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Kommentar : Wir müssen weiter jammern

Deutsche Beschäftigte machen am meisten Urlaub und arbeiten nach den Niederländern am wenigsten Stunden in der Woche Bild: dpa

Niemand macht sich so gut Gedanken über ungelegte Eier wie die Deutschen – und das ist ein Segen. Doch dieser Vorsprung durch Unzufriedenheit droht verlorenzugehen. Andere Nationen fangen auch zu jammern an.

          3 Min.

          Deutschland ist drauf und dran, seine wirtschaftliche Zukunft zu verspielen. Diesmal geht es nicht um die schwerwiegenden Folgen der Energiewende oder den ebenso ernstzunehmenden Rückstand beim schnellen Internet – zumindest nicht direkt. Gemeint ist etwas viel Grundlegenderes in diesem ressourcenarmen Land im Herzen Europas: die menschliche Schaffenskraft und das Geschick, dieses knappe Gut möglichst effizient einzusetzen. Denn die Deutschen unterscheidet von den meisten anderen Völkern dieser Erde vor allem, dass sie selten so richtig mit etwas zufrieden sind. Deutsche können dafür jammern, nörgeln und meckern wie die Weltmeister. Kein Haar in der Suppe bleibt unentdeckt.

          Diese chronische Unzufriedenheit ist ein unheimlich belebendes und produktives Element im wirtschaftlichen Alltag. Wo sich andere schon mit einer Neunzig-Prozent-Lösung zufriedengeben, um sich vermeintlich angenehmeren Aufgaben zu widmen, beißt sich der deutsche Tüftler so lange in seiner Aufgabe fest, bis er sie komplett durchdrungen und gelöst hat. In seiner schwäbischen Ausprägung ist er zum Sinnbild (ger)manischer Hartleibigkeit geworden: Geht nicht, gibt’s nicht! Dieser einzigartige Allokationsprozess hat Deutschland mit jährlich 14000 neuen Patenten zur Ideenschmiede Nummer eins auf der Welt gemacht.

          Die Deutschen schauen optimistisch in die Zukunft

          Doch dieser Vorsprung durch Unzufriedenheit droht verlorenzugehen. Denn es häufen sich Befunde, wonach die Deutschen so langsam, aber sicher zu einem Volk der Zufriedenen und damit Antriebslosen mutieren. Laut einer Studie der Marktforscher von Nielsen schaut die Bevölkerung zwischen Flensburg und Garmisch so optimistisch in die Zukunft wie sonst nur die notorisch glückseligen Dänen. Und haben die Analysten von Gallup nicht jahrelang tiefschwarz gemalt, dass die Mitarbeiter hiesiger Unternehmen mehrheitlich schon innerlich gekündigt hätten? Nun plötzlich sinkt der Anteil des Zombie-Personals. „Der positive Trend scheint sich zu verfestigen“, heißt es.

          Mit anderen Worten: Die Deutschen beginnen langsam zu begreifen, wie gut es ihnen geht. Die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Europäischen Union – vor allem unter jungen Leuten – hat die Ohren taub gemacht für skandalisierende Parolen von der „Prekarisierung“ des Arbeitsmarktes. Deutsche Beschäftigte machen am meisten Urlaub und arbeiten nach den Niederländern am wenigsten Stunden in der Woche – aber wenn sie arbeiten, dann wird auch etwas geschafft. Selbst die Berufspessimisten vom Wohlfahrtsverband mussten mittlerweile eingestehen, dass die statistische Definition von Armut in Deutschland die Dramatik des Problems erheblich überzeichnet. Und die FDP entsorgte jüngst auch noch die gute alte „German Angst“ auf dem Müllplatz der Geschichte. Keine Frage, Deutschland geht es gut, um nicht zu sagen blendend. Eigentlich Gelegenheit, um sich mal entspannt zurückzulehnen und zu genießen, zum Beispiel die „schwarze Null“ im Bundeshaushalt.

          Unzufriedenheit um Deutschland herum wächst rasant

          Doch diesem Müßiggang wohnt auch Gefahr inne. Denn die anderen holen auf. Die Unzufriedenheit um Deutschland herum wächst rasant. Spanier, Franzosen, Italiener, von den Griechen ganz zu schweigen – alle begehren gegen die bestehenden Verhältnisse auf. Man mag sich gar nicht vorstellen, welchen Produktivitätsschub diese Emotionen im mediterranen Krisenbogen auslösen könnten, würden sie richtig kanalisiert.

          Noch haben die Deutschen die Nase vorne – auch in der Kunst, sich über die ungelegten Eier von morgen und übermorgen den Kopf zu zerbrechen. Hierzulande gab es schon Netzwerke für den Erfahrungsaustausch mit Altersmanagementsystemen im Personalwesen, da hatten andere Industrieländer den demographischen Wandel noch gar nicht als Bedrohung wahrgenommen. Und mit der Präzision einer deutschen CNC-Fräse hat die deutsche Politik zusammen mit der Wirtschaft unter dem Slogan „Industrie 4.0“ eine der wegweisenden Debatten der kommenden Jahre angestoßen.

          Dennoch stellt sich die Frage, ob das auf Dauer reichen wird oder ob das – noch – reiche Deutschland schon viel zu sehr aus der Reserve lebt. Aus jener Reserve, welche die Unzufriedenen und Umtriebigen von gestern geschaffen haben. Ein rohstoffarmes Land mit hohem Lebensstandard, hohen Löhnen und Gehältern sowie einem hohen Maß an sozialer Sicherheit ist darauf angewiesen, dass sich seine Einwohner nicht mit dem Erreichten zufriedengeben, wenn das Niveau auch nur gehalten werden soll. Es lebt vom Streben nach Perfektionismus und vom Widerwillen, sich nicht mit halbgaren Kompromissen abzufinden. Wer die Akribie deutscher Luxusautohersteller kennt, mit der bis in die Vorstandsetagen hinauf an jedem noch so kleinen Detail penibel gefeilt wird, kann die Wertschätzung für die Endprodukte und die Verkaufserfolge auf der ganzen Welt nachvollziehen.

          Nonkonforme Mitarbeiter und nie zufriedene Vorgesetzte mögen in hohem Maße anstrengend sein. Sie sind aber auch Exponenten einer kritischen Arbeitskultur, die bislang dafür gesorgt hat, dass der Standort Deutschland oft die Nase vorn hat.

          Sven Astheimer
          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

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