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Wirtschaftsweiser Christoph Schmidt : Gefragt und ignoriert

Chef der Wirtschaftsweisen: Christoph Schmidt Bild: Röth, Frank

An diesem Mittwoch stellen die Ökonomen des Sachverständigenrats ihr jährliches Gutachten vor. Ihr Vorsitzender, Christoph Schmidt, trifft mit seinen Mahnungen gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik auf taube Ohren.

          Es ist eine schwierige politische Umbruchzeit, in die der Sachverständigenrat mit seinem Gutachten hineinstößt. Die amtierende Regierung hat nur noch eine kurze Restlaufzeit, die FDP ist aus dem Parlament rausgeflogen. Was Union und SPD in den Koalitionsverhandlungen besprechen, alarmiert die Ökonomen des Sachverständigenrats. „Gegen eine rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik“ haben sie ihr diesjähriges Gutachten betitelt, das an diesem Mittwoch vorgestellt wird. Doch die „fünf Wirtschaftsweisen“ stoßen mit ihren Vorschlägen und Mahnungen derzeit auf taube Ohren.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Ihre Weisheit ist nicht wirklich gefragt. Beispiel Mindestlohn: Der Rat warnt vor einer zu hohen Lohnuntergrenze, die neue Koalition ist sich aber schon so gut wie einig. Beispiel Rentenleistungen. Der Rat sorgt sich um die Finanzierung, die Politik will Geschenke verteilen. Und das Megathema Energiewende: Die Politik dreht allenfalls an einigen Schrauben bei der Ökostromsubventionierung, der Rat fordert einen Systemwechsel: weg von der Energie-Planwirtschaft, hin zu mehr marktwirtschaftlichen Elementen, um den Anstieg der Kosten zu dämpfen.

          Für eine offene Einwanderungspolitik

          Christoph Schmidt, der vor einem halben Jahr den Vorsitz der Wirtschaftsweisen übernommen hat, wird wohl keine strahlende Kanzlerin erleben, wenn er ihr am Mittwoch das Jahresgutachten überreicht. Im Hauptberuf ist der 51-jährige Volkswirt Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen. Der breiteren Öffentlichkeit ist er noch immer wenig bekannt. Eher noch kennt man Peter Bofinger, der auf Vorschlag der Gewerkschaften benannt wurde und im Rat seit neun Jahren eine keynesianische Linie vertritt. Die weiteren Mitglieder sind der Finanzwissenschaftler Lars Feld, der sich als Ordnungspolitiker profiliert, die Expertin für Finanzregulierung Claudia Buch und der Geldpolitikfachmann Volker Wieland.

          Schmidt ist kein Mann markiger Worte, sondern agiert eher hinter den Kulissen. Für ihn ist die Arbeit nicht damit getan, den Regierungsmitgliedern das Gutachten in die Hände zu drücken. Er tourt danach durch die Ministerien und diskutiert das Gutachten mit ranghohen Beamten. Seine wissenschaftliche Spezialität als Ökonometriker ist es, Datensätze mit statistisch-mathematischen Methoden so zu bearbeiten, dass daraus Erkenntnisse über Kausalbeziehungen gezogen werden können. Mit den neuen Methoden habe es eine „Glaubwürdigkeitsrevolution“ gegeben, sagen die Ökonometriker.

          Geboren wurde Schmidt 1962 als Sohn eines Medizinprofessors, der damals in der australischen Hauptstadt Canberra lehrte. Im Volkswirtschaftsstudium an der Universität Mannheim bei Heinz König erlernte er das statistisch-mathematische Rüstzeug. Es folgte ein Aufenthalt an der Princeton University, wo er seinen Doktortitel erwarb. Danach arbeitete er in München an seiner Habilitation über das Thema, wie sich Einwanderung auf die Einkommensverteilung auswirkt. Schmidt ist tendenziell für eine offene Einwanderungspolitik. Als vor drei Jahren das vieldiskutierte einwanderungskritische Buch Thilo Sarrazins erschien, griff Schmidt den damaligen Bundesbank-Vorstand als „Rassisten“ scharf an.

          „Er ist ein Arbeitstier“

          Als Arbeitsmarktökonom bleibt er bei der Warnung vor einem staatlichen Mindestlohn. Inzwischen hat er die ganz harte Ablehnung aufgegeben. „Was ist der optimale Mindestlohn?“, fragte das jüngste RWI-Positionspapier – und antwortete: „So hoch wie möglich, so niedrig wie nötig“. Mit 8,50 Euro jedenfalls läge ein Mindestlohn in einem kritischen Bereich, weil er Beschäftigungschancen von Geringqualifizierten, Jungen und Problemgruppen vernichte. „Mit 7,00 Euro pro Stunde würde ein mittlerer Rang im Vergleich der OECD-Länder belegt. Höher sollte man keinesfalls beginnen“, ist die RWI-Position. Neben der Arbeitsmarkt- und der Energiepolitik hat sich Schmidt in den vergangenen Jahren mit der Wohlstandsmessung beschäftigt und in der Enquetekommission des Bundestages dazu mitgearbeitet.

          Seit 2002 leitet Schmidt das RWI in Essen, eines der mittelgroßen Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland mit rund 90 Mitarbeitern. Damals stand es auf der Kippe. „Das RWI war, bevor Schmidt es übernommen hat, einer der Todeskandidaten unter den Forschungsinstituten“, erinnert sich RWI-Vizepräsident Thomas Bauer. Schmidt gelang es, das Institut radikal umzubauen und zu modernisieren. Dabei schont er sich nicht. „Er ist ein Arbeitstier und ein absoluter Teamplayer“, sagt ein Mitarbeiter. Wenn es sein müsse, studiert und schreibt er die Nacht durch.

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