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Zwischen Familie und Karriere : Steckengeblieben

Davon abgesehen, dass Vollzeit-Hausangestellte selbst für die meisten Gutverdiener jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegen, können sich deutsche Eltern mit dieser Vorstellung auch sehr viel schlechter anfreunden als zum Beispiel französische oder britische Eltern. Das hat etwas damit zu tun, dass in deutschen Besserverdiener-Kreisen nur als gute Mutter gilt, wer den rohrgezuckerten Bio-Apfelkuchen auch selbst gebacken hat, aber nicht nur. Es hat auch viel mit der eigenen Prägung der jungen Mittelschichtsmütter zu tun – zumindest, wenn sie in Westdeutschland aufgewachsen sind. Sie selbst sind erst mit drei Jahren in den Kindergarten gegangen und dann auch nur bis mittags. Wenn sie um 13 Uhr aus der Schule kamen, wartete zu Hause die Mutter mit dem Mittagessen und hat sie danach bei den Hausaufgaben betreut und zum Musikunterricht begleitet.

Wer heute in Frankreich oder Schweden ein Kind bekommt, war als Kind selbst in der Krippe, ist ganztags zur Schule gegangen und hatte mit großer Wahrscheinlichkeit eine Mutter, die immer Vollzeit gearbeitet hat. Eltern möchten, dass ihre Kinder es möglichst einmal besser haben als sie selbst, zumindest aber nicht schlechter. Wer als Kind die Präsenz der Mutter als positiv empfunden hat, tut sich schwer damit, sie dem eigenen Kind vorzuenthalten.

Da Väter die Reduktion der Arbeitszeit zugunsten der Familie scheuen und Mütter mit ganztägiger Fremdbetreuung hadern, sind sie es, die – teils freiwillig, teils unfreiwillig – zugunsten der Kinder kürzer treten. Kinder und Karriere werden subjektiv als unvereinbar wahrgenommen, weil die Opportunitätskosten, um an die Spitze zu gelangen, zu hoch erscheinen. Die Vorstellung, bei der Entwicklung des Kindes nicht die tragende Rolle zu spielen, wird ebenso als hoher Preis empfunden wie 12-Stunden-Arbeitstage nach durchwachten Nächten. Ein Gefühl der Zerrissenheit wird zum ständigen Begleiter, die Partnerschaft zunehmend zum Mini-Kindergarten, in dem sich beide Eltern nur noch um die Betreuung des Kindes herum organisieren. Auch moderne Kommunikationsmittel haben nichts daran geändert, dass in vielen Jobs derjenige gewinnt, der als Letzter das Licht ausmacht. Da können die meisten Mütter nicht mithalten. Wenn dann auch noch im Unternehmen Stolpersteine auf dem Weg nach oben auftauchen, verlassen Mütter den Karriereweg – selten mit einem Paukenschlag, sondern schleichend. Dazu kommt, dass die Kinder jetzt klein sind und es heute riesigen Spaß macht, mit ihnen die Welt zu entdecken, während der Spitzenposten bestenfalls eine ferne Verheißung ist.

Die hochqualifizierten Frauen zwischen 30 und 40 können jeden Tag lesen, wie sehr das Land sie braucht. Als gut ausgebildete Arbeitskräfte in einer alternden Gesellschaft. Als Mütter zukünftiger Rentenzahler. Warum, fragen diese Frauen sich, bleiben unsere Karrieren dann stecken? Warum ist der einzige Weg nach oben linear? Wenn Politik und Wirtschaft doch täglich ihr Interesse daran bekunden, dass wir aufsteigen, muss es doch auch Möglichkeiten geben, Karriere zu machen, ohne dass sie auf Kosten der Kinder geht. Denn nur eine Mutter, die auch daran glaubt, dass beides vereinbar ist, wird sich auf den Weg an die Spitze machen.

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