https://www.faz.net/-gqe-8gf2e

Migrationsforscher im Gespräch : „Die meisten Menschen wollen unbequeme Fakten nicht hören“

Keine Spur von Multikulti: Der türkische Präsident Recep Tayip Erdogan wird 2014 von seinen Anhängern in der Kölner Lanxess Arena gefeiert. Bild: dpa

Der Soziologe Ruud Koopmans kritisiert, dass sich muslimische Migranten zu wenig anpassen würden. Multikulti hält er für fatal, Merkels Türkei-Politik ebenso. In Deutschland wird er bislang kaum gehört – und er ahnt, warum.

          Herr Koopmans, Sie forschen seit rund 20 Jahren zu den Themen Migration und Integration. Sie müssten derzeit ein gefragter Mann sein. Wie oft hat das Kanzleramt schon bei Ihnen angerufen?

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die Kanzlerin hat noch nicht angerufen. Aber ich komme gerade aus dem Innenministerium, wo wir über die Gründe von Migration gesprochen haben. Wir haben auch sehr kontrovers über den jüngsten Deal mit der Türkei diskutiert.

          Dennoch tauchen Sie in der öffentlichen Debatte recht wenig auf. Was glauben Sie, woran das liegt?

          Es ist schon so, dass die meisten Politiker und Journalisten nur die Bestätigung ihrer eigenen Meinung hören wollen. Und da ist vielleicht die Position, die ich vertrete, in Deutschland zurzeit nicht so populär. Insgesamt ziehen meine Forschungsergebnisse schon Aufmerksamkeit auf sich. Anfang 2015 habe ich eine Studie veröffentlicht über islamischen Fundamentalismus und Feindbilder von Muslimen in Europa. Diese Ergebnisse wurden in vielen Ländern auf der ganzen Welt von Pakistan über Israel bis in die Vereinigten Staaten heftig diskutiert, auch in Europa – aber eben nicht in Deutschland. Die F.A.Z. hat als einziges Leitmedium darüber berichtet, wenn auch sehr kritisch. Aber immerhin hat sie berichtet. In den anderen Medien war komplette Funkstille.

          Zufällig am Tag der Anschläge in Brüssel haben Sie die Ergebnisse Ihrer jüngsten Studie veröffentlicht. Muslimische Zuwanderer sind demnach so schlecht in die Arbeitsmärkte der Zielländer eingebunden, weil sie sich nicht genügend anpassen. Ist das wirklich revolutionär gegen den Mainstream?

          O, ja. Das bedeutet nämlich, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen kultureller Assimilation und struktureller Integration in den Arbeitsmarkt. Das ist hierzulande ein Tabu-Thema, das darf nicht sein. Eigentlich sollte die Kultur keinen Einfluss auf die Integration haben.

          Aber Sie sind ja nicht der Erste, der sich mit dem Thema beschäftigt...

          Ruud Koopmans

          Das stimmt. Aber die meisten Studien gehen so vor, dass sie sich die Situation von Migranten und Nichtmigranten anschauen und die soziodemographischen Faktoren abgleichen. Wenn es dann bei gleichem Alter, gleichem Bildungsniveau und gleichem Wohnort immer noch Unterschiede gibt, wird das mit Diskriminierung durch die Arbeitgeber erklärt. In der Fachliteratur nennt man das „ethnic penalty“, also ethnische Bestrafung. Solche Studien basieren meistens auf allgemeinen Daten und es fehlen spezifische Faktoren, die für Migranten eine Rolle spielen. Das können Sprachkenntnisse sein oder spezielle Vorstellungen über die Rolle der Frau.

          In Ihren Befunden spielt Diskriminierung also keine Rolle mehr?

          Wenn man die genannten kulturellen Aspekte berücksichtigt, bleiben jedenfalls keine signifikanten statistischen Unterschiede mehr. Es gibt sicherlich Diskriminierung, diese fällt nur viel geringer aus als bislang angenommen.

          Bestreiten Sie wirklich, dass Bewerber mit Namen wie Ali oder Aische benachteiligt werden?

          Nein. Aber ein Problem dieser experimentellen Ansätze ist, dass sie zwar zeigen, dass es einen Zusammenhang gibt, aber nicht, wie groß das Phänomen ist. Es wird unterstellt, dass in jeder Situation, in der Ali sich bewirbt, auch ein Stefan in Konkurrenz tritt, der genau die gleichen Merkmale hat. Das kommt aber am wirklichen Arbeitsmarkt gar nicht so oft vor, weil Stefan wahrscheinlich eine bessere Ausbildung hat und gar nicht mit Ali um dieselbe Stelle konkurriert.

          Weitere Themen

          Kriminelle Vielfalt

          FAZ Plus Artikel: Gegen Clans und Rocker : Kriminelle Vielfalt

          Die irakisch-syrische Bande „Al-Salam 313“ soll unter anderem in Rauschgiftschmuggel und Waffenhandel verwickelt sein. Deshalb gehen die Behörden nun verstärkt gegen sie vor. Die Kontakte reichen bis zu kriminellen Clans.

          60 Satelliten auf einmal ins All Video-Seite öffnen

          Internet 2.0 von SpaceX : 60 Satelliten auf einmal ins All

          Die erdnahen Trabanten stellen die erste Stufe eines geplanten Netzwerks des Internetdiensts Starlink dar, das Hochgeschwindigkeits-Internet für zahlende Kunden auf der ganzen Welt zur Verfügung stellen soll. Starlink ist ein Projekt des Unternehmers Elon Musk.

          Topmeldungen

          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.

          Europawahl : Volksparteien verlieren Mehrheit im Parlament

          Im Europaparlament werden Christ- und Sozialdemokraten sich erstmals einen Partner suchen müssen. Die Rechte geht aus der Wahl gestärkt hervor, aber die eigentliche Überraschung liegt woanders.
          Ministerpräsident Alexis Tsipras

          Schon Ende Juni : Neuwahl in Griechenland

          Weil seine Regierungspartei Syriza bei der Europawahl schlecht abgeschnitten hat, geht Ministerpräsident Alexis Tsipras in die Offensive: Im Juni soll ein neues Parlament bestimmt werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.