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Unter Stress : Die Banken und ihr Fitness-Test

Yves Mersch Bild: Kaufhold, Marcus

Die EZB wird 128 Banken in den nächsten zwölf Monaten im Stresstest prüfen - 24 davon aus Deutschland. Den Aufbau der Bankenaufsicht unter dem Dach der EZB treibt maßgeblich der Luxemburger Yves Mersch voran. Ein Porträt.

          3 Min.

          Er ist ein begeisterter Turner, und betrieb den Sport viele Jahre auf professionellem Niveau. Turner wirbeln auf Barren und an der Reckstange herum. Yves Merschs Medienberater sind aber gar nicht so begeistert, wenn das mächtige EZB-Direktoriumsmitglied in internationalen Zeitungen wieder einmal als Turner-Figur dargestellt wird. Da kommen schnell Assoziationen auf, der mit seinen 64 Jahren agile Mersch sei irgendwie zu flexibel und biegsam für einen Zentralbanker, der auf Stabilität verpflichten ist; oder er turne gar ohne Sicherheitsnetz.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Als Drahtseilakt erscheint nun der Aufbau der Bankenaufsicht unter dem Dach der Europäischen Zentralbank (EZB), für den der Luxemburger maßgeblich verantwortlich ist. Schon ein falscher Schritt kann zum Absturz führen. Mersch steht dabei von mehreren Seiten unter Druck. Bankenverbände dringen hinter den Kulissen darauf, keine zu hohe Kapitalhürde anzulegen. „Wir werden uns dem Lobby-Druck einiger Banken nicht beugen“, hat Mersch schon vor einem Monat vorbeugend in einer Rede öffentlich bekannt.

          Bei der tiefgreifenden Bilanzprüfung werden die EZB-Aufseher in den Eingeweiden der Banken herumstochern und sicherlich einige unschöne Funde machen. Für manches Institut mit vielen ausfallgefährdete Krediten kann es eng werden. Bankaktien gehörten am Mittwoch zu den Verlierern an den Börsen, als die EZB die Details der kommenden Bilanzprüfung bekannt gab. Aber Mersch gibt sich überzeugt, dass die Übung letztlich nicht zu Verunsicherung, sondern zu mehr Vertrauen führen wird. Er hofft, dass die Banken vorausschauend genügend Kapital aufnehmen werden, um die Anforderungen zu erfüllen.

          Und eine mögliche Belastung der Steuerzahler durch neue große Kapitalspritzen für Banken? Dazu werde es nicht kommen, gibt er sich fest überzeugt. Europas Banken hätten sich schon große Polster beschafft. Im Durchschnitt liege die Kapitalquote der Großbanken nun bei annähernd 12 Prozent, also weit über den geforderten 8 Prozent. Allerdings steckt die EZB in einem Dilemma: Fällt das Ergebnis ihrer Bilanzprüfung zu günstig aus, bleibt Misstrauen, ob sie wirklich alle Leichen in den Kellern der Banken gefunden hat. Andererseits würde ein zu schlechtes Ergebnis für einige Institute, gerade aus den angeschlagenen Südländern, eine neue Welle der Verunsicherung bei Investoren auslösen. Für Mersch ist diese Gratwanderung bei der Bilanzprüfung die größte Aufgabe in seinem Berufsleben. Er sprach von der zu bauenden Bankenunion als der „ultimativen Herausforderung unserer Zeit“.

          Ein Kritiker der Staatsanleihekäufe

          Im Rat der EZB gehört er zu den erfahrensten Mitgliedern. Nur er und der Franzose Christian Noyer gehören seit Gründung der EZB 1998 ihrem Rat an, Mersch elf Jahre lang als Gouverneur der damals ebenfalls neu gegründeten Luxemburger Zentralbank. Er hat einen langen Weg zum stabilitätsbewussten Geldpolitiker hinter sich. Geboren 1949 als Sohn eines Luxemburger Verfassungsrichter, hat Mersch in Paris an der Sorbonne Jura und Politik studiert. Die volkswirtschaftlichen Kurse, die er dort belegte, waren in der Zeit nach 1968 stark marxistisch angehaucht. Mersch wurde Mitglied der gemäßigt sozialistischen Luxemburgischen Arbeiterpartei. Ein zweijähriger Einsatz beim Internationalen Währungsfonds in Washington, wo er seine Frau, eine malaysische Ökonomin, kennenlernte, brachte für ihn einen kleinen Kulturschock. Bald wurde er zum überzeugten Marktwirtschaftler.

          Nach mehreren Stationen in der Luxemburgischen Verwaltung und im Finanzministerium stieg er dort 1989 zum Direktor des Schatzamtes auf. In dieser Position hat er an den Verhandlungen mitgewirkt, die zum Maastricht-Vertrag und der Schaffung des Euro führten. Der Sprung ins EZB-Präsidium gelang ihm erst im zweiten Anlauf und gegen den Widerstand linker und liberaler EU-Abgeordneter, die eine Frau dort sehen wollten. Er könne nichts dafür, dass er ein Mann sei, sagte der Schnauzbartträger. Seine Qualifikation haben die querschießenden Abgeordneten nie bestritten.

          Der Zentralbanker Mersch gilt als Vertreter einer stabilitätsorientierten Linie. Als die Euro- Schuldenkrise eskalierte, gehörte er neben Bundesbank-Chef Jens Weidmann zu den Kritikern der EZB-Staatsanleihekäufe. Dann aber blieb nur noch Weidmann allein übrig, der das neue Anleihekaufprogramm von EZB-Chef Mario Draghi ablehnt, weil er es als verbotene monetäre Staatsfinanzierung ansieht. Mersch hingegen lobt es als „ein gewaltiges Bollwerk gegen die zerstörerischen Szenarien“, die an den Finanzmärkten gespielt würden.

          Spannend wird die Frage, wer aus dem sechsköpfigen EZB-Direktoriums dauerhaft die Aufgabe übernimmt, die Bankenaufsicht zu führen. Vorsitzende des „Supervisory Boards“ wird höchstwahrscheinlich die französische Bankenaufseherin Daniele Nouy. Sie gilt als quasi gesetzt, auch wenn die EZB heuchlerisch behauptet, es gebe ein „offenes und transparentes“ Bewerbungsverfahren. Für den Vize-Posten kämen vor allem der bisherige EZB-Chefvolkswirt Peter Praet oder Mersch in Frage. EZB-Vizepräsident Vítor Constâncio hat wohl wenig Aussichten, der Deutsche Jörg Asmussen hat verzichtet. Intern werden Mersch größere Chancen ausgerechnet. Der Posten ist aber ein heißer Stuhl. Von „großen Abwärtsrisiken“ sprechen sie intern – gemeint ist eine große Fallhöhe, falls die Sache schiefgeht, etwa weil der EZB bei ihrem Bankenfitnesstest eine Zombiebank übersieht und dann mit deren Altlasten zu kämpfen hat.

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