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Asyldebatte : Ein Lob dem Wirtschaftsflüchtling

Flüchtlinge an der Grenze zwischen Ungarn und Serbien: Nicht nur Gewalt, auch Armut sorgt für die Flucht nach Europa. Bild: AFP

Wer einwandert, um sich in Deutschland ein besseres Leben zub erarbeiten, muss in Deutschland als Hassfigur der Asyldebatte herhalten. Aber weshalb eigentlich? Materielle Motive sind seit Jahrhunderten eine selbstverständliche Triebfeder für Zuwanderung. Nicht nur nach Amerika. Ein Kommentar.

          In Deutschland ist er so unbeliebt wie nirgends sonst. Ausländerhasser verachten ihn, wohlmeinende Flüchtlingshelfer haben ihn nicht lieb. Der politische Mainstream will ihn außer Landes schaffen, um Platz für die wirklich Bedürftigen zu schaffen, wie es heißt. Die Rede ist vom „Wirtschaftsflüchtling“, der hierzulande seit Jahrzehnten als Hassfigur der Asyldebatte herhalten muss. Es ist ein sehr deutscher Begriff. Der „economic refugee“ hat es im englischen Sprachraum nicht zum Schimpfwort gebracht, und nach einem französischen „réfugié économique“ lohnt es sich mangels Masse kaum zu googeln.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Sache ist ja auch nicht leicht zu verstehen. Wer die deutsche Diskussion gar nicht kennt, hätte Mühe, die abwertende Absicht zu erfassen: Was soll an einem „Wirtschaftsflüchtling“ schlecht sein? Elenden Verhältnissen zu entfliehen, um sich andernorts ein besseres Leben zu erarbeiten, zählt zu den ältesten Antrieben des Menschen. Es gehört zu jenem „pursuit of happiness“, dem „Streben nach Glück“, das nach amerikanischem Verständnis ein Teil der unveräußerlichen Menschenrechte ist.

          Asylrecht als Notlösung für arme Migranten

          Aus- und Einwanderung aus wirtschaftlichen Motiven galt lange Zeit als selbstverständlich. Das Asylrecht entstand ursprünglich als Notlösung für Leute, die sich den Status des Migranten aus wirtschaftlichen Gründen nicht leisten konnten – und in einer Zeit, in der die Freizügigkeit für Arbeitskräfte anders als im 19. Jahrhundert stark eingeschränkt wurde, zum Nachteil aller Beteiligten.

          Seine Urheber machen den „Wirtschaftsflüchtling“ zum negativen Kampfbegriff, indem sie ökonomische Motive pauschal zu niedrigen Beweggründen degradieren. Man wünscht sich den Asylbewerber unbefleckt von Wohlstandserwägungen. Asyl zu beantragen und zu gewähren heißt nach deutschem Verständnis, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun.

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          Als Idealtypus gilt der erfolgreiche Arzt, der sich dem heimischen Regime nicht anpasste und deshalb jetzt in Deutschland von Sozialleistungen oder Hilfsarbeiten lebt. Ein solcher Abstieg zählt als Beleg ernster Überzeugungen. Früher wurde die antikapitalistische Reinheit des Asylbewerbers sogar mit Arbeitsverboten geschützt, zum wirtschaftlichen Schaden der Bundesrepublik. Die gleichen Leute schimpften hinterher über eine „Einwanderung in die Sozialsysteme“.

          Eine Abgrenzung, die es nicht gibt

          Keine Frage: Wer vor einem Bürgerkrieg flüchtet oder sich in der Opposition gegen eine Diktatur aufopfert, ist aller Ehren wert. Ihn zu instrumentalisieren, um andere Formen der Migration zu diskreditieren, ist aber nicht nur moralisch fragwürdig. Es verstößt auch gegen unsere eigenen Interessen – und es gaukelt eine Abgrenzung vor, die es in der Realität gar nicht gibt.

          Während der Jahrzehnte des Kalten Kriegs wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, geflohenen DDR-Bürgern unter Verweis auf materielle Motive die Aufnahme in die Bundesrepublik zu verweigern. Im Gegenteil: Dass im Osten modische Jeans oder trockener Weißwein nicht aufzutreiben waren, galt als weiterer Beleg für die Menschenfeindlichkeit des Regimes. Bei allen Verdiensten der Bürgerrechtler brachte am Ende eine massenhafte Wirtschaftsflucht das SED-Regime zum Einsturz.

          Ein CSU-Politiker hat eine unsachliche Polemik gegen Asylbewerber einst mit dem sehr richtigen Halbsatz verbunden, Deutschland brauche mehr Einwanderer, „die uns nützen“. Derzeit läuft es genau umgekehrt. Wir nehmen einerseits aus humanitären Gründen Bürgerkriegsflüchtlinge auf, deren ökonomischen Nutzen wir bislang bewusst minimiert haben. Und wir benutzen das andererseits als Argument, Arbeitsmigranten etwa aus dem früheren Jugoslawien abzuweisen, obwohl sie uns wirtschaftlich eine Hilfe sein könnten.

          Dabei lässt sich der Satz des CSU-Mannes ganz einfach übersetzen: Wir brauchen dringend mehr Wirtschaftsflüchtlinge.

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