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Amerikanische Talkshows : Showtime für Prominenz aus dem Silicon Valley

Stephen Colbert scherzt mit Tesla-Gründer Elon Musk Bild: CBS

David-Letterman-Nachfolger Stephen Colbert befragt in der „Late Show“ gerne Wirtschaftsgrößen. Dabei macht Colbert seinen Gästen das Leben nicht immer leicht.

          3 Min.

          Amerikanische Talkshows sind üblicherweise eine Plattform für Schauspieler und Musiker, wenn sie für neue Filme oder Alben werben wollen. Bisweilen treten auch Persönlichkeiten aus dem politischen Leben auf, um sich von einer volksnahen Seite zu zeigen. Diesem Muster folgt teilweise auch Stephen Colbert, der Nachfolger von David Letterman als Gastgeber der „Late Show“, die wochentags am späten Abend im amerikanischen Fernsehen läuft. Seit seiner Premiere vor knapp einem Monat hatte Colbert Hollywood-Berühmtheiten wie George Clooney, Scarlett Johansson und Kevin Spacey zu Gast. Auch Präsidentschaftskandidat Jeb Bush und Präsidentengattin Michelle Obama waren schon da, und in Kürze will sich der frühere Präsident Bill Clinton die Ehre geben.

          Roland Lindner
          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Daneben fällt Colbert aber auch mit einer Gruppe von Gästen auf, die sonst in den lockeren Plauderrunden des Late-Night-Fernsehens nicht allzu häufig zu sehen sind. In den ersten Wochen gaben sich eine Reihe hochkarätiger Vorstandsvorsitzender amerikanischer Technologieunternehmen bei Colbert die Klinke in die Hand. Elon Musk, der Chef des Elektroautoherstellers Tesla und des Raumfahrtunternehmens SpaceX, war da. Ebenso Tim Cook vom Elektronikkonzern Apple, Travis Kalanick vom Fahrvermittler Uber und Evan Spiegel vom Fotodienst Snapchat.

          Was macht diese Wirtschaftsgrößen für eine Unterhaltungssendung interessant? Emily Lazar, eine Produzentin der Show, sagte der Zeitschrift „Fast Company“, diese Vorstandschefs „verändern die Welt, und das mit hoher Geschwindigkeit“ – womit sie sich einer Formulierung bediente, wie sie die Technologieszene im Silicon Valley auch gerne für sich selbst verwendet. Mit Blick auf Apple-Chef Cook fügte sie hinzu: „Wie viele Hunderte Millionen von Menschen benutzen Apple-Produkte? Das ist Teil in unser aller Leben, und es ist großartig, zu wissen, wer hier den Laden schmeißt.“

          Ein kniffliges Terrain

          Für die Tech-Prominenz ist ein Auftritt bei Colbert eine Gelegenheit, sich in einem nicht ganz so seriösen Umfeld wie in ihrem Tagesgeschäft zu präsentieren und damit ihren Unternehmen ein sympathischeres Gesicht zu geben. Nebenbei dürfen sie ein bisschen Werbung für ihre Produkte machen. Tim Cook zum Beispiel erklärte Funktionen des neuen iPhone-Modells. Travis Kalanick erzählte, dass er jenseits seiner Aufgabe als Vorstandschef manchmal auch selbst als Uber-Fahrer unterwegs sei und bei den Kundenbewertungen auf der höchstmöglichen Marke von fünf Sternen liege.

          Andererseits ist Colberts Show mit ihrem Anspruch, ihr Publikum zum Lachen zu bringen, auch ein etwas kniffliges Terrain, denn nicht jeder Vorstandschef hat auch komödiantisches Talent. Elon Musk, der in seinen Unternehmen selbst das Rampenlicht nicht scheut und einen Hang zu großen Produktinszenierungen hat, schien noch am ehesten auf dem Talkshow-Sessel zu Hause zu sein. Tim Cook kam zwar zeitweise bei seinem Auftritt gar nicht mehr aus dem Lachen heraus, wenn Colbert etwas sagte, wirkte dabei aber noch immer ein bisschen hölzern. Snapchat-Chef Spiegel zappelte unruhig auf seinem Stuhl, und ihm stand der Schweiß auf der Stirn.

          Stephen Colbert folgte im Frühling seinem Vorgänger David Letterman.
          Stephen Colbert folgte im Frühling seinem Vorgänger David Letterman. : Bild: AP

          Von dem 25 Jahre alten Spiegel, der es gerade zum ersten Mal auf die „Forbes“-Liste der reichsten Amerikaner geschafft hat, wollte Colbert wissen, warum er sein Unternehmen nicht an das soziale Netzwerk Facebook verkauft hat, als dies mehrere Milliarden Dollar zahlen wollte. „Unsere Geschichte war noch nicht vorbei“, antwortete Spiegel, dessen Unternehmen unlängst von Investoren sogar mit 16 Milliarden Dollar bewertet wurde. Mit etwas gespieltem Misstrauen fragte der Gastgeber, ob Snapchat die Fotos seiner Nutzer tatsächlich ganz verschwinden lasse, so wie es das Konzept des Fotodienstes ist. Und er argwöhnte, ob das Unternehmen womöglich von seinen Nutzern sogar Geld für das Löschen von Inhalten verlangen würde.

          Nicht nur Comedy

          Allgemein macht Colbert seinen Gästen das Leben nicht immer leicht. Vor allem mit Uber-Chef Kalanick war er alles andere als zimperlich. Er fragte ihn, wie er „Surge Pricing“ rechtfertigen könne, also die Politik von Uber, in Zeiten großer Nachfrage die Preise zu erhöhen. Er konfrontierte ihn auch mit dem Vorwurf, dass Uber die Taxiindustrie zerstöre, und wollte sich nicht zufriedengeben, als Kalanick mit den Vorteilen der Existenz als Uber-Fahrer argumentierte. Colbert sagte, mit diesen Vorteilen könne es ja auch bald vorbei sein, schließlich habe Uber Pläne, eines Tages selbstfahrende Autos einzusetzen. Kalanick wusste darauf wenig mehr zu sagen, als dass autonomes Fahren nun einmal die Zukunft sei.

          Einige ernste Momente gab es auch bei Tim Cook. Colbert thematisierte die neuen Filme über Cooks verstorbenen Vorgänger Steve Jobs, die derzeit in die amerikanischen Kinos kommen und kein allzu schmeichelhaftes Bild von dessen Person zeichnen. Cook nannte solche Projekte „opportunistisch“ und sagte: „Der Steve, den ich kannte, war ein wunderbarer Mensch.“ Der Apple-Chef sprach auch über sein Coming-out als Homosexueller vor knapp einem Jahr. Er habe als öffentliche Figur eine Verantwortung gespürt, mit seinem Bekenntnis denjenigen zu helfen, die wegen ihrer Sexualität in der Schule oder von ihren Eltern nicht akzeptiert würden. „Ich schätze meine Privatsphäre sehr, aber ich hatte das Gefühl, ich habe sie zu sehr geschätzt angesichts dessen, was ich für andere tun kann.“

          Der Aufmarsch von Silicon-Valley-Prominenz bei Stephen Colbert wird sich auch in den nächsten Wochen fortsetzen. So stehen zum Beispiel demnächst Brian Chesky vom Zimmervermittler Airbnb und Reed Hastings von der Online-Videothek Netflix auf dem Programm. Colberts Interesse an Wirtschaft beschränkt sich indessen nicht auf die Technologiebranche. Für diesen Mittwoch hat sich Ben Bernanke angesagt, der frühere Chef der Notenbank Federal Reserve.

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