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Reisezeit : Wodka und Parfüm als Klimasünder

  • -Aktualisiert am

Duty-Free-Produkte: Befreit von Mehrwertsteuer aber nicht von versteckten Kosten. Bild: Reuters

Duty-Free-Produkte locken Reisende mit Mehrwertsteuerbefreiung. Doch für Fluggesellschaften bedeutet das Extragepäck eine hohe Belastung. Und auch die Umwelt zahlt einen hohen Preis.

          Mehrwertsteuerfrei und auf Dauer reduziert: Bei Duty-Free-Produkten denken die meisten Verbraucher erst einmal an Schnäppchen. Am Flughafen geht diese einfache Rechnung allerdings oft nicht auf – aus Gründen, über die kaum jemand nachdenkt: Wer fliegen will, muss Kerosin verbrennen. Der Brennstoff, der fast ausschließlich in der Luftfahrt verwendet wird, ist für Fluggesellschaften ein größerer Kostenblock als die Gehälter für das fliegende Personal.

          Dazu ist er noch schädlich für die Umwelt: Eine Tonne Flugbenzin kostet rund 400 Euro, und setzt beim Verbrennen 3,15 Tonnen Kohlenstoffdioxid frei. Gesellschaften wie die Deutsche Lufthansa haben also einen doppelten Grund, wo immer es geht, an Kerosin zu sparen. Dabei gibt es eine einfache Faustregel: Je leichter das Flugzeug, desto niedriger der Spritverbrauch.

          Die Lufthansa verbannte erst kürzlich Papierzeitungen von Bord ihrer Passagierflugzeuge und ersetzte sie dort durch Online-Versionen zum Herunterladen, 30.000 alte Servierwagen wurden gegen neue, leichtere Modelle ausgetauscht. Ingenieure der Luftfahrt entwickeln regelmäßig spritsparende Triebwerke und neue Anflugverfahren, um den Verbrauch zu drosseln. Doch bei all diesen Bemühungen bleibt eine „heilige Kuh“ des Flugverkehrs bis heute unangetastet: der Lufttransport von Duty-Free-Waren.

          Teures Extragewicht

          Allein das Unternehmen Gebrüder Heinemann, Deutschlands größter Einzelhändler in der Duty-Free-Branche, machte im Jahr 2015 einen Umsatz von 3.6 Milliarden Euro. Während an allen Ecken und Enden am Gewicht gespart wird, schleppen Passagiere heute so viele Konsumgüter mit in das Flugzeug wie nie zuvor. Eine exakte Rechnung aufzumachen, die das Extra-Gewicht in Bezug zum Kraftstoffverbrauch setzt, ist schwierig, da zu viele Faktoren zusammenkommen. Wie viel Kerosin je Kilogramm und Kilometer verbraucht wird, hängt von der Flugdauer, dem Flugzeugtyp, den Wetterbedingungen und anderen Parametern ab.

          Eine grobe Rechnung lässt sich dennoch aufstellen: Laut Lufthansa spart ein Kilogramm weniger Gewicht auf allen Flugzeugen der Lufthansa-Passage im Jahr 30 Tonnen Kerosin ein“. Der durchschnittliche deutsche Fluggast gibt 3,60 Euro für Duty-Free-Waren aus. Bei 216 Millionen Fluggästen im Jahr macht das 777 Millionen Euro. Geht man davon aus, dass für 40 Euro ein Warenmix von 1 kg Gewicht erstanden wird – gut 50 Prozent des Umsatzes entfällt auf schwere Produkte wie Alkohol und Süßigkeiten – ergibt das ein zusätzliches Transportgewicht von 20 Millionen Kilogramm je Jahr. Allein die Lufthansa mit ihren 700 Fliegern könnte also knapp 30.000 Tonnen Kerosin im Jahr einsparen – wenn Duty-Free-Geschäfte nach, statt vor der Landung ihre Produkte an die Fluggäste brächten.

          „Je leichter das Flugzeug, desto niedriger der Kerosinverbrauch“, sagt Henrik Busch, Manager am Flughafen Kopenhagen: „So spart der Fluganbieter an den Treibstoffkosten und die CO2 Emissionen werden reduziert.“ Kopenhagen ist einer der ersten europäischen Flughäfen, die dem Passagier anbieten, vor dem Flug eingekaufte Produkte nach der Landung abzuholen. Das sei nicht nur besser für die Umwelt, sondern auch bequemer für den Kunden.

          Zweifel an Flugsicherheit

          Hinzukommen auch noch Zweifel an der Flugsicherheit. Seit dem Jahr 2006 dürfen Flüssigkeiten nur in Einzelbehältnissen von maximal 100 Millilitern im Handgepäck mitgeführt werden um die Mitnahme von flüssigen Gefahrenstoffen zu verhindern. Gleichzeitig dürfen Alkohol und Parfum aus dem Duty-Free-Geschäft ohne Begrenzung mit an Bord genommen werden – obwohl sie als Gefahrengüter der Klasse drei eingestuft sind. In Süd- und Lateinamerika gibt es daher Duty-Free-Einkäufe nur noch nach der Landung. Auch die Schweiz denkt über eine Umstellung nach.

          Obwohl die Vorteile auf der Hand liegen, hat es sich an europäischen und asiatischen Flughäfen noch immer nicht durchgesetzt, das Duty-Free-Geschäft in die Ankunftshallen zu verlegen. Sabine Herling von der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen erklärt: „Die Plazierung der Duty-Free-Geschäfte orientiert sich allein an den Wünschen der Passagiere“. Und wer eine Wartezeit überbrücken muss, ist williger Geld auszugeben. Mehr Umsatz bedeutet höhere Mieten, was auch die Flughafenbetreiber freut. Ob die Fluggesellschaften bei steigenden Kerosinpreisen die erhöhten Transportkosten noch lange tolerieren können, bleibt abzuwarten. Von den Kosten für die Umwelt ganz abgesehen.

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