https://www.faz.net/-gqe-7ntnj

Wirtschaftsweiser als Schauspieler : Eurokrise zwischen Himmel und Hölle

Wolfgang Wiegard Bild: Rinderspacher

Früher erklärte der ehemalige Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard die Eurokrise. Jetzt tut er es wieder - augenzwinkernd, als Schauspieler in einem selbst geschriebenen Theaterstück.

          2 Min.

          In der Politik wird oft Theater gespielt. Nun zieht die Ökonomie nach. „Wir kriegen die Krise“ heißt das Bühnenstück, das der frühere Wirtschaftsweise Wolfgang Wiegard mit Freunden geschrieben hat. Dabei entpuppt sich Wiegard, der freundlich-dröge Finanzwissenschaftler von der Universität Regensburg, als kreativer und witziger Geist.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          In Hemd und Weste, mal auch mit Sonnenbrille und E-Gitarre, tritt er vors Publikum und erklärt die vertrackten Hintergründe der Finanzkrise. Vergangenes Jahr hat er das Stück in seiner Heimatstadt uraufgeführt. Nun geht er auf Tournee. Wiegard und drei befreundete Schauspieler, zwei Männer und eine Frau, gaben erstmals in Mannheim in den Sälen des „Mannheimer Morgen“ ein Gastspiel.

          Alles fängt an mit der amerikanischen Subprime-Hypotheken-Krise. Heinz und Martin, nicht die hellsten Banker in New York, und ihre langbeinige Sekretärin merken, dass sie auf einem Haufen fauler Kredite sitzen. Rasch wird „der alte Prof aus Regensburg“ eingeflogen, der erklärt, wie sie Schrottkredite verbriefen, tranchieren und dann an deutsche Landesbanken verkaufen können. Das Stück schwankt im ersten Akt zwischen „The Wolf of Wall Street“ für Arme und VWL-Seminar.

          Dem Publikum gefällt es aber, wenn der emeritierte Professor erklärt, wie man mit Kreditverbriefungen „aus Scheiße Gold“ macht. Manche Zoten ernten wieherndes Gelächter. Im zweiten Akt entwerfen die nun arbeitslosen Ex-Lehman-Banker ein Schneeballsystem, um sich frisches Geld zu beschaffen. Wiegard erinnert an Charles Ponzi, den legendären Pionier finanzieller Schneeballsysteme, und Bernie Madoff, der noch größere Summen veruntreute.

          Profitieren von der Krise: Vorträge für gutes Geld

          Aber nur private Schneeballsysteme scheitern ausnahmslos, staatliche Kredit-Schneeballsysteme halten sich länger. Wenn sich Regierungen immer weiter verschulden und alte Kredite mit immer mehr neuen Krediten ablösen, kann sich das Schuldenrad durchaus lange weiterdrehen, weiß Wiegard. Und wenn nichts mehr geht, werden die Euro-Rettungsfonds angezapft oder Mario Draghi und die Europäische Zentralbank einspringen, um Schrottpapiere zu kaufen. Oder es gibt Inflation und finanzielle Repression. Nun stecken wir schon tief in der Krise.

          Er selbst habe ja von der Krise profitiert, erklärt der frühere Wirtschaftsweise. Je länger und komplexer die Krise wurde, desto mehr durfte er Vorträge – für gutes Geld – halten, um zu erklären, warum alles so passieren musste. Dass die Ökonomen versagt hätten, weil sie die Krise nicht vorhergesagt hätten, weist Wiegard zurück. Er findet, in der Finanz-, Wirtschafts- und Eurokrise seien insgesamt die richtigen Gegenmittel ergriffen worden. Jens Weidmann, Jörg Asmussen und Axel Weber seien die Helden der Krise. Nach einigen Schlenkern zum Homo Oeconomicus und zum Kobra-Effekt, den falschen Anreizen durch verfehlte Wirtschaftspolitik, steuert das Schmunzel-Drama auf den fünften Akt zu.

          Wird der Euro überleben? Wiegard entwirft zwei mögliche Ausgänge: Im schlechten Szenario hören wir eine Nachrichtensendung aus dem Jahre 2030. Der Euro ist längst Geschichte. 2020 hatte als letztes Land Luxemburg den Euro aufgegeben, nachdem es Hyperinflation infolge der EZB-Anleihekäufe, eine lange Rezession und blutige soziale Unruhen in Europa gab.

          Der bei einem Jagdunfall umgekommenen Draghi („Ich bin eine draghische Figur, bin Italiener. Kann nicht mit Geld umgehen.“), Asmussen und Wiegard müssen in die Hölle. Im günstigen Szenario dagegen steht der Euro 2030 prächtig da. Die Schweiz, Großbritannien und sogar Nordkorea sind beigetreten. Draghi und Asmussen kommen in den Himmel. Nur für Wiegard bleibt die Pforte verschlossen – denn Gott verwechselt ihn leider mit dem Euro-Kritiker Hans-Werner Sinn. Pech gehabt.

          Weitere Themen

          Die Schlangenflüsterin von Eswatini

          Keine Angst vor der Speikobra : Die Schlangenflüsterin von Eswatini

          Ohne Schlangen droht die Rattenplage. Wer aber im afrikanischen Königreich Eswatini, ehemals Swasiland, gebissen wird, muss um sein Leben bangen. Eine Frau will das nicht hinnehmen – und kämpft mit Haken und Zange.

          Reservierung im Supermarkt statt im Restaurant

          Plattform Opentable : Reservierung im Supermarkt statt im Restaurant

          Aufgrund der Corona-Kirse sind derzeit viele Restaurants geschlossen. Opentable hat seinen Service daher erweitert: In einigen amerikanischen Städten können Kunden nun Termine für den Einkauf in Supermärkten reservieren.

          Topmeldungen

          Sei es die Größe von Smartphones, der Sitz von Anschnallgurten oder das Verhalten im eigenen Haushalt: Bei der Berechnung von Alltagsdingen werden Frauen systematisch benachteiligt.

          Der Mann als Maßstab : Warum die Daten die Frauen diskriminieren

          Eine britische Aktivistin liefert neuen Diskussionsstoff. Für sie steht fest: Daten, die zu den großen und kleinen Entscheidungen über unser Zusammenleben beitragen, benachteiligen Frauen systematisch. Was steckt dahinter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.