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Mikrokredite : Kleine Kredite mit großer Wirkung

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Die Rikscha als Existenzgrundlage Bild: picture-alliance / dpa

Mikrokredite dienen als Hilfe zur Selbsthilfe für die Armen. Sie bilden die Grundlage für kleine Existenzgründungen. Eine Kuh, eine Ziege, eine Rikscha - in Entwicklungsländern reicht oft schon eine geringe Ausrüstung, um Tagelöhner zu Kleinunternehmern werden zu lassen.

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          Der diesjährige Friedensnobelpreis würdigt ein Entwicklungshilfeinstrument mit erheblicher Bedeutung: Mikrokredite sind inzwischen ein verbreitetes Mittel zur Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern. Armen Menschen ist in der Regel der Zugang zu regulären Krediten versperrt, weil sie keine Sicherheiten vorweisen können.

          Kredite bilden aber oft die Grundlage, um kleine Geschäftsideen zu verwirklichen. Mit Hilfe eines Kredits wird beispielsweise ein Tagelöhner zum selbständigen Bauern: Das Darlehen ermöglicht den Kauf einer Ziege, einer Milchkuh oder die Reparatur einer landwirtschaftlichen Maschine. In der Stadt wird von Kleinstkrediten beispielsweise der Kauf einer Rikscha finanziert. Die Darlehen mildern die Kreditbeschränkung der Klientel und helfen ihr, eine eigene Existenzgrundlage aufzubauen. Mit den Einnahmen aus dem landwirtschaftlichen Betrieb, dem kleinen Rikschaunternehmen oder aus sonstigen kleinen Geschäften wird der Mikrokredit Stück für Stück zurückgezahlt.

          „Mikrokredite verhindern, daß arme Bevölkerungsschichten auf Geldverleiher angewiesen sind“, erklärt Brigitte Klein von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit. Geldverleiher in Entwicklungsländern seien häufig Wucherer, die unverhältnismäßig hohe Zinsen verlangen und ihre Klientel in ein dauerhaftes Abhängigkeitsverhältnis treiben.

          Auszeichnung : Friedensnobelpreis für Muhammad Yunus und Grameen-Bank

          Kein Almosen

          Völlig zinslos sind Mikrokredite in der Regel auch nicht; das Geschäft mit den kleinen Darlehen ist nicht als Almosen konzipiert, sondern soll sich im Idealfall selbst tragen. Im Unterschied zu kommerziellen Krediten werden Mikrokredite jedoch meist ohne jegliche Sicherheiten an arme Bevölkerungsschichten vergeben. Die Darlehenssummen sind in der Regel sehr gering, daher kommt auch der Name „Kleinstkredite“. Bei der Grameen-Bank bewegen sich die Kreditsummen in einer Größenordnung von 20 Euro.

          „Es ist sehr wichtig, daß die Kredithöhe an die Zahlungsfähigkeit der Armen angepaßt ist“, sagt Brigitte Klein. „Ansonsten landen sie ganz schnell in der Überschuldungsfalle.“ Ein Kredit sei kein Geschenk. Wer ihn anbiete müsse sein Konzept sehr genau auf die besondere Klientel abstimmen.

          Im Jahr 1983 begann die Grameen-Bank in einem Dorf in Bangladesch ihre Arbeit als eine der Pionierorganisationen für Mikrokredite in der Dritten Welt. Sie vergibt ihre Darlehen vor allem an Frauen. Auf diese Art verfolgt die Bank mit der Gewährung der Kleinstkredite noch ein weiteres Ziel: Frauen erhalten Verantwortung für Finanzen, werden für den Familienbetrieb unersetzlich. Ihre häufig benachteiligte Stellung soll dadurch aufgewertet werden.

          Gruppenzwang statt materieller Sicherheit

          Die Kreditnehmer der Grameen-Bank sind zugleich ihre Eigentümer: Die Bank gehört zu 93 Prozent Bangladeschs Armen. Die restlichen Anteile hält der Staat. Die Eigentümerstruktur sorgt dafür, daß die Kreditnehmer ein ureigenes Interesse an der Rückzahlung ihrer Darlehen haben - schließlich fließt das Geld in die Kasse des eigenen Unternehmens. Und das System funktioniert: Nach eigenen Angaben erreicht die Bank eine Rückzahlungsquote von 98 Prozent.

          Als zusätzliche Sicherungsmaßnahme vergibt die Grameen-Bank ihre Kredite ausschließlich an kleine Gruppen, deren Mitglieder sich gegenseitig bei der Rückzahlung kontrollieren sollen. In einem ersten Schritt erhält nur ein Teil der Gruppenmitglieder ein Darlehen. Die Bank beobachtet dann über einen gewissen Zeitraum deren Rückzahlungsverhalten, bevor sie auch den restlichen Gruppenmitgliedern einen Kredit gewährt. Wird ein Gruppenmitglied nachlässig bei der Rückzahlung sind automatisch auch die anderen Gruppenmitglieder betroffen.

          Hilfe zur Selbsthilfe

          Das System der Grameen-Bank ist zum Vorbild für zahlreiche weitere Mikrofinanzinstitutionen in Entwicklungsländern geworden. Inzwischen ist das Prinzip auch auf andere Finanzdienstleistungen übertragen worden: Mikroversicherungen beispielsweise bieten Armen Schutz vor verschiedensten Risiken wie Krankheit, Ernteausfälle oder Tod des Hauptverdieners. Viele Gefahren des Alltags können über die kleinsten Versicherungen abgedeckt werden.

          Das Prinzip der Mikrofinanzorganisationen lautet „Hilfe zur Selbsthilfe“. Daran glaubt Friedensnobelpreisträger Mohammad Yunus fest. Man erzählt über ihn, daß er Straßenbettlern kein Geld gebe.

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