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Prozess wegen Bestechung : Wiedersehen mit Bernie Ecclestone

Bernie Ecclestone drohen zehn Jahre Haft: Auf ein „Seniorenstrafrecht“ kann der 83 Jahre alte Brite nicht hoffen. Bild: AFP

Formel-1-Boss Bernie Ecclestone steht ab Donnerstag in München vor Gericht. Der Vorwurf: Bestechung und Anstiftung zur Untreue. Richter Peter Noll kennt er schon. Der dürfte misstrauisch sein.

          Es fing alles ganz harmlos an, damals vor zweieinhalb Jahren im Münchner Strafjustizzentrum. Ein gutgelaunter Richter begrüßte den nicht minder gutgelaunten Zeugen mit einem freundlich-bajuwarischen: „Grüß Gott in München!“ Der bayerische Richter erkundigte sich auch, wie denn der Name des britischen Gastes korrekt ausgesprochen werde: „Ekklstn oder Ecclestone?“ Der Zeuge antwortete höflich: „Ecclestone wäre fein.“ Das war im November 2011, als Bernie Ecclestone, der mächtige Impresario der Formel 1, im Korruptionsprozess gegen den einstigen Bayern-LB-Vorstand Gerhard Gribkowsky aussagen musste.

          Henning Peitsmeier

          Wirtschaftskorrespondent in München.

          An diesem Donnerstag folgt nun die Fortsetzung. Der Austausch von Höflichkeiten zwischen Ecclestone und Richter Peter Noll dürfte sich bei ihrem Wiedersehen allerdings in Grenzen halten. Denn Ecclestone sitzt dieses Mal auf der Anklagebank. Und Noll, der Vorsitzende der Fünften Strafkammer am Landgericht München I, hatte schon im Verlauf des Gribkowsky-Prozesses erhebliche Zweifel an den Aussagen des Briten gehegt.

          Für die Staatsanwaltschaft ist die Sache klar

          Für die Münchner Staatsanwaltschaft ist die Sache ohnehin klar: Für sie hat sich Ecclestone vor acht Jahren der Bestechung schuldig gemacht, als die Bayerische Landesbank ihre Formel-1-Anteile an den Finanzinvestor CVC Capital verkaufte. Ecclestone blieb damit Chef der Rennserie, und Verkäufer Gribkowsky war auf einen Schlag um 44 Millionen Dollar reicher.

          Richter Peter Noll (Archivbild)

          Gribkowsky wurde von Richter Noll wegen Bestechlichkeit und anderer Delikte zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Spät hatte der Banker zugegeben, von Ecclestone das Geld angenommen zu haben. Gribkowskys Geständnis belastet den heutigen Angeklagten schwer: Danach soll Ecclestone im Mai 2005 Gribkowsky angerufen und zu einem Gespräch in dessen Büro eingeladen haben. „Ich erkläre dir jetzt mal, wie das Leben ist“, sollen die einleitenden Worte des Briten gewesen sein, denen dann die mutmaßliche Kumpanei folgte: „Wenn du mir hilfst, die Formel 1 zu verkaufen, dann beschäftige ich dich als Berater.“ Kurz darauf präsentierte Ecclestone seinen Wunschkäufer CVC. 100 Millionen Dollar habe Ecclestone als Verkaufsprovision verlangt; man habe sich auf 5 Prozent der Verkaufssumme geeinigt. Später habe Gribkowsky 44 Millionen Dollar erhalten - getarnt als Beraterhonorar, gezahlt über Umwege aus den Steuerparadiesen Mauritius und British Virgin Islands.

          An dieser Version hält die Münchner Staatsanwaltschaft fest. Für Ecclestone steht viel auf dem Spiel. Von Bestechung in einem besonders schweren Fall geht die Anklage aus - „in Tateinheit mit Anstiftung zur Untreue in einem besonders schweren Fall“. Pech für Ecclestone, dass es sich bei der Bayern LB um eine Landesbank handelt: Damit gilt Gribkowsky als „Amtsträger“; und auf das Schmieren einer solchen Amtsperson stehen bis zu zehn Jahre Haft. In gravierenden Fällen sieht das Strafgesetzbuch sogar eine Mindeststrafe von einem Jahr vor (Paragraph 335).

          26 Verhandlungstage sind angesetzt

          Aber schon der Prozess wird für den 83-Jährigen zur Strafe. 26 Verhandlungstage hat das Gericht vorerst angesetzt, und nach der Strafprozessordnung muss der Sportfunktionär die alle im Gerichtssaal absitzen. Sollte er sich entgegen seinen bisherigen Ankündigungen doch nicht dem Prozess stellen wollen, könnte die Justiz sein Erscheinen durch einen Europäischen Haftbefehl erzwingen. Dieser geht zurück auf einen EU-Beschluss aus dem Jahr 2002 und wurde - mit Änderungen, die das Bundesverfassungsgericht erzwungen hat - zwei Jahre später vom Bundestag umgesetzt. Spielraum für eine Prüfung, ob sie ihren eigenen Staatsbürger nach Deutschland ausliefern wollen, haben die englischen Behörden dabei kaum: Korruption steht ausdrücklich auf der Liste von Delikten, bei denen eine Ausschreibung zur Fahndung im „Schengener Informationssystem“ genügt.

          Wenn Ecclestone am Ende rechtskräftig verurteilt werden sollte, ist er allerdings bereits mindestens 85 Jahre alt. Unter deutschen Kriminologen gibt es mittlerweile eine Diskussion darüber, ob für Senioren ein eigenes Strafrecht geschaffen werden sollte: Schließlich werden nicht nur immer noch einige Verbrecher aus dem Zweiten Weltkrieg verfolgt - auch immer mehr rüstige Rentner sitzen nach Fällen von Alltagskriminalität in einer Gefängniszelle.

          Der Münchner Strafrechtsprofessor Klaus Volk hält nichts von Sonderregeln: „Schließlich wirbt die ,Apotheken-Umschau‘ damit, dass die heutigen 80-Jährigen so fit seien wie früher die 60-Jährigen.“ Wenn das Eintrittsalter für die Rente heraufgesetzt werde, könne man nicht zugleich eine generelle Altersgrenze für den Haftantritt festlegen. „Außerdem wird sowieso stets die Haftfähigkeit von einem Arzt geprüft.“ Ein Trostpflaster bleibt dem Formel-1-Chef ohnehin: Nach einem Übereinkommen des Europarats zur „Überstellung verurteilter Personen“ könnte er beantragen, dass er seine Strafe im Heimatland absitzen darf.

          Nicht Schmier-, sondern Schweigegeld?

          Vielleicht kommt es aber auch gar nicht so weit. Ecclestone wird Richter Noll wahrscheinlich wieder jene Version auftischen, die er schon als Zeuge erzählt hat. Danach handelte es sich bei den Millionen nicht um Schmiergeld, sondern um Schweigegeld. Gribkowsky habe subtil gedroht, dass er Ecclestone wegen dessen Stiftungsvermögen bei den britischen Steuerbehörden anschwärze. Ihm sei daran gelegen gewesen, Gribkowsky „friedlich, freundlich und ruhig“ zu halten, „damit er nicht auf dumme Gedanken kommt“. Richter Noll konnte das kaum glauben: „Eine einfache Anzeige, noch dazu eine wahrheitswidrige, hätte Sie in solche Schwierigkeiten bringen können?“ Jetzt hat Ecclestone genügend Zeit, seine Geschichte zu erzählen.

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