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Zensur : Der Chinese, der endlich wieder googeln will

Wang Long Bild: privat

Wang Long aus Shenzen hat seinen Internetanbieter verklagt, weil in China Google, Youtube und Facebook gesperrt sind. Ein harter Kampf bahnt sich an.

          Am vergangenen Donnerstagnachmittag steht Wang Long, 26 Jahre alt und computerinteressiert, in einem Gerichtssaal in der südchinesischen Millionenstadt Shenzen und freut sich über seine Niederlage. Sein Fall ist nicht gewonnen, das nicht, der Richter wird seine Klage gegen den Internetserviceprovider China Unicom wohl abweisen. Doch dass es überhaupt zur Verhandlung gekommen ist, feiert Wang als Triumph: Er hat geklagt, weil China Unicom ihn keine Google-Dienste nutzen lässt. Ihn nicht und nicht 1,3 Milliarden weitere Chinesen. Vergangenen Mai, kurz vor dem 25. Jahrestag des Tiananmen-Massakers, wurde Google gesperrt. Es ist gesperrt bis heute.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Weder die Internetnutzer mit China-Unicom-Anschluss noch die Internetnutzer von China Mobile oder China Telecom erreichen die Suchmaschine - und ebenso wenig den E-Mail-Dienst Gmail und das Google-Videoportal Youtube. Die Seite der „New York Times“ ist auch verboten, die Zeitung hat über das Vermögen auf den Konten von Chinas Führern berichtet. Zig Internetseiten werden täglich von den Behörden gesperrt, wenn sie der Partei nicht genehm sind.

          Darüber, dass die „Great Firewall“ existiert, spricht Chinas Regierung ungern. Es gibt kaum offizielle Aussagen eines Ministeriums darüber, nach welchen Kriterien Dienste oder Seiten im Netz auf die schwarze Liste kommen, nach deren Vorlage Berichten zufolge zwei Millionen Zensoren die Informationsfreiheit der Bürger beschränken. Deshalb ist es eine kleine Sensation, als der Richter die junge, unerfahrene Anwältin von China Unicom im Gerichtssaal zur Google-Blockade befragt. Sie sei nicht sicher, ob sie dazu etwas sagen könne, lautet die Antwort. So berichtet es Wang, so berichten es chinesische Medien. Der Richter sagt, die Probleme hätten wohl nichts mit China Unicom zu tun.

          China Unicom ist unschuldig

          Die parteinahe „Global Times“ zitiert einen „Internetsicherheitsexperten“, der sagt, Wang habe den Falschen verklagt. Der Schuldige sei Google, das nicht von China aus operiere. Als Google sich 2006 in China niederließ, beugte sich der Konzern zunächst der Zensur. Seit 2010 leitet Google die Suchanfragen aus Festlandchina auf seine unzensierte Suche im meinungsfreieren Hongkong um. „Ich appelliere an Google und Twitter und Facebook, ihre Dienste in China anzubieten und angemessene Überwachung zu akzeptieren“, sagte der Experte der „Global Times“. Das Gericht werde Wangs Fall vor Beginn des Oktobers entscheiden, heißt es.

          Vor zwanzig Jahren war Wang Long ein schwieriges Kind. Einer, der immer Ärger macht. Ein Querkopf. Das erzählt er selbst, als ihn diese Zeitung vergangenen Sonntag am Telefon erreicht. Er berichtet von seinen Eltern, brave Bauern aus der Provinz Gansu im Nordwesten Chinas, die an die Mongolei grenzt. Die Eltern sorgten sich um den einzigen Sohn, wenn er wieder mal im Büro des Schuldirektors saß. Er sei anders gewesen als die Klassenkameraden, sagt Wang. Der Umgang mit Menschen sei ihm nicht leichtgefallen. Als alle in den Kommunistischen Jugendverband eintraten, blieb er draußen. 15 Jahre später haben seine Eltern nun wieder Angst.

