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Migration nach Maß (2) : Die Schweiz profitiert von deutschen Zuwanderern

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

In Züricher Trambahnen ist immer mehr Hochdeutsch zu hören: 40.000 Deutsche sind seit der Liberalisierung der Freizügigkeit in die Schweiz gezogen. Auch die Zahl der Zuwanderer aus anderen EU-Ländern steigt. FAZ.NET-Serie zur Migration.

          5 Min.

          Auch Schweizer verdrängen gern, daß sie ein Einwanderungsland sind. Man klagt über die allzu vielen Ausländer, ereifert sich über kriminelle Asylanten, redet aber nur ungern über den ökonomischen Nutzen der Migranten. Dabei ist die Schweiz noch stärker als Deutschland auf Ausländer angewiesen. Das heimische Potential an Arbeitskräften reichte nie aus, um all die Stellen zu besetzen.

          Der Kleinstaat wäre nie zur mittelgroßen Wirtschaftsmacht geworden, wenn nicht zum Beispiel Henri Nestle aus Frankfurt an den Genfer See gezogen wäre oder heute ein Viertel aller Beschäftigten einen ausländischen Paß hätte - eine Quote, die nur von Luxemburg und Liechtenstein übertroffen wird.

          Schweizer Pässe sind schwer zu haben

          Auch die Ausländerquote, gemessen an der Bevölkerung, ist mit 20,4 Prozent im internationalen Maßstab sehr hoch. Dabei muß man allerdings berücksichtigen, daß der Schweizer Paß teuer und nicht einfach zu erlangen ist. Manche wollen ihn trotz jahrzehntelangem Aufenthalt auch gar nicht haben, weil der EU-Paß beim Reisen im Ausland Vorteile bietet.

          Bei der Steuerung des Zuzugs von Ausländern haben die Schweizer schon immer viel unbefangener als die Deutschen auf ihren ökonomischen Vorteil geachtet. Früher holte man vor allem Arbeitnehmer als Saisonkräfte für Bauwirtschaft und Gastronomie - erst aus Italien und Portugal, dann vom Balkan. Für solche temporären Stellen und auch für längere Aufenthalte gab es Kontingente der Kantone, um eine "Überfremdung" zu verhindern.

          Freizügigkeit für EU-Bürger

          Diese Form der Ausländerpolitik erwies sich als ökonomisch kurzsichtig, als man die Gastarbeiter wegen der erworbenen Sozialansprüche nicht mehr so einfach in die Heimat zurückschicken konnte. Ihre Qualifikation war gering; vor allem Serben, Kroaten und Kosovaren integrierten sich schlecht; und daher ist ihre Arbeitslosenquote jetzt hoch.

          Vor einigen Jahren wurde die Einwanderungspolitik geändert. Es gibt jetzt ein duales System, das Unqualifizierte abwehren und gut ausgebildete Ausländer anlocken soll. Dazu hat sich der Außenseiter Schweiz gewissermaßen europäisiert und mit der EU ein bilaterales Abkommen geschlossen, das 2002 stufenweise die gegenseitige Freizügigkeit für Personen einführte, die inzwischen für alle 25 EU-Staaten gilt.

          Über 50 Prozent deutsche Zuwanderer

          Wer aus einem dieser Länder kommt oder aus einem der drei Partnerländer in der Europäischen Freihandelsassoziation (Efta), der kann eine Stelle in der Schweiz antreten. Ausländer aus Drittstaaten, zum Beispiel aus dem ehemaligen Jugoslawien, haben es dagegen viel schwerer, eine Aufenthaltsgenehmigung für eine Arbeit zu bekommen, weil die Kontingente dafür klein und die Qualitätsanforderungen hoch sind.

          Die Folgen der neuen Ausländerpolitik sieht und hört man in jeder Zürcher Tram: Es wird viel mehr Hochdeutsch geredet. Seit der Liberalisierung sind ungefähr 40.000 Deutsche gekommen - nicht nur Ärzte, sondern auch Banker, Informatiker und andere gut ausgebildete Arbeitskräfte. Auf die Deutschen entfielen in den vergangenen Jahren 56 Prozent der Nettozuwanderung. In Zürich stellen sie schon die größte Ausländergruppe. In der gesamten Schweiz rangieren sie mit 161.564 Personen auf dem vierten Rang hinter Italienern, Serben/Montenegrinern und Portugiesen.

          Kellner aus Mecklenburg

          Waren es zunächst vor allem Kliniken, in denen die Schweizer - im wahrsten Sinn des Wortes - immer häufiger in deutsche Hände gerieten, so findet man die Deutschen inzwischen in fast allen Branchen. In der Gastronomie war der Wandel für die Eidgenossen besonders gut sichtbar: Die Deutschen ersetzten sehr schnell die Kellner aus dem ehemaligen Jugoslawien, denn diese waren nicht allein wegen ihrer mageren Sprachkenntnisse höchst unbeliebt. Auffällig oft wird man nun selbst in der Schweizer Provinz von jungen Ostdeutschen bedient, die die gute Bezahlung und die bessere Arbeitszeitregelung loben.

          Es kommt nicht von ungefähr, daß Schweizer Wirte vor allem Mecklenburger und Brandenburger holen: "Ossis" sind den Schweizern lieber, weil man sie als nicht so arrogant empfindet wie die "Wessis". Diese sind, zumal wenn sie vorlaut sind und ihre sprachliche Virtuosität im Hochdeutschen ausspielen, nicht sonderlich beliebt bei den Eidgenossen, was so mancher junge Einwanderer jetzt verwundert feststellt. Im Fußball drückt man lieber Italien die Daumen, obwohl die Eidgenossen früher auch italienische Gastarbeiter von oben herab behandelten und sie verächtlich "Tschingge" nannten.

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