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Zukunft der Zeitung : Die Controllerin Friede Springer

Dass ihr die Trennung von einem Großteil der Springerschen Traditionsblätter schwerfällt, werden ihr manche glauben, andere vielleicht nicht. Man kann ihr den Entschluss als Herzenskälte auslegen oder als fehlenden Respekt vor dem Erbe ihres Mannes. Man kann ihn auch als vorausschauend und mutig bezeichnen. Die unterschiedlichen Deutungen hängen von der Rolle ab, die man Springers Witwe zuschreibt.

Wer sie als Gralshüterin sieht, als Bewahrerin des Erbes, den wird spätestens jetzt das Entsetzen erfassen. Er hat dann aber nicht begriffen, dass die Rolle der andächtigen Nachlassverwalterin, die früher mal ihrem Selbstverständnis entsprochen haben mag, nichts mehr mit der Gegenwart zu tun hat.

Friede Springer hat sich weiterentwickelt. Sie ist nicht mehr die reichlich verunsicherte Witwe, die anfänglich stille Zuhörerin im Aufsichtsrat des börsennotierten Konzerns, die sich erst Jahre nach dem Tod ihres Mannes die Mehrheit an dem Konzern mühsam zurückkaufte. Längst hat sie einen starken Gestaltungswillen. Sie hat vor elf Jahren Mathias Döpfner zum Konzernchef gemacht - gegen den Willen mächtiger Springer-Aufsichtsräte. Sie hat ihn beim Umbau des Konzerns unterstützt, der in diesen Tagen gerade einen radikalen Höhepunkt erlebt.

Am Ende könnte die Kapitalkraft Springers nicht reichen

Sie hat sich als kühle, abwägende Begleiterin erwiesen, die bereit ist, neue Wege einzuschlagen und damit Risiken einzugehen. „Das Alte ist vergangen“, sagt sie. „Wirklich vergangen.“ Eine Bestandsgarantie für das Geschäftsmodell von 1985, dem Todesjahr von Axel Springer, hat sie nie gegeben. Sie war früh davon überzeugt, dass der Verlag sich weiterentwickeln müsse, um nicht seine wirtschaftliche Kraft zu verlieren, anfällig für Begehrlichkeiten der Konkurrenz zu werden und womöglich unterzugehen.

All diese Bedrohungen hat sie nach dem Tod ihres Mannes hautnah erlebt. Als sie mit 43 Jahren zur Haupterbin wurde, hatte ihr Mann einen reichlich demontierten Konzern hinterlassen. Drei Viertel des Verlagshauses hatte er vor seinem Tod verkauft. Burda war zu einem Viertel beteiligt, Leo Kirch zu zehn Prozent, der Rest war an der Börse notiert. Andere Medienkonzerne versuchten, den Springer-Erben das einflussreiche Zeitungshaus zu entreißen. Als Erstes Burda, über viele Jahrzehnte vergeblich Leo Kirch, dann ausgerechnet die WAZ-Gruppe.

Nervenzehrende Schlachten hat die Verlegerwitwe geschlagen. Mehrfach hat sich Friede Springer in dreistelliger Millionenhöhe verschuldet, um sich sukzessiv die absolute Mehrheit zurückzukaufen. Um sie halten zu können, musste sie den Verlag ertragreich machen. Auf die Gewinnausschüttungen war sie angewiesen, um ihren Schuldendienst zu leisten. Sonst hätte sie wieder verkaufen müssen.

Erst seit gut fünf Jahren ist sie schuldenfrei. Ertragskraft garantiert Unabhängigkeit, für sie persönlich und für das Unternehmen. Diese Erfahrung hat sie tief geprägt. An erster Stelle steht die Rendite. Danach kommt der Journalismus, solange man mit ihm Geld verdienen kann.

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