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Zukunft der Zeitung : Die Controllerin Friede Springer

Friede Springer war die fünfte Ehefrau von Axel Springer. Bild: Daniel Biskup/laif

Kühl und konsequent kümmert sich die Verlegerin um die Rendite des Springer-Konzerns. Auch der Teilverkauf des Erbes scheint sie nicht zu schrecken. Ein Porträt.

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          Starke Bekenntnisse von Friede Springer sind selten. Die Grande Dame des Springer-Konzerns, die dort über die Aktienmehrheit verfügt, spricht öffentlich nicht gern. In diesen für den Springer-Konzern so turbulenten Tagen ist es anders: „Solange ich als Mehrheitsaktionärin hier etwas zu sagen und mitzubestimmen habe, werden die Welt- und die Bild-Gruppe nicht angetastet.“

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das sind klare Worte der letzten Ehefrau des Verlegers Axel Springer. Der Zeitungsmarkt ist in Aufruhr, viele Mitarbeiter des Springer-Konzerns sind es auch. Vor ein paar Tagen hatte der Konzernvorstand verkündet, einen Großteil seiner Zeitungen für 920 Millionen Euro an die Essener WAZ-Gruppe zu verkaufen, die sich inzwischen Funke-Mediengruppe nennt.

          Dazu gehören ausgerechnet die erfolgreiche Fernsehzeitschrift „Hörzu“ und das „Hamburger Abendblatt“ - jene Titel also, die den Aufstieg des Hamburger Verlegers zu Deutschlands mächtigstem und wohl auch umstrittensten Zeitungsmacher begründeten. Vom „Ausverkauf bei Springer“ ist derzeit die Rede, vom Rückzug aus dem Journalismus oder auch davon, dass der Konzern fortan „Springer ohne Axel“ sei.

          Solche konzernstrategischen Richtungsentscheidungen fallen nicht ohne den Aufsichtsrat, und dort schon gar nicht ohne die Verlegerwitwe. Denn ohne ihr Einverständnis geht bis heute nichts in dem Verlagskonzern. Der Verleger hatte kurz vor seinem Tod im Jahr 1985 seiner damals jungen Frau 70 Prozent des Vermögens vermacht und sie in den Aufsichtsrat gehievt. Seither gilt sie als die Bewahrerin des Springerschen Erbes. Warum also entschließt ausgerechnet sie sich zu einem Schritt, der den Konzern ein ganzes Stück von seinen Wurzeln wegrückt?

          „Ich bin seit 28 Jahren im Aufsichtsrat aktiv. Ich verfolge die Entwicklung auf dem Zeitungsmarkt seit Jahren und sehe täglich Zahlen“, sagt Friede Springer. Sie sieht die Auflagenstatistik ihrer Blätter und die der Konkurrenz. Sie studiert Umsätze und Renditen. Sie weiß: Die Zahlen werden nicht schöner. Zumindest nicht bei den Zeitungen und Zeitschriften, mit denen der Springer-Konzern immerhin noch die Hälfte seines Umsatzes erzielt.

          Friede Springer hat sich weiterentwickelt

          Seit Jahren befindet sich der Markt in der Krise. Zeitungen erwirtschaften Verluste, Verlage werden insolvent, Blätter verschwinden, Redaktionen werden geschlossen, manch international renommierter Titel erscheint nur noch digital. Seit fast drei Jahrzehnten verfolgt Friede Springer den Niedergang eines Wirtschaftszweigs, in dem ihr Mann einst zu Geld, Meinungsmacht und Ruhm gekommen ist.

          Sie kann die Verschiebung von Erfolgspotentialen auf andere Felder erkennen, daraus ihre Schlüsse ziehen und Entscheidungen fällen. Die jüngste ist eindeutig. „Auch wenn ich die Entwicklung des Marktes sehe und die logischen Konsequenzen, die sich daraus für uns als Zeitungshaus ergeben, fallen mir solche Entscheidungen ungemein schwer.“ Ganz aus dem publizistischen Geschäft und damit aus dem Journalismus will sie sich gleichwohl nicht zurückziehen. „Die Bild- und die Welt-Gruppe bauen wir weiter aus, wir stärken sie - im Bereich von Print und Online“, sagt sie.

          Dass ihr die Trennung von einem Großteil der Springerschen Traditionsblätter schwerfällt, werden ihr manche glauben, andere vielleicht nicht. Man kann ihr den Entschluss als Herzenskälte auslegen oder als fehlenden Respekt vor dem Erbe ihres Mannes. Man kann ihn auch als vorausschauend und mutig bezeichnen. Die unterschiedlichen Deutungen hängen von der Rolle ab, die man Springers Witwe zuschreibt.

          Wer sie als Gralshüterin sieht, als Bewahrerin des Erbes, den wird spätestens jetzt das Entsetzen erfassen. Er hat dann aber nicht begriffen, dass die Rolle der andächtigen Nachlassverwalterin, die früher mal ihrem Selbstverständnis entsprochen haben mag, nichts mehr mit der Gegenwart zu tun hat.

          Friede Springer hat sich weiterentwickelt. Sie ist nicht mehr die reichlich verunsicherte Witwe, die anfänglich stille Zuhörerin im Aufsichtsrat des börsennotierten Konzerns, die sich erst Jahre nach dem Tod ihres Mannes die Mehrheit an dem Konzern mühsam zurückkaufte. Längst hat sie einen starken Gestaltungswillen. Sie hat vor elf Jahren Mathias Döpfner zum Konzernchef gemacht - gegen den Willen mächtiger Springer-Aufsichtsräte. Sie hat ihn beim Umbau des Konzerns unterstützt, der in diesen Tagen gerade einen radikalen Höhepunkt erlebt.

