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Klimawandel : Abschied vom Ozonloch

Erste Hinweise auf das Ozonloch

Plötzlich herrschte Alarm. Und das Wissen von Forschern wie Gert König-Langlo wurde dringend gebraucht. Der Meteorologe des Alfred Wegener Instituts (Bremerhaven) leitet seit 1989 die Neumayer-Polarstation in der Antarktis, dort hat er auch schon überwintert. „Als in den achtziger Jahren die Ozonwerte in den Messungen zurückgingen, glaubten die damaligen Forscher an Messfehler, sie veröffentlichten die Daten nicht mehr“, sagt der Forscher. Tatsächlich waren das die ersten Hinweise auf das Ozonloch. Regelmäßig lassen König-Langlo und seine Kollegen nun in der Polarregion Ballone mit angehängten Messinstrumenten in die Luft steigen. „In den neunziger Jahren hat sich die Situation weiter verschlechtert“, beobachtete der Wissenschaftler. Im September und Oktober sei die Ozonschicht regelmäßig quasi völlig verschwunden. In diesen Monaten wirken Kälte und Licht auf besondere Art zusammen, das Ozonloch wächst etwa auf die Größe der Antarktis – lange war die Tendenz steigend. „Dieser Prozess scheint beendet, in den vergangenen sechs Jahren ist die Ozonkonzentration wieder gestiegen“, hat der Forscher beobachtet. Noch seien die Zeitreihen zu kurz, um tatsächlich von einer „Trendumkehr in den harten Daten“ zu sprechen, sagen König-Langlo und sein Kollege Martin Dameris – doch alles deute auf einen Heilungsprozess hin. Die wahrscheinlichste Ursache: Die Menschen haben in kurzer Zeit aufgehört, in großem Stil FCKW in die Luft zu blasen. Die Gase, die noch in der Luft sind, bauen sich nach und nach ab.

Und das ist das Bemerkenswerteste: Nur zwei Jahre nachdem das Ozonloch entdeckt wurde, verständigten sich 46 Staaten auf einen verbindlichen, schrittweisen Verzicht von FCKW und anderen ozonschädigenden Gasen. Inzwischen haben sich nahezu alle Staaten angeschlossen, es gelangt kaum noch FCKW in die Atmosphäre. Mit dem Montreal-Protokoll, das 1989 in Kraft getreten ist, schaffte die Staatengemeinschaft das, worum sie bei der Begrenzung des CO2-Ausstoßes seit Jahren ohne durchschlagenden Erfolg ringt.

Ozonlochgefahr war konkreter als der Klimawandel

Aber warum ist damals gelungen, was heute kaum noch möglich scheint? Die Ozonlochgefahr war konkreter als der Klimawandel. Die Menschen hätten einen Schreck bekommen und es habe das Gefühl geherrscht, man müsse etwas tun, sagt Geophysiker Dameris, der 1989 in das eilig geschaffene Ozonforschungsprogramm des Bundesforschungsministeriums berufen wurde. Dass FCKW mit überschaubaren Kosten durch andere Stoffe zu ersetzen war, erleichterte das Vorhaben. Von CO2 ist die Menschheit hingegen sehr viel abhängiger. Der amerikanische Klimaökonom Steven Stoft sieht den Unterschied zu heutigen Klimaschutzverhandlungen darin, dass das Montreal-Protokoll den Staaten Anreize zur Kooperation gab, zum Beispiel wurden ärmeren Staaten Kompensationen für ihre Bemühungen in Aussicht gestellt. Heutige Verhandlungen „ignorieren Anreize zur Kooperation“, kritisiert Stoft. Für die Naturwissenschaftler ist der Kampf gegen FCKW mehr oder weniger Vergangenheit, schon der letzte WMO-Bericht vor vier Jahren fiel positiv aus. Nun erforschen sie, wie sich der Klimawandel auf die Ozonschicht auswirkt.

Fragt man die Leute auf der Straße heute danach, was eigentlich aus dem Ozonloch geworden ist, zucken die meisten mit den Schultern, sagen die Forscher. Sie ärgern sich darüber, dass die „Erfolgsgeschichte“ nicht in den Köpfen angekommen ist. Immer würde nur über negative Entwicklungen berichtet. „Dabei ist das Montreal-Protokoll ein traumhaft positives Beispiel dafür, dass umweltgerechtes Verhalten zu Veränderungen führt“, sagt König-Langlo. Doch beim Klimawandel würden die Menschen trotzdem denken: Da kann man doch sowieso nichts machen.

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