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Verbraucherschützer Gerd Billen : Der König der Kunden

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Bild: reuters

Das neue Verbraucherportal www.lebensmittelklarheit.de soll Täuschungen bei Lebensmitteln aufdecken. Die Seite war am Mittwoch über Stunden nicht oder nur schwer erreichbar. Für den obersten Verbraucherschützer Billen aber ist die Seite ein Erfolg.

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          Es war ein großer Tag für Gerd Billen. Gleich zwei Lieblingsprojekte des obersten Verbraucherschützers haben am Mittwoch eine entscheidende Hürde genommen: Die Internetseite www.lebensmittelklarheit.de ist online gegangen, und das Kabinett hat die Novelle des Verbraucherinformationsgesetzes verabschiedet, das den Bürgern deutlich mehr Auskunftsrechte gegenüber den Behörden zubilligt. Kein Wunder also, dass der Vorsitzende des Verbraucherzentrale Bundesverbands (VZBV) einen äußerst entspannten Eindruck machte, als er neben Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) in der Bundespressekonferenz saß. So entspannt, dass er sich sogar zu der Aussage hinreißen ließ: "Ich lade jeden herzlich ein, gegen uns zu klagen."

          Angesprochen fühlen durfte sich die Lebensmittelindustrie. Die nämlich findet die neue Internetplattform überhaupt nicht erfreulich und spricht von einem Pranger - der auch noch mit 775.000 Euro Steuergeld aus Aigners Haushalt unterstützt werde. Billen ficht das nicht an. Es sei ja schließlich nicht so, dass der Staat die Internetseite betreibe, sagte er. Das machten sie schon selbst, sein Verband und die Verbraucherzentrale Hessen. Dass aber die Ministerin Dritte bei solchen Projekten finanziell unterstütze, sei üblich. Auch Aigner selbst gab sich gelassen. Es gebe eben unterschiedliche juristische Auffassungen zu dem Portal. Ihr Haus und das Justizministerium hätten es geprüft, nun warte man ab.

          Der 56 Jahre alte Billen, geboren in Speicher in der Eifel, hat eine ausgeprägte Umwelt- und Verbraucherschutzkarriere hinter sich. Nach dem Abitur studierte er in Bonn Sozial- und Ernährungswissenschaften und arbeitete zunächst als freier Journalist. 1985 gehörte er zu den Gründern der Verbraucherinitiative e.V., deren Vorsitzender er acht Jahre lang war. In den Achtzigern engagierte Billen sich bei den Grünen - eine Liaison mit Hindernissen. 1991 trat er vorübergehend aus, weil die Grünen ihren ursprünglichen ökologischen Zielen nicht treu genug geblieben seien. Neun Jahre später trat er dann wieder ein. Von 1993 bis 2005 führte Billen den Naturschutzbund Deutschland, danach wechselte er in die Wirtschaft. Zwei Jahre lang sorgte er dafür, dass die Lieferanten des Hamburger Versandhauses Otto die vereinbarten Sozialstandards einhielten. Doch als 2007 der Posten an der Spitze des VZBV frei wurde, kehrte er zurück zu seinen Wurzeln.

          „Ich lade jeden herzlich ein, gegen uns zu klagen”: Gerd Billen

          Billen, verheiratet und Vater dreier Töchter, ist ein freundlicher Herr mit rheinischem Tonfall und einem netten, hin und wieder lakonischen Witz. Unterschätzen sollte man ihn aber besser nicht, nur weil er bisweilen so harmlos-liebenswürdig wirkt. Seine Ziele verfolgt er hartnäckig. Ein Erfolg aus jüngster Zeit: die Errichtung der Deutsche Stiftung Verbraucherschutz, für die der Bund 10 Millionen Euro Stiftungskapital bereitgestellt hat. Geht es nach Billen, dann soll auch die Wirtschaft fleißig einzahlen in diesen Topf. Die Direktbank ING-Diba hat schon eine halbe Million Euro zur Verfügung gestellt, andere sollen diesem Beispiel folgen - am besten aus solchen Branchen, die den Verbraucherschützern besonders viel Kundschaft bescheren: Telekommunikations- und Internetfirmen etwa. Die, findet der Krimileser und Hobbyradfahrer Billen, hätten nämlich ihren Kundendienst in die Verbraucherzentralen verlagert.

          Billen ist kein Eiferer. Wenn aber in der Kalbswiener nur 15 Prozent Kalbfleisch stecken und wenn beim Schwarzwälder Schinken "das Schwein den Schwarzwald nie auch nur aus der Ferne gesehen hat", dann regt ihn das auf. Manche halten es für kleinlich, wenn Verbraucherschützer solche "gefühlten Täuschungen" anprangern, die aber nach dem Lebensmittelrecht zulässig sind. Die FDP-Abgeordnete Christel Happach-Kasan etwa wird nicht müde zu wettern, dass sich die Verbraucherschützer samt Ministerin Ilse Aigner lieber um Viren und Bakterien kümmern sollten statt um Erdbeer-Fotos auf Joghurtbechern, in denen keine Erdbeeren zu finden sind - Ehec lasse grüßen. Billen aber findet, dass der König Kunde endlich auch ein Reich außerhalb der Sonntagsreden verdient hat.

          Schmähkritik und Hetze von Wettbewerbern würden aussortiert auf der neuen Internetseite, verspricht er. Und wenn Verbraucher eine Produktaufmachung kritisierten, die vielleicht ärgerlich, aber völlig legal sei, dann werde der Fall ohne Herstellernamen veröffentlicht. Viele Produzenten, glaubt Billen, würden die Anregungen aus dem Forum ohnehin lieber nutzen, statt ihre Anwälte loszuschicken. Für ihn ist Verbraucherschutz ein ständiges Kräftemessen - und am Mittwoch hat er mal gewonnen.

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