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Automobilindustrie : Mercedes rüstet drei Millionen Diesel-Autos nach

Daimler-Chef Dieter Zetsche Bild: Reuters

Daimler ergreift in der Dieselkrise die Flucht nach vorne. Mit einer freiwilligen Rückruf-Aktion wollen die Schwaben den Abwärtstrend des Diesels stoppen.

          Daimler bietet freiwillig eine Nachrüstung von drei Millionen Mercedes-Autos an. „Die öffentliche Debatte um den Diesel sorgt für Verunsicherung. Wir haben uns deshalb für Maßnahmen entschieden, um den Dieselfahrern wieder Sicherheit zu geben und um das Vertrauen in die Antriebstechnologie zu stärken“, erklärt Daimler-Chef Dieter Zetsche zu dem Beschluss, den der Vorstand des Stuttgarter Fahrzeug-Konzerns am Dienstag gefasst hat. Damit hofft die Konzernführung offenbar, den Diesel als Technologie retten zu können: „Wir sind davon überzeugt, dass der Diesel nicht zuletzt wegen seiner niedrigen CO2-Emissionen auch künftig ein fester Bestandteil im Antriebsmix sein wird“, sagte Zetsche.

          Susanne Preuß

          Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.

          Martin Gropp

          Mercedes-Kunden in Europa werden nun eingeladen, ihre Diesel-Autos für ein Software-Update in die Werkstätten zu bringen. Während das Update für einige Modelle schon existiert, werde es für andere noch in Auftrag gegeben werden, heißt es bei Daimler. Durch die Nachrüstung wird das sogenannte „Thermofenster“ deutlich größer. Mercedes reduziert, wie andere Autohersteller auch, die Nachbehandlung der Abgase bei sinkenden Temperaturen, was prinzipiell erlaubt ist, wenn die Gefahr besteht, dass sonst der Motor Schaden nimmt. Ob dieses Vorgehen rechtmäßig war, untersucht derzeit auch die Staatsanwaltschaft Stuttgart.

          Die Nachrüstung soll für die Mercedes-Kunden gratis sein. Der Konzern rechnet mit Kosten von 220 Millionen Euro – gemessen an den Milliardengewinnen kein besonders großer Aufwand. In Stuttgart geht man davon aus, dass andere Autohersteller noch keine fertigen Nachrüstlösungen haben. Beim „Diesel-Gipfel“, zu dem die Behörden die deutschen Hersteller am 2. August geladen haben, sollte über das weitere Vorgehen beraten werden.

          Der sogenannte Zukunftsplan von Daimler sieht zudem vor, dass die neue Diesel-Motorenfamilie, mit der die EU-Emissionsvorschriften eingehalten werden, schnell für die gesamte Modellpalette zur Verfügung gestellt wird. Der Vierzylinder-Motor OM 654 hatte seinen Marktstart in der E-Klasse im vergangenen Jahr, der Sechszylinder-Motor OM 656 wird mit der neuen S-Klasse in diesem Sommer eingeführt. Für die Entwicklung hatte Daimler rund 3 Milliarden Euro ausgegeben. Für das schnelle Ausrollen auf die gesamte Fahrzeugpalette muss der Konzern neue Kapazitäten schaffen, was wohl nicht in dem stark ausgelasteten Stammwerk Untertürkheim, sondern im thüringischen Kölleda erfolgt.

          Mit der Rückruf-Aktion will Daimler den Abwärtstrend des Diesels stoppen oder sogar umkehren, vor allem, weil die spritsparende Technologie dabei hilft, die CO2-Grenzwerte einzuhalten. „Der Diesel wird aufgrund seiner deutlich höheren Effizienz im Vergleich zum Benziner noch lange eine wichtige Rolle spielen“, lautet der letzte Satz in der Mitteilung zur Rückruf-Aktion. Gleichwohl mehren sich in immer mehr Ländern die Stimmen, die für eine rasche Abkehr vom Verbrennungsmotor plädieren.

          Ob, wann und wo ein Verbot von Benzin- oder Dieselmotoren nun kommt – für die deutsche Wirtschaft hätte eine solche Maßnahme große Auswirkungen. Das verdeutlicht eine Studie des Münchener Ifo-Instituts im Auftrag des Verbandes der Automobilindustrie, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Ausgehend von der Produktionsstruktur von 2015 hängen demnach mindestens 620000 Arbeitsplätze direkt und indirekt am Verbrennungsmotor. Bezogen auf alle Arbeitsplätze innerhalb der deutschen Industrie, hängt jeder zehnte an Motoren, die mit Benzin oder Diesel laufen, bei Autoherstellern und ihren Zulieferern ist es jeder zweite Arbeitsplatz.

          Während der Vorstellung der Studie betonte der Präsident des Ifo-Instituts, Clemens Fuest, dass die präsentierten Zahlen nicht bedeuteten, dass die genannten Stellen am Ende auch tatsächlich wegfallen, sollte ein Verbot von Verbrennungsmotoren kommen. Jedoch seien die Arbeitsplätze womöglich gefährdet. Positive Arbeits- und Wertschöpfungseffekte eines Wandels hin zur Elektromobilität bildet die Studie allerdings nicht ab. Dafür fehle die Datengrundlage, sagte Fuest.

          Generell sei ein Verbot einer Technik keine gute Variante, um Klimaschutzziele zu erreichen, sagte der Ifo-Präsident. Zwar rechnet sein Institut in der Studie vor, dass sich mit einem Verbot von Verbrennungsmotoren für 2030 an in den darauffolgenden 20 Jahren fast ein Drittel der Kohlendioxidemissionen einsparen ließe. Fuest warb für eine Klimapolitik, die Schutzziele festsetzt, jedoch nicht vorgibt, mit welcher Technik diese zu erreichen sind. „Wer den Wettbewerb der Umweltschutztechniken mit Verboten ausschaltet, verschwendet Ressourcen und leistet dem Klimaschutz einen Bärendienst“, sagte Fuest. Besser sei zum Beispiel eine Regulierung, die sich der Marktmechanismen bediene und den Emissionen einen Preis gebe, etwa über den Handel mit Emissionsrechten.

          Die Ifo-Studie zeigt auch auf, dass die deutschen Autohersteller im internationalen Vergleich sehr umtriebig sind, was die Forschung an alternativen Antriebstechniken betrifft. Demnach stammen die auf den Feldern Elektromobilität und der Hybridantriebe zwischen 2010 und 2015 eingereichten Patente zu jeweils einem Drittel von deutschen Unternehmen. „Man kann nicht sagen, dass die deutsche Industrie nichts tun würde. Das geben die Fakten nicht her“, sagte Fuest.

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