https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/metall-und-elektroindustrie-ein-tarifabschluss-auf-kredit-18471415.html

Metall- und Elektroindustrie : Ein Tarifabschluss auf Kredit

Druck machen: Mitglieder der IG-Metall marschieren bei den Arbeitgebern der Branche in Frankfurt auf. Bild: Lucas Bäuml

Mit heftigen Streikdrohungen haben IG-Metaller ihre Chemie-Kollegen übertrumpft. Vor allem dem Mittelstand, ob Autozulieferer oder Maschinenbau, muten sie aber viel zu. Vielleicht zu viel.

          3 Min.

          Die guten Geschäftszahlen einschlägiger Industrieunternehmen wie Siemens und Daimler Trucks aus den vergangenen Tagen haben ersichtlich nicht dazu beigetragen, den Verhandlern der Arbeitgeberverbände ihre Arbeit im Tarifkonflikt mit der IG Metall zu erleichtern. Denn wie sollten sie die Gewerkschaft ausgerechnet vor diesem Hintergrund davon überzeugen, dass nun – bei allem Verständnis für die Belastungen der Beschäftigten – Lohnzurückhaltung geboten sei, um deren Arbeitsplätze zu sichern?

          Der Tarifabschluss für die Metall- und Elektroindustrie mit 24.000 Betrieben und 3,8 Millionen Beschäftigten – 8,5 Prozent Tariferhöhung plus 3000 Euro „Inflationsprämie“ – ist das Ergebnis einer in mehrfacher Hinsicht äußerst schwierigen Gemengelage. Vor allem aber hat sich nichts daran geändert, dass die Gesamtwirtschaft derzeit aller plausiblen Voraussicht nach in eine Rezession steuert. Und vor diesem Hintergrund ist dieser Abschluss mindestens mutig. Oder in den Worten des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall: ein „Vorschuss auf hoffentlich bessere Zeiten“.

          Das nächtliche Ergebnis aus Baden-Württemberg fällt, leicht erkennbar, eine Ecke höher aus als der jüngste Abschluss der Chemieindustrie: Dort einigten sich die Sozialpartner auf Tariferhöhungen in zwei Stufen von zusammen 6,5 Prozent plus zweimal 1500 Euro steuer- und abgabenfreie Einmalzahlung. Für die Metaller soll es – bei ähnlicher Vertragslaufzeit – schon im ersten Schritt 5,2 Prozent und mindestens 1500 Euro geben. Für die untersten Lohngruppen lässt sich deren Paket, gemessen am Nettolohn, auf bis zu 20 Prozent hochrechnen.

          Viele Mitglieder aus großen Unternehmen

          Ob und wann die „besseren Zeiten“ kommen, in denen sich dieses Paket nicht nur in ertragsstarken Unternehmen ohne Investitions- oder Stellenkürzungen abbilden lässt, bleibt ungewiss. Sicher ist nur, dass die Unternehmen schon kurzfristig neben allen anderen Belastungen mit einem kräftigen starken Lohnkostenanstieg fertig werden müssen. Ein anerkannter Grundsatz war bisher, dass sich Tarifpolitik nicht am Blick in den Rückspiegel orientieren soll, sondern am Blick voraus. Diesmal war es anders.

          Ein strukturelles Problem der Tarifpolitik kommt hinzu: Es sind jene großen Unternehmen, aus denen die IG Metall große Teile ihrer Mitgliedschaft rekrutiert. Es sind dieselben Unternehmen, deren Belange und Beitragszahlungen in den Arbeitgeberverbänden besonderes Gewicht haben. Aber die eigentliche Nagelprobe für die Zukunft des Flächentarifvertrags findet in der Breite des Mittelstands statt.

          Das sind zum Beispiel Autozulieferer oder Maschinenbauer, die schon bisher unter erhöhtem Druck gestanden haben. Das sind Unternehmen, deren wirtschaftliches Schicksal viel stärker mit dem Standort Deutschland und den sich verschlechternden Wettbewerbsbedingungen im Inland verbunden ist – während jene Großen über weltweit diversifizierte Produktionsnetzwerke verfügen, in denen sie unter anderem auch die Wucht besonders hoher Energiekosten im Inland viel besser abfedern können. Tarifpolitik darf sich aber nicht auf Dauer von den Produktionsbedingungen im Inland abkoppeln, wenn sie die Grundlage funktionierender Tarifverträge für ganze Branchen bleiben will.

          Vertreter der Arbeitgeberverbände haben es am Freitag offen eingestanden: Die Drohung der IG Metall, auf ein Scheitern der Gespräche in der Nacht sofort mit einem verschärften Arbeitskampf zu reagieren, habe den Einigungsdruck stark erhöht. Tatsächlich verwischt aber auch diese Lesart die Gegensätze, die innerhalb der Industrie zu überbrücken sind. Denn ein Arbeitskampf hätte natürlich vor allem die ertragsstarken, voll ausgelasteten Unternehmen getroffen – wo obendrein die Organisations- und Streikmacht der IG Metall ungleich größer ist als im breiten Mittelstand. Manche Mittelständler in den Arbeitgeberverbänden könnten sich fragen, warum man es nicht darauf ankommen ließ – auch für die IG Metall wäre es ein riskantes Spiel gewesen, ihre Leute und die Öffentlichkeit in dieser fragilen Wirtschaftslage für eine derartige Eskalation zu gewinnen.

          Auf der anderen Seite ist festzuhalten, dass das Tarifpaket zumindest einige Optionen enthält, den Anstieg der Lohnkosten für besonders krisengeplagte Betriebe zeitweilig abzumildern. Ob diese aber ausreichen, die im Mittelstand schon länger anwachsenden Vorbehalte gegen eine Bindung an die Metalltarifverträge einzufangen, ist fraglich. Es bleibt vorläufig ein Tarifabschluss auf Kredit. Umso mehr wird davon abhängen, dass die Bundesregierung ihre Wirtschaftspolitik jenseits akuter Krisenhilfen rasch und glaubwürdig darauf ausrichtet, die grundlegenden Produktions- und Wettbewerbsbedingungen in Deutschland wieder zu verbessern.

          Dietrich Creutzburg
          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der republikanische Abgeordnete George Santos

          Betrügerischer US-Abgeordneter : Wird ein Pitbull George Santos zum Verhängnis?

          Es vergeht kaum eine Woche ohne neue Enthüllungen über Lügen des republikanischen Kongressabgeordneten George Santos. Die Staatsanwaltschaft untersucht schwere finanzielle Vergehen. Doch gefährlich könnte ihm der Betrug an einem Veteranen werden.
          Brandenburger Idylle: Gerade in ländlichen Regionen ziehen junge Frauen oft ins Elternhaus des Partners.

          Leben bei den Schwiegereltern : Idylle oder Albtraum?

          Die Idee klingt praktisch: Lass uns doch, sagt der Partner, ins Haus meiner Eltern ziehen. Unsere Autorin war skeptisch. Aber sie ließ sich überzeugen, das Lebensmodell eine Weile zu testen – und hat heute eine sehr eindeutige Haltung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.