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Unternehmer im Dritten Reich : Der Streit um die Quandts

Unternehmer Stefan Quandt über seinen Großvater Günther Quandt: er sei kein Teil des Regimes, wohl aber ein Teil des Systems gewesen Bild: dpa

Ein ehemaliger Steuerberater der Familie glaubt, dass die Quandts für ihr Verhalten in der Nazizeit zu sehr kritisiert werden. Der Historiker Joachim Scholtyseck antwortet ihm: Günther Quandt habe auf den „Endsieg“ gesetzt.

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          Es war eine Fernsehdokumentation, und sie versetzte die Industriellenfamilie Quandt in Aufregung. Die lange nach Kriegsende geborenen Enkel beziehungsweise Kinder der Kriegsgeneration der Quandts sahen sich im Jahr 2007 angeklagt, ein von ihren Vorfahren unrechtmäßig erworbenes Vermögen zu genießen und dessen Erwerb zu verschleiern. Von ihren Vätern hatten sie zwar unter anderem eine signifikante Beteiligung am deutschen Autokonzern BMW geerbt, die Wahrheit über das Verhalten ihrer Familie in der Nazizeit aber nicht erfahren.

          Sie beauftragten deshalb den Historiker Professor Joachim Scholtyseck, die Geschichte der Familie Quandt zu schreiben. Sie gaben ihm freien Zugang zu ihren Archiven und versprachen, das Ergebnis der Recherchen ohne Änderungswünsche hinzunehmen. Mit dem Buch „Der Aufstieg der Quandts“ legte Scholtyseck, Professor an der Universität Bonn, vier Jahre später das Ergebnis seiner Recherchen vor. Darin werden auf 838 Seiten Verhältnisse, Ereignisse und Personen beschrieben. Mehr als 4000 Anmerkungen sowie 77 Seiten Quellen- und Literaturverzeichnis zeugen von Fleiß und Ausdauer der Helfer auf der Suche nach Akten und anderen Quellen in über 40 Archiven im In- und Ausland.

          Ehemaliger Steuerberater der Familie zweifelt Erkenntnisse an

          Sind die Erkenntnisse daraus aber in jeder Hinsicht plausibel? Karl Gerlach, ein ehemaliger Steuerberater der Familie Quandt, hat daran seine Zweifel. Akribisch listet er auf, an welchen Stellen im Buch nach seiner Meinung eine letztlich durch die vielbeachtete Fernsehdokumentation vorgefertigte Meinung trotz der jahrelangen Recherchen übernommen wurde. Diese Zeitung hat Scholtyseck mit einem Teil der Recherchen Gerlachs konfrontiert. Der Historiker weist in diesem Zusammenhang aber nicht einfach nur den Vorwurf zurück, eine vorgefertigte Meinung gehabt zu haben. Scholtyseck setzt sich auch detailliert mit den Bemerkungen Gerlachs auseinander.

          Auf diesem Weg ist ein spannender Dialog zwischen einem interessierten, ehemaligen Begleiter der Familie Quandt entstanden, der im hohen Alter auch sein Wissen als Steuerberater nutzen will, um die Vergangenheit aufzuarbeiten, und einem anerkannten Professor der Universität Bonn. Seiner Hochschule war von der Familie Quandt ein Drittmittelprojekt finanziert worden, auf das die Quandts selbst keinen Einfluss mehr hatten. „Die Familie hat sich, ganz wie ich das erwartet hatte, vorbildlich an diese Abmachungen gehalten“, gibt Scholtyseck auch heute noch zu Protokoll. Die Familie hat auch die Arbeiten Gerlachs zu keinem Zeitpunkt beeinflusst – und in diesem Fall auch nicht finanziell unterstützt. Es handelt sich dabei also um eine Privatangelegenheit Gerlachs, die davon zeugt, wie emotional ihn die Diskussion um die Quandts in der Nazizeit berührt hat.

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