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Verbraucherbildung : Wie Schüler kritische Konsumenten werden sollen

Öfter mal nein sagen: Schülern soll ein bewusster Umgang mit Süßigkeiten beigebracht werden Bild: Dominik Asbach/laif

Die Verbraucherbildung ist in den Schulen auf dem Vormarsch. Inwieweit Lehrer über Gesundheit und Ernährung aufklären sollen, ist stark umstritten.

          Schüler sind Konsumenten: Von ihren Ersparnissen kaufen sie sich Süßigkeiten, Pizza, Klebebildchen und Computerspiele. Über ihre smarten Handys nutzen sie die neuen Medien. Viele haben ein Bankkonto. Verbraucherschützer und viele Bildungspolitiker glauben allerdings, dass Schüler in ihrer Konsumentenrolle überfordert sind. So stellt der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) fest, dass junge Menschen in der Schule fachlich zwar breit gebildet würden. „Doch im Alltag kommen viele trotzdem nicht zurecht.“

          Lisa Becker

          Redakteurin in der Wirtschaft

          Der Verband nennt Fragen, auf die Kinder und Jugendliche Antworten finden sollten: Wie wirkt sich mein Konsumverhalten auf Klima und Umweltschutz aus? Wie trage ich zum Energiesparen und zur Schonung der Ressourcen bei? Was ist fairer Handel? Wie sind die Arbeitsbedingungen in fernen Ländern? Früher sei es eine Kernaufgabe von Eltern und Großeltern gewesen, Alltagswissen an nachfolgende Generationen weiterzugeben. „Doch das funktioniert heute in der Komplexität der Märkte und der Innovationen nicht mehr“, meint der VZBV.

          Um dies zu ändern, veranstalten die Verbraucherzentralen Projekte in Schulen, zum Beispiel „Ess-Kult-Tour“ in Nordrhein-Westfalen: Schüler sollen ihr Ess- und Einkaufsverhalten reflektieren und gegebenenfalls ändern. Sie berechnen zum Beispiel die Umweltbelastungen verschiedener Lebensmittel. Und sie bereiten ein Pesto aus frischen Zutaten zu und vergleichen dessen Geschmack mit einem Produkt, das im Supermarkt gekauft wurde. Die Verbraucherschützer setzen sich außerdem vehement dafür ein, die Verbraucherbildung in den Lehrplänen zu verankern.

          Bewusster Umgang mit Geld

          Seit September vergangenen Jahres wissen sie die Kultusministerkonferenz (KMK) grundsätzlich an ihrer Seite. Diese hat sich in einem Papier dafür ausgesprochen, die Konsumkompetenzen der Schüler zu verbessern. Und sie nennt Themenbeispiele für den Unterricht, unter anderem einen bewussten Umgang mit Geld, private Altersvorsorge, Mediennutzung, fairer Handel, gesunde Lebensführung sowie die Wertschätzung von Lebensmitteln und die Vermeidung von deren Verschwendung. Auf ein eigenes Fach Verbraucherbildung legt sich die KMK aber nicht fest.

          Gäbe es ein solches in möglichst vielen Schulen, erhielte die Verbraucherbildung einen besonders starken Schub. Ein Fach Verbraucherbildung existiert bisher nur in Schleswig-Holstein in der Sekundarstufe I. Der Verbraucherzentrale Bundesverband beobachtet aber, dass die Verbraucherbildung in der Schule seit dem KMK-Beschluss voranschreitet. Mehrere Bundesländer hätten die Vermittlung von Alltagskompetenzen auf den Stundenplan gesetzt oder arbeiteten daran, lobte VZBV-Vorstand Klaus Müller kürzlich in einer Mitteilung. Neben Schleswig-Holstein seien dies Baden-Württemberg, Bayern, Berlin und Rheinland-Pfalz. Andere Bundesländer planten Ähnliches.

          Stark vorangetrieben wird die schulische Verbraucherbildung gerade in Nordrhein-Westfalen. Dort hat der Landtag im Frühjahr beschlossen, Themen der Verbraucherbildung in allen Schulformen und Jahrgangsstufen zu unterrichten, und damit einem Antrag der Fraktionen von SPD und Grünen zugestimmt. Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hat daraufhin angekündigt, die Schulen dabei zu unterstützen, die Verbraucherbildung in Fächern wie Politik, Erdkunde und Biologie einzubinden. Außerdem will sie klären, wie man das Fach Hauswirtschaft um Aspekte der Verbraucherbildung erweitern kann. Am gleichen Tag stimmte der Landtag über einen Antrag der FDP-Fraktion ab, ein Pflichtfach Wirtschaft einzuführen – und lehnte ihn ab.

          Verbraucherbildung als Pflichtunterricht

          Verbraucherbildung in ganz Deutschland als Pflichtunterricht in allen Schulformen und -stufen, am besten in einem eigenen Fach – das ist das Ziel der Verbraucherzentralen. Um es voranzubringen, haben sie 2005 das Forschungsprojekt Revis (Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in den allgemeinbildenden Schulen) begleitet, in dem Bildungsziele für alle Schüler formuliert wurden. Diese nutzten Schulpolitiker nun bei der Umgestaltung der Lehrpläne, heißt es vom VZBV. Als übergeordnete Themen wurden Finanzen und Wirtschaft, Gesundheit und Ernährung, Medien und Daten sowie nachhaltiger Konsum benannt.

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