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: Mercedes-Chef Zetsche wirbt um Verständnis

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sup. STUTTGART, 29. September. Der neue Mercedes-Chef Dieter Zetsche hat den geplanten Abbau von insgesamt 8500 Arbeitsplätzen in Deutschland verteidigt und um Verständnis geworben. Auf einer Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen ...

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          sup. STUTTGART, 29. September. Der neue Mercedes-Chef Dieter Zetsche hat den geplanten Abbau von insgesamt 8500 Arbeitsplätzen in Deutschland verteidigt und um Verständnis geworben. Auf einer Betriebsversammlung im Werk Sindelfingen sagte er den rund 10 000 Mitarbeitern, daß es keinen Grund gebe, sich vor Arbeitslosigkeit zu fürchten, denn alle Maßnahmen beruhten auf der freiwilligen Entscheidung der Mitarbeiter. Weil Mercedes die wertvollste Premiummarke der Welt sei, gebe es allen Grund, zuversichtlich nach vorne zu schauen, rief Zetsche der Belegschaft zu.

          Die Versammlung sei in "sachlicher Atmosphäre" verlaufen, hieß es im Anschluß sowohl seitens des Unternehmens wie auch der Belegschaftsvertreter. Positiv vermerkt wurde, daß erstmals seit vielen Jahren überhaupt ein Vorstandsmitglied eine Betriebsversammlung besuchte. In einem Brief an alle Mitarbeiter hatte Zetsche zuvor bereits die Notwendigkeit des Stellenabbaus begründet: "Wir haben Kapazitäten, die angesichts der aktuellen Markt- und Wettbewerbssituation deutlich zu hoch sind." Zudem lägen die Kosten in allen Teilen der Wertschöpfungskette deutlich über denen der besten Wettbewerber. Es werde noch ein weiter Weg sein, bis die Mercedes Car Group (zu der auch die Marken Smart und Maybach gehören) wieder wirklich wettbewerbsfähig sei. Nach den Plänen des Unternehmens sollen sich im Werk Sindelfingen 3100 von 31 300 Beschäftigten bereit finden, Mercedes zu verlassen. In Bremen hat Mercedes nach eigener Einschätzung 2700 zuviel (von derzeit 13 400), im Motoren-Werk Untertürkheim sollen 1100 von 20 700 Mitarbeitern gehen. Selbst im modernsten Werk Rastatt, von dem es bisher stets hieß, es sei bestens ausgelastet, sollen 200 von zuletzt 6400 Beschäftigten zum Ausscheiden veranlaßt werden. Im Vertrieb sollen 600 von 18 200 Arbeitsplätzen abgebaut werden, die restlichen Stellen entfallen auf Zentralfunktionen wie Produktionsplanung, IT und Entwicklung.

          Betont wurde, daß das Prinzip der "doppelten Freiwilligkeit" gelte. Das heißt: kein Mitarbeiter wird zum Ausscheiden gezwungen, aber umgekehrt hat auch kein Mitarbeiter Anspruch darauf, gegen Abfindung ausscheiden zu dürfen. Für den Stellenabbau stehen insgesamt 950 Millionen Euro zur Verfügung, also durchschnittlich gut 100 000 Euro pro Person. In einem Faltblatt hat der Betriebsrat einige Beispiele vorgerechnet. Bei zum Beispiel vier Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Alter bis 39 Jahre erhält der Mitarbeiter, der 3200 Euro verdient, eine Abfindung von 33 900 Euro. Ist ein Mitarbeiter schon 15 Jahre im Betrieb, erhält er unter den gleichen Bedingungen 95 100 Euro.

          Die Abfindungen werden von Daimler-Chrysler durch Hilfsangebote unterstützt. Teilweise sollen die Beschäftigten in Zeitarbeitsfirmen vermittelt werden. Anderen wird durch von Daimler-Chrysler bezahlte Vermittler geholfen, eine andere Arbeitsstelle zu finden. Auch Existenzgründungsberatung werde angeboten, sagte eine Sprecherin. Für ältere Mitarbeiter gebe es bisher schon die Möglichkeit, mit 53 Jahren das Unternehmen gegen Abfindung zu verlassen. Wie viele Beschäftigte so in den frühen Ruhestand gehen, wollte die Sprecherin nicht sagen. Der Altersdurchschnitt der Belegschaft liege weltweit und im ganzen Konzern bei 41 Jahren. Die Maßnahmen zum Stellenabbau werden durch den Steuerzahler mitfinanziert.

          "Teuer wird es nicht nur für Daimler-Chrysler", sagte Achim Winkel von der Arbeitsagentur Baden-Württemberg: "Praktisch hängt in solchen Lösungen immer der Staat drin, selbst bei der Existenzgründung über die staatlich geförderte Ich-AG." Mit Blick auf Hartz IV sagte Winkel: "Vom Standpunkt des Arbeitnehmers aus würde ich mich schon sehr genau erkundigen, welche Chancen es auf dem Arbeitsmarkt wirklich gibt, und prüfen, wie Durststrecken überwunden werden können."

          Harsche Kritik übte Berthold Huber, Vize-Chef der IG Metall, an den Plänen und deutete Widerstand an: "Wir akzeptieren die 8500 nicht per se. Betriebsrat und IG Metall werden sich dafür einsetzen, daß diese Abbauzahlen nicht Realität werden. Wie weit wir kommen, das werden wir die nächsten Wochen sehen."

          Konzernbetriebsratschef Erich Klemm kritisierte die Vorgehensweise des Unternehmens: "Es ist beabsichtigt, zuerst Personal abzubauen und erst im Nachgang die Maßnahmen zu suchen, die diesen Abbau rechtfertigen." Das sei problematisch. Der Betriebsrat sei gleichwohl stolz auf den im vergangenen Sommer erkämpften Beschäftigungspakt, der bis zum Jahr 2012 Kündigungen verhindere. Der Dachverband der Kritischen Aktionäre von Daimler-Chrysler meldete sich mit der Einschätzung zu Wort, die Mitarbeiter müßten nun das langjährige Mißmanagement der Konzernspitze ausbaden, das Milliarden in Chrysler, Mitsubishi und den Dinosaurier Maybach versenkt habe.

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