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Reaktion auf Öko-Manifest : Industrie scheut kritische Worte über den Papst

Diesmal blieben die Standing Ovations aus: Die Enzyklika des Papstes gefällt nicht allen Bild: AP

Der Papst hat in seiner Enzyklika das Gewinnstreben der Wirtschaft angeprangert. Greenpeace und Umweltpolitiker freuen sich über den Rückenwind. Die Industrie hingegen müsste eigentlich protestieren. Aber die Kritik bleibt vorsichtig.

          Die am Donnerstag veröffentlichte Enzyklika von Papst Franziskus hat Beifall nicht nur von Umweltorganisationen erhalten. Greenpeace sah sie wegen der Forderung nach einem Ausstieg aus allen fossilen Energieträgern als Aufforderung an die Politik, „ohne weiteren Aufschub mit dem Ausstieg aus klimazerstörenden fossilen Energien zu beginnen“.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Dies sei ein Signal an Konzerne wie Vattenfall oder Shell, aber auch an die Bundesregierung: Wenn die Kanzlerin nicht den schrittweisen Kohleausstieg angehe, handle sie „auch gegen die katholische Kirche“. Angela Merkel, Protestantin, äußerte sich nicht.

          Andere Politiker von SPD, Linker und Union aber lobten den Papst, darunter der Klimaschutzbeauftragte der Bundestagsfraktion, Andreas Jung (CDU): „Es ist ein eindrucksvolles Zeichen, dass sich der Papst mit Nachdruck für den Umwelt- und Klimaschutz einsetzt.“ Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP würdigte die Enzyklika als Aufforderung, Klimawandel und Umweltzerstörung zu stoppen. Der Bund katholischer Unternehmer (BKU) äußerte sich ebenfalls anerkennend.

          Umweltverschmutzung ist Sünde

          Papst Franziskus fordert, wie am Donnerstag berichtet, die Politik und Wirtschaft zu einer radikalen ökologischen Neuausrichtung auf und die Bürger zu stärkerem politischen Engagement. In dem Schreiben heißt es auch, der Gebrauch von Plastik und Papier solle eingeschränkt, öffentliche Verkehrsmittel genutzt und Tierversuche gestoppt werden. Die Konsumgesellschaft sei kurzsichtig, die Politik dürfe sich nicht weiter dem „Finanzwesen“ und „der Wirtschaft unterwerfen, und diese darf sich nicht dem Diktat und dem effizienzorientierten Paradigma der Technokratie unterwerfen“.

          An anderer Stelle wird der Papst radikaler: „Wenn die Politik nicht imstande ist, eine perverse Logik zu durchbrechen, und wenn auch sie nicht über armselige Reden hinauskommt, werden wir weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen.“

          Umweltverschmutzung sei Sünde, ökologische Erziehung notwendig, um den „herrschenden Konsumismus“ zu überwinden. Kritische Stellungnahmen dazu von Industrievertretern gab es nicht. Einige sagten, wegen der vagen Angriffe auf das Wirtschaftssystem, die im Duktus der globalen kapitalismuskritischen Bewegung gehalten seien, fühle man sich nicht angesprochen. So lehnte der Industrieverband BDI Interviewanfragen ab.

          Wachstum ja – Gewinnstreben nein

          Vorsichtige Kritik am Papst äußerte die Klimaschutzorganisation Germanwatch. Das Schreiben sei zu kritisieren für die „naturrechtliche Argumentation“ und „undifferenzierte Marktkritik“. Das arbeitgebernahe Institut der Deutschen Wirtschaft Köln (IW) teilte mit, manche Argumente des Papstes würden „Gegner der Marktwirtschaft erfreuen“.

          Der Bund Katholischer Unternehmer (BKU) begrüßte die Worte des Papstes, kritisierte aber den Wunsch, Europa solle wirtschaftlich schrumpfen. „Wir brauchen Wachstum“, meinte die Vorsitzende Marie-Luise Dött (CDU). Kritik „an maßlosem Gewinnstreben“ teile sie aber, auch Forderungen nach Kreislaufwirtschaft und Konsummäßigung.

          Nicht wenige Beobachter empfanden die Enzyklika als revolutionär. So der Vorsitzende der Laienorganisation Zentralverband der Katholiken, Alois Glück (CSU), der meinte, es gehe nun um den „Maßstab des Weltgemeinwohls. Der Mensch und seine Umwelt müssen dabei als eine untrennbare Schicksalsgemeinschaft gesehen werden.“

          Revolutionär seit 1891

          Es gebe kein „Zurück in frühere Lebensweisen“. Das katholische Hilfswerk Misereor sah es ebenso: „Es reicht nicht, unser bisheriges Wachstumsmodell nur grüner zu färben.“ Der Münchner Erzbischof und Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sagte, die Industrie müsse zurückschalten. Es sei neu, dass ein Papst „sehr bewusst Wirkung in die Weltpolitik hinein entfalten will“. Der Volkswirt Hans Frambach von der Uni Wuppertal, der über Wirtschaftsideen der Päpste forscht, sagte der F.A.Z. hingegen, er halte das Schreiben nicht für revolutionär.

          Seit der ersten päpstlichen Sozialenzyklika 1891 gehe es um Vermittlung zwischen Kapitalismus und Sozialismus anhand wechselnder politischer Themen der Zeit: von der Arbeiterfrage über Verteilungs- und Friedensfragen und spätestens seit 1987 („Redemptoris mater“ von Johannes Paul II.) auch um Umwelt- und Klimafragen.

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