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Mietmarkt : Klassenkampf im Kiez

Ein ganzes Leben in Kisten: Doreen Welke verpackt ihr Bild „Licht am Ende des Tunnels“ Bild: Lüdecke, Matthias

Ein Chefarzt kündigt seiner langjährigen Mieterin, um seine Berliner Wohnung selbst zu nutzen - zumindest hin und wieder. Rechtsstreitigkeiten zum Eigenbedarf polarisieren, denn es geht um viel.

          7 Min.

          Zwei Zimmer im vierten Stock ohne Aufzug, einige Nachbarn lärmen, der Balkon ist lang und schmal. Sicherlich, es ist ein Altbau, Baujahr 1903. Aber das macht Eindruck, ebenso der schwungvolle Stuck an der Decke. Außerdem liegt die Wohnung im Herzen von Berlin-Friedrichshain – in Zeiten explodierender Immobilienpreise gewiss kein Nachteil. Ob man hier wirklich leben möchte, ist eine andere Frage: Seit das Dachgeschoss aufgestockt wurde, dringt immer wieder Feuchtigkeit ein. Das Nachbarhaus wurde vor einigen Jahren saniert; seitdem ist die Wohnung extrem hellhörig, weil der Schallschutz vergessen wurde. Rohre wurden neu verlegt, die sich sichtbar in die Wand reinbeulen und zu wahren Lärmbrücken werden. Seitdem hört man aus dem Zimmer der Nachbarwohnung jedes Geräusch. Das ist besonders unangenehm, weil es sich dabei um das Bad handelt. Morgens und abends wird man daran erinnert, dass es Dinge gibt, die man von seinen Nachbarn lieber nicht wissen möchte.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Doreen Welke allerdings möchte hier leben, für sie sind diese rund 57,48 Quadratmeter seit 26 Jahren ihr Zuhause. Sie ist 47 Jahre alt, hat ein erstaunlich symmetrisches, jugendliches Gesicht und dunkle braune Augen. Ihre dunklen Haare hat sie in einen Pferdeschwanz zusammengebunden, eine dicke Strähne fällt ihr immer wieder ins Gesicht. Noch zu DDR-Zeiten, mit 21 Jahren, ist sie hierher gezogen, für 42 Ostmark. Ihr Sohn ist hier groß geworden. Sie hat die Zweiraumwohnung nach ihren Wünschen eingerichtet, auf eigene Kosten Laminat verlegt, das Bad saniert, ein Hochbett und Wandschränke einbauen lassen; inzwischen zahlt sie 262 Euro kalt. An den Wänden hängen selbstgemalte Bilder. Eines hat sie „Licht am Ende des Tunnels“ genannt. Bis vor wenigen Tagen hing es über dem Esstisch. Nun ist es verpackt.

          Denn das Landgericht Berlin hat im August entschieden, dass sie bis zu diesem Samstag, dem 30. November, ausziehen muss, sonst droht ihr die Zwangsräumung. Denn auch der Eigentümer möchte nun dort wohnen, zumindest hin und wieder. Er ist Chefarzt in Hannover, lebte früher in Berlin und will nun mehrmals im Monat flexibel und eigenbestimmt seine 14 Jahre alte Tochter aus einer früheren Beziehung sehen. Auch das ist verständlich.

          Abfindungen versüßen den Auszug

          Ganz nüchtern betrachtet, ist das in Deutschland ein ganz normaler Vorgang, im unterkühlten Juristenjargon nennt sich das Eigenbedarf. Tatsächlich verbirgt sich hinter diesem Wort der hilflose Versuch, zwei Grundrechte miteinander in Einklang zu bringen. Sie sind beide in Artikel14 festgeschrieben, stehen sich aber diametral entgegen: das Grundrecht des Vermieters, sein Eigentum frei und nach seinen eigenen Vorstellungen nutzen zu können; und das „eigentumsähnliche“ Grundrecht eines jeden Mieters, nicht nach Lust und Laune des Vermieters auf die Straße gesetzt zu werden. Rechtlich ist der Eigenbedarf so ziemlich die einzige Möglichkeit, einen redlichen Mieter, der jeden Monat zuverlässig seine Miete bezahlt, überhaupt aus einer Wohnung herauszubekommen. Selbst wenn die Wohnung verkauft wird, darf der Mieter zu unveränderten Konditionen darin wohnen bleiben. So will es das deutsche Mietrecht.

          Gefragter Altbau: Friedrichshain gehört zu den besten Lagen in Berlin

          Der Streit um Eigenbedarf wird in Deutschland erbittert geführt. Je angespannter der Wohnungsmarkt, desto härter. In Berlin ist er ganz besonders angespannt. Auch Friedrichshain, unweit des früher berüchtigten, inzwischen beliebten Boxhagener Platzes, gehört zu den Toplagen. In diesem Streit stehen sich die zwei Lager ziemlich unversöhnlich gegenüber: Nicht wenige Leute finden es selbstverständlich, dass der Eigentümer einer Wohnung frei darüber bestimmen darf, wer darin wann und wie wohnt. Schließlich hat er dafür einmal ordentlich Geld hingelegt und muss sie in Schuss halten. Unter der Knute des deutschen Mietrechts ist es nicht einfach, Vermieter zu sein. Kaum ist mal ein Wasserhahn kaputt, muss der Eigentümer ran – sonst wird die Miete gemindert. Und dann auch noch die lästigen Nebenkostenabrechnungen jedes Jahr.

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