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Ehrendoktorwürde für Merkel : „Verachtet mir den Kompromiss nicht!“

Merkel wandte sich zu Beginn ihrer Dankesrede an die 220 Absolventen der HHL, die zuvor ihre Diplome erhalten hatten und forderte sie auf, in ihren künftigen Positionen einen weiten Blick zu behalten. Die soziale Marktwirtschaft sei angesichts der Globalisierung unter Druck. „Die Prinzipien sind richtig, aber sie müssen neu ausgearbeitet werden“, sagte Merkel. „Die Würde des einzelnen Menschen muss erhalten bleiben.“ Dafür brauchten gerade Führungspersönlichkeiten einen inneren Kompass, der nicht nur selbstgesteckten Zielen und Eigeninteressen folge, sondern das Wohl der Gesellschaft nicht nur heute und morgen, sondern in einem nachhaltigen Sinne im Blick habe. Das eigene Verhalten können dabei das Bild ganz vieler Menschen prägen, sagte Merkel. Leider habe das Vertrauen in Unternehmen und Institutionen in den Krisen der vergangenen Zeit sehr gelitten. „Und das Vertrauen ist auch noch nicht wiederhergestellt.“ Das sei auch Aufgabe einer neuen Generation, welche künftig Führung übernehme. Merkel forderte dazu auf, die Meinung aller einzubeziehen und vor allem Mut zum Kompromiss zu haben. „Verachtet mir den Kompromiss nicht! Ohne Kompromisse kann man eine Gesellschaft nicht zusammenhalten.“

Merkel hat in der DDR in Leipzig studiert und ihren Doktor in Naturwissenschaft erworben, worauf sie angesichts der Jubiläen 70 Jahre Grundgesetz und 30 Jahre Friedliche Revolution kurz einging. Als Abiturientin sei sie aus einer ländlichen Gegend in die Großstadt Leipzig gekommen und habe die dort diskussionsfreudige Forschungslandschaft sehr geschätzt. In Leipzig sei „immer ein Hauch von Freiheit spürbar gewesen“. Für das Studium der Physik habe sie sich entschieden, weil die SED zwar vieles habe verbiegen können, aber nicht die Naturwissenschaften. „Die Erdanziehungskraft galt auch bei uns“, sagte Merkel.

Die 17. Ehrendoktorwürde für Merkel

Für ihre Verhältnisse ungewöhnlich deutlich ging sie auf die problematischen Folgen der Wiedervereinigung ein. Das Ende der DDR sei für viele Menschen eine Zäsur gewesen, sagte Merkel. Nicht jeder habe wie sie die Möglichkeiten der Freiheit und der neuen Zeit nutzen können. So seien etwa von zwölf Prozent der Beschäftigten, die in der DDR in der Landwirtschaft gearbeitet hätten, zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung nur noch 1,2 Prozent übrig gewesen. „Viele hätten sich sicher gerne mehr eingebracht, und darüber müssen wir auch sprechen“, sagte Merkel. Sich in völlig neuen Verhältnissen zurechtzufinden, falle nicht leicht, noch dazu, wenn man in einem Staat aufgewachsen sei, der alles für einen geregelt habe. Sie plädiere deshalb dafür, dass sich Ost und West „noch besser miteinander austauschen, um mehr Verständnis für einander zu erreichen“.

Zugleich wünsche sie sich aber auch, dass bei aller Aufarbeitung der Vergangenheit der Blick für die Zukunft nicht verstellt werde. Den 220 Leipziger Absolventen, die aus 65 Ländern stammen, gab sie mit auf den Weg, neugierig und offen zu bleiben. „Seien Sie mutig!“, rief sie den jungen Leuten zu. „Die Älteren brauchen das, den Mut und die Kraft der Jugend.“ Für Angela Merkel ist die Ehrung bereits die 17. Ehrendoktorwürde, die erste war ihr 2007 von der Hebrew University in Jerusalem verliehen worden. Die 1898 gegründete Handelshochschule Leipzig gilt als Geburtsstätte der deutschen universitären Managementausbildung. Als Sinnbild trägt sie den ehrbaren Kaufmann in ihrem Logo. Zu DDR-Zeiten war die Hochschule Teil der Universität Leipzig, bevor sie 1992 durch die Industrie- und Handelskammer Leipzig als private universitäre Hochschule wiedergegründet wurde.

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