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Michail Chodorkowskij : Keine Bedrohung mehr für Putin

  • -Aktualisiert am

Michail Chodorkowskij Bild: AFP

Michail Chodorkowskij bediente sich einst geschickt aus der Konkursmasse eines zerfallenen Staates und wurde mit seinem Ölkonzern zum reichsten Mann des Landes. Der Traum währte nur kurz. Ein Porträt.

          3 Min.

          Zehn Jahre sind eine lange Zeit, aber keine Garantie für Fortschritt. Als der 50 Jahre alte Michail Chodorkowskij am Freitag nach zehn Jahren Gefangenschaft das Straflager in Karelien im Nordwesten Russlands verließ, nahm sein Leben zweifellos eine entscheidende Wende. Doch seine russische Umwelt ähnelt in manchen wieder jener, in der einst seine Karriere begann: Chodorkowskij, der sich geschickt aus der Konkursmasse eines zerfallenen Staates bediente, zum reichsten Mann des Landes aufstieg und dessen zweitgrößten Erdölkonzern aufbaute – dieser Mann kehrt nun in eine Gegenwart zurück, in der jener Konzern wieder dem Staat gehört und zum weltweiten Branchenführer avanciert ist. Das war nicht unbedingt zu erwarten, als Chodorkowskij während seines Studiums in den achtziger Jahren in den Handel mit Matrjoschka-Holzpuppen einstieg.

          Nach Medienberichten waren es nicht nur Matrjoschka-Puppen, sondern auch Brandy und Jeans, mit deren Vertrieb sich der 1963 in Moskau geborene Chodorkowskij während seines Chemie- und Volkswirtschaftsstudiums ein deutliches Zubrot verdiente. Noch vor der Wende baute er ein „Zentrum für wissenschaftlich-technische Kreativität der Jugend“ auf, das sich allerdings auf Finanzgeschäfte spezialisierte. Später wandelte er es zu einer der ersten russischen Privatbanken und gründete darauf seine Industriebeteiligungen, die er in den Neunzigern während undurchsichtiger Privatisierungen erwarb. Ende 1995 kaufte Chodorkowskij so die Mehrheit am Erdölkonzern Yukos – weit unter Wert, wie ihm vorgeworfen wird.

          2003 kam er ins Fadenkreuz des Kremls

          Der Magnat modernisierte Yukos, steigerte mit neuen Technologien die Produktion und machte den Riesen profitabler. Es waren wohl nicht nur Chodorkowskijs politische Ambitionen und seine Kritik am schon damals amtierenden Präsidenten Wladimir Putin, die ihn 2003 in das Fadenkreuz des Kremls brachten. Chodorkowskij hatte mit Yukos viel vor: Zu jener Zeit hielten sich Gerüchte, er wolle ins Ausland expandieren und ausländische Aktionäre ins Boot holen. Auch plante er den Kauf des Erdölkonzerns Sibneft vom Magnaten Roman Abramowitsch; zusammen wären beide Unternehmen zur globalen Nummer Vier der Branche aufgestiegen.

          Der Traum währte kurz: Im Oktober 2003 wurde Chodorkowskij Steuerhinterziehung sowie Betrug vorgeworfen und er bei einer Zwischenlandung in Nowosibirsk aus seinem Privatjet gezerrt. Die Staatsanwaltschaft beschlagnahmte erst die Hälfte aller Yukos-Aktien und fror dann das Konzernvermögen ein. Bei der Zwangsversteigerung Ende 2004 erhielt eine unbekannte Finanzgruppe den Zuschlag für die wichtigste Yukos-Tochter. Wie sich herausstellte, gehörte sie dem staatlichen Erdölkonzern Rosneft, der damit von einem kleinen Licht zur großen Flamme avancierte. Bei der späteren vollständigen Zerschlagung von Yukos profitierte wiederum Rosneft. 2008 gab Chodorkowskij an, nicht mehr ins Erdölgeschäft zurückkehren zu wollen.

          Ein Jahr später wurde ihm wegen Geldwäsche und Diebstahls ein zweiter Prozess gemacht. Zuerst als Verwaltungsratspräsident und inzwischen als Geschäftsführer werden Rosnefts Geschicke von Igor Setschin gelenkt, einem ehemaligen Vize-Regierungschef, höchstwahrscheinlich mit Vergangenheit im Geheimdienst KGB. Setschin forciert Rosnefts Expansion im Inland ohne Rücksicht auf Minderheitsinteressen. Ironischerweise sucht auch er die Zusammenarbeit mit internationalen Partnern; der britische Energiekonzern BP ist inzwischen mit knapp 20 Prozent hinter dem Staat der zweitgrößte Aktionär von Rosneft. Aber Setschin tut das mit Einverständnis und zum Nutzen des Kremls. Russlands Erdölproduktion erreichte im November mit 10,6 Millionen Fass pro Tag ein postsowjetisches Rekordhoch, Rosneft fördert laut Bloomberg 5 Prozent des globalen Angebots.So wie damals die Verhaftung und die Prozesse gegen Chodorkowskij das Investitionsklima und die Attraktivität Russlands für ausländische Kapitalgeber beschädigten, so weckt inzwischen Rosnefts Expansion Besorgnis. In als strategisch wichtig geltenden Branchen – und nichts ist dem Staat wichtiger als seine Rohstoffeinnahmen - lassen sich bedeutende Geschäfte heute nur mit Moskaus Zustimmung machen.

          Es darf als sicher gelten, dass Putin Chodorkowskij nicht auf freien Fuß gesetzt hätte, wenn er ihn noch als Bedrohung seiner Macht oder seines staatskapitalistischen Modells ansähe. Auch hat seine Begnadigung die mangelnde Rechtssicherheit für viele tausend Unternehmer in Russland noch nicht verbessert.

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