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Mietmarkt : Klassenkampf im Kiez

Bisher haben die Karlsruher Richter allerdings noch nicht entschieden, wie es sich verhält, wenn der Eigentümer seine vier Wände nur gelegentlich bewohnen möchte – wie im Fall des Chefarztes aus Hannover. Dazu werden sie auch wohl nicht so bald eine Möglichkeit haben, denn das Landgericht Berlin hatte in dem Fall keine Revision zugelassen. Das war der Teil des Urteils, der bei Verbraucherschützern auf die größte Empörung stieß. Auch der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof Dietrich Beyer hält das für „völlig inakzeptabel“, wie er in einem Aufsatz schrieb. Die Klägerin hat deshalb Verfassungsbeschwerde eingereicht, nun ist der Fall also auch beim Bundesverfassungsgericht angekommen.

Doreen Welke könnte also Rechtsgeschichte schreiben – auch wenn sie wohl getrost darauf verzichten könnte. Erschöpft wirkt sie und etwas „durch den Wind“, wie sie selbst sagt. Ihre Geschichte hat sie schon oft erzählt, und doch ringt sie mit den Worten. Verbittert wirkt sie nicht, auch nicht nach zwei Jahren Rechtsstreit. Ihren Vermieter nennt sie Doktor. Nicht unsympathisch soll er sein, eher ein Mensch, mit dem man auch mal ein Bier trinken kann – wenn man nicht gerade in einen Rechtsstreit mit ihm verwickelt ist.

Eine Welle der Solidarität

Das jedoch war für sie fast schon ein traumatisches Erlebnis. Für Menschen, die noch nie einen Gerichtssaal von ihnen gesehen haben, ist der erste Ausflug in die Justiz ein Schock. „Auf dem Weg zur mündlichen Verhandlung habe ich mich gefühlt, als müsste ich zu meiner eigenen Exekution gehen“, sagt Welke: „Ich fühlte mich komplett ausgeliefert.“ Der Rechtsstreit wurde zur emotional aufgeladenen Prinzipienentscheidung. „In diesem Fall hatten sich alle verbissen“, sagt auch der Anwalt des Chefarztes, Tarik Sharief. „Es wurde alles Mögliche ermittelt, um den Eindruck böser Vermieter, guter Mieter zu erwecken. Es war ein bisschen wie Klassenkampf.“

Doreen Welke hat es ausgefochten, einen Vergleich mit dem Doktor hat sie abgelehnt. Sie fühlt sich in ihrem Kiez zu Hause. Nach 26 Jahren wäre alles andere eine Überraschung. Doch ihre Verbundenheit geht über das übliche Maß hinaus. Gemeinsam mit einem Freund ist sie tief in die Geschichte ihres Bezirks eingetaucht und hat ein Hörbuch veröffentlicht. „Unerhörte Stadtgeschichten“ heißt es: „Die Geheimnisse eines Szene-Viertels“. Doch selbst für jemanden, der sich so gut auskennt, gestaltet sich die Wohnungssuche schwierig. Alle, denen Mitte und Prenzlauer Berg schon zu glatt, zu überkandidelt oder schlicht zu teuer geworden sind, zieht es nach Friedrichshain.

Unweit der Oberbaumbrücke hat die Stadt dort in einigen Ecken noch ihren etwas heruntergekommenen Ost-Charme behalten. Neben frisch modernisierten Gründerzeithäusern stehen Bruchbuden, deren Eigentümerschaft auch 24 Jahre nach der Wende noch ungeklärt ist. Doch auch hier dreht sich der Wind, subkulturell orientierte Linksalternative laufen mit einem iPhone durch die Gegend. Der Ökosupermarkt „Veganz“ ist Vorbote der stetig wachsenden alternativen Community. Mit solchen Hipstern steht Welke im Wettbewerb, wenn sie sich um die wenigen freien Wohnungen im Kiez bewirbt. Bei den Besichtigungen steht sie zwischen mehreren Dutzend meist jüngeren Leuten und ist meist die Einzige, die eine „Mietschuldenbefreiungsbescheinigung“ ihres Vermieters nicht beibringen kann. Zu deren Ausstellung ist er freilich nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs auch nicht verpflichtet.

Noch ist unklar, was nach dem 30. November passiert. Seit einigen Tagen hat Welke eine Wohnung in Aussicht, ansonsten wird sie getragen von einer Welle der Solidarität. Viele Menschen haben ihr schon einen Platz auf dem Sofa angeboten. „Wenn ich alle 14 Tage wechsele, könnte ich die nächsten zwei Jahre so überbrücken“, seufzt sie. Doch so lange wird die Wohnungssuche wohl selbst in Friedrichshain nicht dauern.

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