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Familie Rockefeller : Die Abkehr der Öl-Dynastie vom Öl

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John D. Rockefeller (1839-1937): Das Bild zeigt den Milliardär Anfang der 1930er Jahre. Bild: Picture-Alliance

Das Ölgeschäft hat John D. Rockefeller einst zum ersten Milliardär Amerikas gemacht. Seine Nachfahren kämpfen heute gegen die Öl- und Kohleindustrie.

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          Keine andere Familie der Vereinigten Staaten hat vom Ölboom so profitiert wie die Rockefellers. Das Geschäft mit dem schwarzen Gold machte John D. Rockefeller und seinen Clan am Ende des 19. Jahrhunderts zum reichsten Mann der Welt. Sein Erdölraffinerie-Unternehmen, die Standard Oil Company, dominierte über Jahrzehnte die Branche. Es war der erste multinationale Konzern, bis heute gilt er als Prototyp eines Unternehmens, das einen Markt beherrscht und damit Milliarden verdient.

          Die Nachkommen aber sind grün geworden, sie haben genug vom großen Ölgeschäft. In der Nacht zum Donnerstag teilte der „Rockefeller Family Fund“ – einer ihrer vielen Stiftungsfonds – mit, er werde sich von Anlagen in fossile Brennstoffe verabschieden, auch von Exxon Mobil. Um den Klimawandel aufzuhalten, solle der Großteil der schon entdeckten Reserven an Öl- und Gasvorräten besser im Boden bleiben.

          Dem Energieriesen ExxonMobil wirft die Stiftung „moralisch verwerfliche“ Geschäftspraktiken vor. Das Unternehmen habe offenbar über Jahrzehnte versucht, die Risiken des Klimawandels zu verschleiern, heißt es in der Mitteilung. Die wohltätige Organisation habe entschieden, auf Distanz zu gehen und sich von ihren Exxon-Aktien zu trennen. Die Entscheidung sei nicht leicht gefallen, heißt es in der Mitteilung, schließlich habe die Familie „lange und rentabel“ in die Ölindustrie investiert, auch in Exxon.

          Tatsächlich ist der Fall gerade deshalb so brisant, weil ExxonMobil das wichtigste Nachfolgeunternehmen der „Standard Oil Company“ ist. Dem amerikanischen Supreme Court nämlich war die Macht des einstigen Rockefeller-Konzerns vor über 100 Jahren zu weit gegangen, nachdem das weitverzweigte Unternehmen nicht nur die größen Raffinierien des Landes dominierte, sondern auch das Händlernetz kontrollierte und Pipelines aufkaufte. Im Jahr 1911 ordneten die Richter in einem spektakulären Kartellurteil die Entflechtung an: Das Großunternehmen wurde in 34 Einzelunternehmen aufgeteilt – ExxonMobil und Chevron sind bis heute die beiden wichtigsten „Baby Standards“, die noch existieren.

          Das Rockefeller Center in New York. Der Sohn des Patriarchen lies den Komplex in den 30er-Jahren bauen. Die Erben haben den Komplex Ende der 80er-Jahre verkauft. Bis heute mieten sie aber ein Büro in der 56. Etage.

          „Die Geschichte geht weiter“, heißt es nun wörtlich in der Mitteilung des „Rockefeller Family Fund“. Das Gesamtvermögen der Rockefeller-Familie mit rund 200 Mitgliedern wird vom amerikanischen Magazin Forbes heute auf etwa 11 Milliarden Dollar geschätzt. Damit steht sie in Summe heute noch auf Platz 22 der Rangliste der reichsten amerikanischen Familien, obwohl auf jedes Familienmitglied durschnittlich nur noch rund 50 Millionen Dollar entfallen.

          Zweimal im Jahr trifft sich die Familie in einem herrschaftlichen Familienanwesen in der Nähe von New York. Von größeren Skandalen blieb die Familie bislang verschont. Bis heute sind Nachfahren Rockefellers Minderheitsaktionäre von ExxonMobil und Chevron.

          David Rockefeller ist der einzige noch lebende Enkel von John D. Rockefeller. Geboren wurde er  1915.

          Wie sie ihr Privatvermögen im Detail angelegt haben, ist nicht öffentlich bekannt. Aber die gemeinnützigen Stiftungen, die mit Geld der Rockefellers gegründet wurden und in denen Mitglieder der Familie oft noch viel zu sagen haben, gehen schon länger auf Distanz zum Ölgeschäft.

          Schon vor eineinhalb Jahren hatte ein anderer gemeinnütziger Stiftungsfonds der Familie, der größere Rockefeller Brothers Fund, einen Tag vor Beginn der UN-Klimakonferenz in New York angekündigt, sich von Anlagen in fossile Energien zu trennen. Es gebe eine „moralische Vorgabe, den Planeten gesund zu halten“, hatte damals Valerie Rockefeller Wayne, eine Ur-Ur-Enkelin des Patriarchen gesagt. Der Fonds verwies darauf, John D. Rockefeller habe Amerika vom Walöl abgebracht. „Wir sind überzeugt: Wäre er heute am Leben, würde er als vorausschauender Geschäftsmann die fossilen Brennstoffe aufgeben und in saubere, erneuerbare Energie investieren.“

          John D. Rockefeller als Rentner mit Fahrrad (Archivbild aus dem Jahr 1913 - nachträglich koloriert)

          Exxon reagiert genervt auf die moralischen Vorhaltungen aus dem Rockefeller-Clan: „Es ist nicht überraschend, dass sie sich vom Unternehmen zurückziehen, da sie bereits eine Verschwörung gegen uns finanzieren", sagte ein Exxon-Sprecher auf Nachfrage. Der Rockefeller Family Fund stelle Mittel für „gezielt irreführende“ Berichte über Exxons Forschung zum Klimawandel bereit. Der Fonds kritisiert vor allem, dass Exxon - in Deutschland bekannt unter der Marke „Esso“ -  seit den 80er Jahren die Öffentlichkeit mit Fehlinformationen über die Folgen des Klimawandels verwirre.

          Moralische Ansprüche gab es in der Rockefeller-Familie neben der Skrupellosigkeit im Kerngeschäft schon zu Zeiten des alten Patriarchen. John D. Rockefeller Senior galt als strenggläubiger Baptist, der schon zu Lebzeiten viele Millionen spendete – unter anderem für die Gründung der Universität in Chicago, Museen und die medizinische Forschung. Dabei ließ er sich von einem Pfarrer beraten, welche Projekte besonders erstrebenswert seien. Rockefeller selbst hatte auch beim Spenden einen unternehmerischen Ansatz, er wählte sorgfältig aus und verfolgte die Projekte genau. Die Sittenlosigkeit in den damaligen Ölstädten mit Alkohol, Prostitution und Glücksspiel soll ihm darüber hinaus ein Graus gewesen sein. 

          Das „Standard Oil Building“ in Form einer Öllampe war einst Zentrale des Konzerns am Broadway in New York.

          In Amerika wurde Rockefeller mit seiner Philantropie zum Vorbild vieler späterer Milliardäre wie Bill Gates, Warren Buffett und Mark Zuckerberg. Heute bekommt die Familie für ihren medienwirksamen Schwenk zu erneuerbaren Energien und für etliche andere wohltätige Projekte viel Lob. In Deutschland loben jetzt vor allem die Grünen den Rückzug des Rockefeller Family Funds aus dem Exxon-Konzern. Anton Hofreiter, der Fraktionsvorsitzende der Grünen, gab  kurz nach Bekanntwerden eine Pressemitteilung mit den Worten heraus: „Die Erben von Rockefeller haben die Zeichen der Zeit erkannt“.

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