          Im Jahr 2005 verlässt Wang Long sein Heimatdorf und zieht nach Shenzen, eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Wang schlägt sich als Versicherungsvertreter durch und gründet seine eigene Computerfirma. Die Pleite kommt schnell. Ihm fehle das Gespür fürs Geschäft, sagt Wang Long. Heute lebt er von Ersparnissen. Er stehe jetzt in Diensten der Demokratie, sagt Wang.

          Als das Gericht in Shenzen Ende Juli die Klage gegen China Unicom annahm, war er überrascht. „Aber ich hatte ja auch alle nötigen Unterlagen beisammen.“ Wang hat nie eine Universität besucht, er hat sich das chinesische Recht im Selbststudium beigebracht und Juraprüfungen für Abendschüler absolviert. Er hat sogar mal für China Unicom gearbeitet - dessen einzige Reaktion ein Anruf des Service-Centers gewesen sei: Man werde Wang Long keinen Service mehr bieten. So berichtet er.

          Hat er keine Angst? „Ich fühle mich sicher“, sagt Wang. „Danke der Nachfrage.“ Er ist ein höflicher Geselle. Er formuliert bedächtig. Will korrekt zitiert werden. China Unicom, den Staatskonzern mit einem Umsatz von 295 Milliarden Yuan (36 Milliarden Euro), habe er mit seiner Klage in eine unangenehme Lage gebracht, sagt Wang. Das tue ihm leid. „Es musste sein.“ Nachdem er die Papiere bei Gericht eingereicht hatte, bekam er einen Anruf von den Sicherheitsbehörden. Nichts Schlimmes, sagt Wang. Nur ein Anruf. Es habe keine Drohung gegeben. Nur ein Signal, man wisse Bescheid.

          Vor der Gerichtsverhandlung hat er den Fall in aller Ausführlichkeit auf dem Kurznachrichtendienst Weibo ausgebreitet, Chinas Gegenstück zu Twitter, das normalerweise ebenfalls zensiert wird. Doch Wang konnte die vielen Fragen anderer Chinesen unbehelligt beantworten. Warum er überhaupt klage und seine Zeit verschwende, er habe doch sowieso keine Chance, wollten die meisten von ihm wissen.

          Einziger Weg zu Google kostet 70 Dollar

          „Es geht darum, ein Bewusstsein zu schaffen“, sagt Wang. Er hat damit gerechnet, dass das Gericht die Öffentlichkeit von der Verhandlung ausschließen werde. Doch das tat es nicht. Der Gerichtssaal war klein, aber voll. Viele Menschen aus Shenzen wollten hören, was China Unicom zum Vorwurf der Internetzensur zu sagen hat. Wang berichtet, viele im Publikum kenne er als IT-Experten aus Shenzen.

          Wang sagt, ihn freuten die vielen Anrufe von Journalisten. Von sich aus habe er keine Zeitung benachrichtigt; das ist ihm wichtig. Viele Chinesen haben ihn auf dem Kurznachrichtendienst Weibo als „publicitygeil“ beschimpft. Dass Wang sagt, er lehne Spenden nicht ab, macht ihn weiter verdächtig. Aber es gibt auch Fans. Es kostet die Chinesen 70 Dollar, die Great Firewall zu umgehen. So viel kostet ein „Virtuelles Privates Netzwerk“, ein Datentunnel durch den Pazifik zu den Servern an Amerikas Westküste. 70 Dollar sind immer noch viel Geld im internetsüchtigen China. Außerdem muss man den Tunnel ständig an- und ausschalten. Und Youtube ruckelt trotzdem.

          Die Chinesen kaufen das neue iPhone mit LTE-Geschwindigkeit und müssen Justin Bieber auf Youtube in Zeitlupe anschauen. Das nervt. Wang sagt, er verstehe nicht, warum Google immer noch gesperrt sei. Der Tiananmen-Jahrestag sei doch nun seit drei Monaten vorbei. Twitter, Facebook - alles dicht. Irgendwann müsse mal Schluss sein, sagt Wang.

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