          Am Ende könnte die Kapitalkraft Springers nicht reichen

          Sie hat sich als kühle, abwägende Begleiterin erwiesen, die bereit ist, neue Wege einzuschlagen und damit Risiken einzugehen. „Das Alte ist vergangen“, sagt sie. „Wirklich vergangen.“ Eine Bestandsgarantie für das Geschäftsmodell von 1985, dem Todesjahr von Axel Springer, hat sie nie gegeben. Sie war früh davon überzeugt, dass der Verlag sich weiterentwickeln müsse, um nicht seine wirtschaftliche Kraft zu verlieren, anfällig für Begehrlichkeiten der Konkurrenz zu werden und womöglich unterzugehen.

          All diese Bedrohungen hat sie nach dem Tod ihres Mannes hautnah erlebt. Als sie mit 43 Jahren zur Haupterbin wurde, hatte ihr Mann einen reichlich demontierten Konzern hinterlassen. Drei Viertel des Verlagshauses hatte er vor seinem Tod verkauft. Burda war zu einem Viertel beteiligt, Leo Kirch zu zehn Prozent, der Rest war an der Börse notiert. Andere Medienkonzerne versuchten, den Springer-Erben das einflussreiche Zeitungshaus zu entreißen. Als Erstes Burda, über viele Jahrzehnte vergeblich Leo Kirch, dann ausgerechnet die WAZ-Gruppe.

          Nervenzehrende Schlachten hat die Verlegerwitwe geschlagen. Mehrfach hat sich Friede Springer in dreistelliger Millionenhöhe verschuldet, um sich sukzessiv die absolute Mehrheit zurückzukaufen. Um sie halten zu können, musste sie den Verlag ertragreich machen. Auf die Gewinnausschüttungen war sie angewiesen, um ihren Schuldendienst zu leisten. Sonst hätte sie wieder verkaufen müssen.

          Erst seit gut fünf Jahren ist sie schuldenfrei. Ertragskraft garantiert Unabhängigkeit, für sie persönlich und für das Unternehmen. Diese Erfahrung hat sie tief geprägt. An erster Stelle steht die Rendite. Danach kommt der Journalismus, solange man mit ihm Geld verdienen kann.

          Die Einschätzung, wie das am besten funktioniert, überlässt sie Mathias Döpfner. Sie denkt mit und diskutiert. Döpfner geht hohe unternehmerische Risiken ein, um geschäftlich erfolgreich zu sein. Er ist davon besessen, es mit den größten Internetkonzernen der Welt aufzunehmen. Sie lässt ihn gewähren. Gerne spricht er von der digitalen Transformation des traditionellen Verlagshauses, die er immer weiter vorantreibt. Sie ist von deren Notwendigkeit überzeugt.

          Die Konzernzahlen geben den beiden recht. Bisher. Die Rendite jagt von Rekord zu Rekord. Google, Amazon, Facebook - an diesen Internetriesen orientiert sich Döpfner inzwischen, weil sie dabei sind, Verlagsunternehmen an die Wand zu drücken. Es kann sein, dass die Kapitalkraft von Springer am Ende nicht reicht, um den ganz Großen der Branche die Stirn zu bieten.

          Sie wird selten nostalgisch und nie sentimental

          Eine ganze Mannschaft an Managern und Redakteuren hat der Konzernchef ins Silicon Valley entsandt, in der Hoffnung, dass sie dort das Mediengeschäft von morgen kennenlernen. Auch die Mehrheitsaktionärin fuhr kurzerhand mit nach Kalifornien, um dort junge Unternehmen zu besichtigen, Geschäftsmodelle zu inspizieren und einen Blick in die neue Medienwelt zu werfen, die ihre „alte Branche“ vor sich hertreibt.

          Friede Springer sucht das Neue, die Veränderung. Das hat sie immer getan, ohne sich dabei in Szene zu setzen. Sie hat sich auf Wege begeben, obwohl sie das Ziel anfänglich nicht kannte. Die alte Entourage des verstorbenen Verlegers hat ihre Suche mit Argwohn verfolgt und sie als kaltherzig und bindungslos bezeichnet, wenn sie sich von Menschen und Geschäftsteilen trennte. Manch einer versteht sie bis heute nicht.

          Sie hat Axel Springer in seiner Zeit bewundert, geliebt, beraten, umsorgt. Überhöht hat sie ihn nie. Das überlässt sie anderen - an erster Stelle ihrem Konzernchef. Der lässt keine Gelegenheit aus, sich ganz in der Tradition des Verlagsgründers als journalistischer Überzeugungstäter zu präsentieren.

          Er redet viel und gerne über Axel Springer: der geniale Verleger, der Gefühlsmensch, der Freiheitskämpfer, der Prinzipientreue. Dass er derweil den Verkauf von Teilen des Erbes organisiert, bringt ihm - bei aller unternehmerischer Logik - die vielen kritischen und auch hämischen Kommentare ein.

          Friede Springer ist nüchterner. Jegliches Pathos ist ihr fremd. Sie orientiere sich an der Zukunft, sagt sie. Das sei das Beste, was sie für das Lebenswerk von Axel Springer tun könne. Kein Blick zurück. Sie wird selten nostalgisch und nie sentimental. Aus der Mehrheitsaktionärin des Springer-Verlags ist eine sehr erfolgreiche Unternehmerin geworden. Die Schlachten um den Konzern und der Kampf um seine und ihre Unabhängigkeit haben sie verändert. Dass sich daraus auch eine Emanzipation von ihrem verstorbenen Mann ergab, muss nicht verwundern. Für ihr unternehmerisches Handeln hat Axel Springer heute keine Bedeutung mehr. Auch für die Einschätzung der Zukunft nicht.

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