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Winfried Kretschmann : Genosse der Bosse

Lieber mehr Auto als weniger: Als Dienstwagen fährt der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann die S-Klasse von Daimler, natürlich mit Hybridantrieb. Bild: dpa

Die Grünen als Unternehmerschreck? Das muss lange her sein. Die Firmenchefs im Südwesten fühlen sich bei Winfried Kretschmann bestens aufgehoben. Wie konnte das passieren?

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          Suchen die von Umfragen zerrupften CDU-Wahlkämpfer Trost, finden sie ihn zuverlässig in Ditzingen, vor den Toren Stuttgarts: Nicola Leibinger-Kammüller, Deutschlands Vorzeigeunternehmerin, hält zu ihrer Partei, im Glauben fest: „Natürlich wähle ich CDU“, sagt die protestantische Fabrikantin, geht auch gar nicht anders. Schließlich gehört die Chefin des Maschinenbauers Trumpf zum Beraterkreis von CDU-Herausforderer Guido Wolf, ist als solche verpflichtet, bei den Wirtschaftsbürgern im Land Stimmung für den Kandidaten der Schwarzen zu machen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Georg Meck

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das war schon mal einfacher. Viel einfacher. Das Stammland der Union, obendrauf die Heimat des Automobils, wird mit jedem Tag grüner, bis tief ins Lager der Unternehmer und Manager hinein: Die Umfragen sehen die Grünen eine Woche vor der Landtagswahl stabil vor der CDU.

          Der Grund heißt Winfried Kretschmann. Der Ex-Chemielehrer und Ex-Kommunist hat die Öko- zur Volkspartei ausgebaut, von seinen Strategen clever als Landesvater vorgeschoben. Schulmisere, von Windrädern verschandelte Natur, Dauerstaus in Stuttgart – all dies zündet nicht gegen Kretschmann. So verzweifelt sind die Gegner, dass es in der CDU kaum noch zu einem „Jetzt erst recht“-Trotz reicht. Sogar der knochenkonservative Textilfabrikant Wolfgang Grupp, als Trigema-Chef bekannt durch die Werbung mit dem Äffchen, glaubt, der Union noch am ehesten zu helfen, wenn er Grün wählt: „zum ersten Mal in meinem Leben“. Hauptsache, schlimmere Koalitionen sind so zu verhüten.

          Bild: F.A.Z.

          In Stuttgart ist der Kampfesmut für die Union jedenfalls ermattet. „Man hat sich mit Kretschmann arrangiert“, bilanziert Nicola Leibinger-Kammüller, „auch Unternehmer schätzen seinen sachlichen Stil.“ Der Grüne habe es verstanden, „die Bedürfnisse der Wirtschaft zu antizipieren“. Für eine Frau im Wahlkampf klingt es fast schon resigniert, wenn sie anfügt, dass es in diesen unsicheren Zeiten Amtsinhaber nun mal leichter hätten. Gegen Kretschmann ist offenbar kein Kraut gewachsen.

          Was war das dagegen für ein Furor noch im letzten Wahlkampf. Der Wohlstand des Landes stehe in Gefahr, hieß es, von einer Flucht der Wirtschaft nach Bayern war die Rede. Knorrige Unternehmer wie der Badener Tunnelbohrer Martin Herrenknecht drohten der Belegschaft: Wer Grün wählt, fliegt.

          Zustimmung zu Kretschmann war nie so hoch

          Trotzdem gewann Kretschmann und wurde der erste grüne Ministerpräsident der Welt. „Das ist nicht mehr mein Land“, raunte, den Tränen nahe, manch honoriger Unternehmer am Wahlabend. Trost spendete nur der Gedanke, dass dies nur ein Ausrutscher sein konnte, das Volk zur Vernunft kommen würde, wenn es erst sieht, was es da angerichtet hat.

          Und nun? Fünf Jahre danach? Noch nie war die Zustimmung zu Superstar Kretschmann so hoch. Tunnelbohrer Herrenknecht, einer dieser Global Champions aus dem Südwesten, ist gerade auf Akquise-Tour in China unterwegs. Er wählt zwar pflichtschuldig weiter CDU, das mit der Wut aber hat sich längst gelegt, spätestens als Kretschmann 2013 seinen Betrieb besucht hat. „Bohrmaschinenfreunde unter sich“, titelte hinterher die Regionalzeitung.

          Sogar Wirtschaftskompetenz schreiben die Leute dem Grünen zu. Der Unternehmerverband Südwestmetall ließ 110.000 Euro für die Ökos springen, gönnte der grün-roten Landesregierung eine „Note 3+“. Das Volk ist stolz auf einen Landesvater, der Hannah Arendt und Fastnacht zusammenbringt, der mit Ehefrau Gerlinde auf der Schwäbischen Alb wandert und dazu das Lied von der Digitalisierung pfeift, als wäre er im Silicon Valley zu Hause. Das Modewort „Disruption“ geht ihm flott über die Lippen. Das gefällt den Ingenieuren. „Wir fühlen uns verstanden“, sagt der Bosch-Chef, eine Instanz im Lande. Die Manager-Gattinnen auf der Stuttgarter Halbhöhe, die mit dem Geländewagen zum Biobäcker fahren, mögen es sowieso ökologisch.

          „Die meisten hatten ganz großes Bauchweh“

          Die Meinungsforscher können selbst kaum fassen, was sie da ermitteln. „Kretschmann wird in allen gesellschaftlichen Gruppen hochgeschätzt“, sagt Michael Kunert vom Umfrage-Institut Infratest Dimap. „Bei Jungen und Alten, Männern und Frauen, hoch und gering Gebildeten.“ So etwas gab es früher mal bei CDU und SPD, als sie noch echte Volksparteien waren. Jetzt hört die Volkspartei im Südwesten auf den Namen Winfried Kretschmann.

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