordneten Christopher Cox ausgetauscht wurden. Eine Stärkung der Aufsicht ist nun unerlässlich. Doch selbst mehr und besser ausgebildetes Personal garantiert nicht, dass ein neuer Madoff nicht wieder alle Sicherungen umgeht.

          Fast unsichtbare Warnsignale

          Für die Anleger von Madoff kamen Umstände hinzu, die Warnsignale fast unsichtbar machten. Der Mann vertuschte seinen Betrug aufwendig. Er schickte seinen Kunden regelmäßig gefälschte Depotauszüge. Die Renditen waren solide und nicht exorbitant. Er konnte zudem auf eine lange Periode scheinbar erfolgreicher Anlagen verweisen. Jahrelang erhielten die Kunden stets ihr Geld. Dazu hatte Madoff einen guten Ruf an der Wall Street und betrieb ein völlig legitimes Wertpapierhaus. Er beriet die SEC. Er hatte Kunden, die über alle Zweifel erhaben waren und die hohen Respekt genossen, darunter den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Madoff hat diese Verbindungen eiskalt ausgenutzt.

          Ein klares Warnsignal haben Anleger dennoch missachtet: Madoff weigerte sich, genaue Informationen über seine Anlagestrategie preiszugeben. Von den meisten Privatanlegern kann man zwar nicht ernsthaft verlangen, die Anlagestrategien alle im Detail nachzuprüfen. Aber von Profianlegern wie Banken oder Pensionsfonds, die ebenfalls Geld ihrer Kunden an Madoff überwiesen hatten, muss man das erwarten. Die Tatsache, dass Madoff vorgab, in großem Umfang Optionsgeschäfte zu tätigen, am Optionsmarkt aber niemand etwas davon merkte, hätte auffallen können.

          Viele der Investoren, die teils unter Tränen vor Gericht ihre Leidensgeschichte erzählten, hatten Madoff gleich alle ihre Ersparnisse anvertraut. Daraus sollten Anleger die Lehren ziehen, nie das gesamte Vermögen auf eine Karte zu setzen. Denn gegen gewiefte Betrüger wie Madoff gibt es keinen umfassenden Schutz.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

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